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Behandlung von Traumata

Eine Therapie ist nicht aussichtslos

Von Rüdiger Soldt
 - 22:28

Im Staufener Pädophilie-Fall sind noch viele Fragen zu klären. So muss rekonstruiert werden, ob der neun Jahre alte Junge nicht früher und dauerhaft in einer Pflegefamilie hätte untergebracht werden müssen, um ihn vor den pädokriminellen „Freiern“, seiner pädophilen Mutter und vor allem vor dem Hauptverdächtigen, seinem Stiefvater Christian L., zu schützen. Gab es frühere Hinweise der Polizei, hätte ihnen intensiver nachgegangen werden müssen? Dass es einen erheblichen Aufklärungsbedarf in diesem Fall gibt, haben das Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald, dessen Jugendamt den Jungen seit 2008 zunächst wegen einer Entwicklungsverzögerung betreute und das 2017 für einen Monat auch eine kurzfristige Inobhutnahme durchgesetzt hatte, sowie das Oberlandesgericht Karlsruhe und das Amtsgericht Freiburg selbst eingestanden. Auch die zuständigen Landesministerien werden sich die Akten kommen lassen.

In einem solchen Fall stehen die schrecklichen, manchmal voyeuristisch ausgebreiteten kriminellen Taten im Vordergrund. Die Behörden und Mediziner müssen sich aber auch um die Opfer kümmern. Am Freitag beauftragte das Landratsamt eine Berliner Anwaltskanzlei, den Jungen vor dem Zugriff der Medien zu schützen. Kinder und Jugendpsychiater kümmern sich um das Kind.

Lange Wartezeiten für Behandlungsplätze

Eva Möhler, Oberärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg, hält auch in einem so schweren Fall eine Therapie für nicht aussichtslos. „Primär sollte man ihm einen sicheren Ort bieten – er kann erst zur Ruhe finden, wenn er weiß, wo er leben wird und dass er dort sicher ist. Man sollte ihn auch angesichts des Medienrummels vor einer Pathologisierung schützen – nicht jedes Kind wird nach einem Missbrauch psychisch schwerkrank“, sagt die Ärztin. Hilfreich könne zunächst ein Resilienz- und Stabilisierungstraining sein. Bei schweren posttraumatischen Symptomen komme dann, wenn ein Patient hinreichend stabil sei, eine „aufarbeitende Therapie“ in Frage. „Wir haben da in Deutschland in den letzten zehn Jahren deutliche Fortschritte gemacht: Möglich ist in einem solchen Fall eine traumafokussierte Verhaltenstherapie oder die KIDNET-Therapie, eine narrative Expositionstherapie.“ Beide Therapieformen stammten aus den Vereinigten Staaten, seien aber mittlerweile in verschiedenen Zentren in Deutschland evaluiert worden. „Ziel ist es“, so die Ärztin, „die Ereignisse mit den Patienten so aufzuarbeiten, dass die posttraumatischen Belastungssymptome abnehmen.“

Kein Arzt oder Psychologe würde pädophile Gewalttaten verharmlosen. Erfahrene Kinder- und Jugendpsychiater weisen aber darauf hin, dass auch ein schwerer sexueller Missbrauch nicht zwangsläufig zu „kaputten Menschen“ führen müsse. „Natürlich kann man solche Ereignisse nicht löschen, es werden nach einer so multiplen Misshandlung wohl immer Erinnerungsspuren zurück bleiben“, sagt Eva Möhler. Aus Studien wisse man, dass etwa 15 Prozent der jungen Mütter eine Missbrauchserfahrung in der eigenen Kindheit gehabt hätten. Von diesen Müttern haben aber nur ein Fünftel in Interviews angegeben, jemals psychisch krank gewesen zu sein. Das zeige, so Eva Möhler, dass es auch nach schweren traumatischen Belastungen zumindest äußerlich möglich sei, ein normales Leben zu führen. „Wir sehen Kinder mit äußerst schwierigen Biographien, zum Beispiel mit vielen Bezugspersonenwechseln, oder sie waren in zahlreichen Heimen und sind vernachlässigt und missbraucht worden. Und auch bei so schwer und dauerhaft belasteten Kindern haben wir manchmal gute therapeutische Erfolge.“

Leider seien die Wartezeiten auf einen kinderpsychiatrischen Behandlungsplatz immer noch lang. Wenn Symptome nicht schnell behandelt würden, bestehe die Gefahr, dass sie chronisch würden und sich schwere Folgestörungen entwickelten. In den vergangenen Jahren ist in Deutschland einiges für einen besseren Schutz von sexuell missbrauchten Kindern und eine bessere Therapie getan worden. Wenngleich kriminelle Pädophile durch das „Darknet“ neue Möglichkeiten für ihre Machenschaften haben, sind Sensibilität und Aufmerksamkeit in der Bevölkerung und in der Politik größer geworden. Die neue Kinderschutzhotline, sagt Eva Möhler, werde dazu beitragen, den Zeitraum vom ersten Verdacht bis zur psychiatrischen Intervention deutlich zu verkürzen.

Kritik am Vorgehen der Gerichte in Freiburg und Karlsruhe

In der medizinischen Forschung wird an Therapieformen gearbeitet, die helfen könnten, den sogenannten „Misshandlungskreislauf“ zu durchbrechen, damit Missbrauchshandlungen nicht von Generation zu Generation weitergegeben werden. „Das ist eine Herausforderung. Untersuchungen zeigen, dass ein großer Teil von Misshandlungsopfern spätestens in der nächsten Generation selbst zum Täter wird. Viele Eltern sagen uns: ‚Ich bin ja selbst geschlagen worden, ich will mein Kind auf keinen Fall schlagen.‘“

Sie schafften es aber nicht, sich anders zu verhalten, so dass es wieder zu einem verhängnisvollen Misshandlungskreislauf komme. Woran das liegt und wie dieser Kreislauf durchbrochen werden kann, ist Gegenstand des an der Universität Heidelberg koordinierten Forschungsprojekts „Understanding and breaking the intergenerational cycle of abuse“, kurz UBICA. „In den nächsten fünf Jahren wollen wir Interventionsmöglichkeiten erforschen, um diese Kreisläufe nach einem sexuellen oder körperlichen Missbrauch zu durchbrechen. Wenn es uns gelingt, eine effiziente Prävention zu entwickeln, könnten viele Misshandlungen vermieden, gesellschaftliche Folgekosten eingespart und die Entwicklung unserer Kinder besser geschützt werden“, sagt Eva Möhler.

Die Ärztin hält den Staufener Fall nicht für so außergewöhnlich, wie er in der Öffentlichkeit derzeit dargestellt werde. Auch die zentrale Tatbeteiligung der Mutter überrascht die Wissenschaftlerin nicht: „Leider sehen wir es gar nicht so selten, dass Mütter in die Missbrauchshandlungen verwickelt sind. Es wird zu leichtfertig vorausgesetzt, dass die Mutter ihr Kind auf jeden Fall immer schützt. Es gibt aber Mütter, die zum Beispiel selbst eine sehr belastete Biographie haben, die emotional instabil sind oder deren Werteordnung durch eigene Traumata oder psychische Erkrankungen, die sie selbst mit sich herumtragen, gestört ist.“ Die Jugendämter müssten sich immer ein umfassendes Bild von den Belastungen und den Biographien der Eltern machen. Damit kritisiert Möhler auch das Vorgehen der Gerichte in Freiburg und Karlsruhe, die in mehreren Entscheidungen davon ausgegangen waren, dass die Mutter ihren Sohn vor dem Zugriff ihres pädophilen Partners schützen würde. Die Kontrolle der von den Gerichten auferlegten Kontaktsperre war im Staufener Fall nicht das Papier wert, auf dem sie angeordnet wurde.

Quelle: F.A.S.
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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