Carla Bruni im Gespräch

„Die Verteufelung von Aids führt zur Nichtbehandlung“

 - 12:02
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Zum Welt-Aids-Tag spricht Carla Bruni, 41, über ihr Engagement als Botschafterin des Globalen Fonds gegen Aids, Malaria und Tuberkulose. Brunis älterer Bruder starb im Jahr 2006 an Aids, ihre Familie gründete eine Stiftung.

Sie sind Sängerin, Frankreichs „First Lady“, also Première Dame, und jetzt auch Anti-Aids-Botschafterin. Aus welchem Grund haben Sie sich für diese humanitäre Aufgabe entschieden?

Für mich war es ziemlich schnell klar, dass ich für den Globalen Fonds gegen Aids, Tuberkulose und Malaria wirken wollte. Ich verfolge die hervorragende Arbeit des Fonds schon länger. Deshalb habe ich nicht gezögert, die Rolle als Botschafterin zu akzeptieren. Ich widme mich besonders der Aids-Vorsorge für Frauen und Kinder, weil es da noch viel auszurichten gibt. Die Kommunikation, ja, die Aufklärungsarbeit ist besonders entscheidend, damit schwangere Frauen sich einem HIV-Test unterziehen. Ungeborene Kinder können noch im Mutterleib vor einer Übertragung geschützt werden. Der Globale Fonds verfügt über die Medikamente, aber vielen Schwangeren, gerade in Afrika, fehlt noch der Reflex, sich testen und im Bedarfsfall behandeln zu lassen. Wenn ich dank meiner Rolle, vielleicht auch dank meiner Bekanntheit, dazu beitragen kann, dass sich das ändert, dann habe ich viel erreicht.

In einer Rede vor den Vereinten Nationen haben Sie vor kurzem die Staats- und Regierungschefs der Welt aufgefordert, dafür zu sorgen, dass von 2015 an kein Kind mehr im Mutterleib mit dem HIV-Virus infiziert wird. Glauben Sie, dass dieses Ziel erreicht werden kann?

Wir könnten 400.000 Babys pro Jahr retten. Wenn wir es schaffen, würden von 2015 an alle Kinder von HIV-infizierten Müttern in bester Gesundheit zur Welt kommen. Das wäre wunderbar. Wir sind nicht weit von diesem Ziel entfernt, wir haben schon unglaubliche Fortschritte in den vergangenen Monaten gemacht. Ich will meinen Teil dazu beitragen, dass wir weiter vorankommen. Natürlich muss man um Gelder betteln, aber das ist nicht sehr unangenehm, wenn man bedenkt, wie sehr damit das Schicksal von vielen Familien verändert werden kann.

Wirbt die Anti-Aids-Botschafterin auch bei ihrem Ehemann, dem französischen Staatspräsidenten, für ihre Mission?

Die Regierungen haben fast alle schon von selbst viel zum Globalen Fonds beigetragen. Sie müssen damit weitermachen, auch während der Krise. Gerade in der Weltwirtschaftskrise ist es wichtig, dass die Großzügigkeit nicht nachlässt, dass der Kampf gegen Aids nicht vergessen wird.

Nutzen Sie denn manchmal offizielle Anlässe, um im Kampf gegen Aids Unterstützung zu gewinnen?

Ich spreche nicht mit den Staats- und Regierungschefs, die in Frankreich zu Gast sind oder denen ich bei Reisen begegne. Ich sage ihnen „Bonjour“, das ist alles. Normalerweise spricht nur mein Mann mit den Staats- und Regierungschefs. Ich rede mit den Ehefrauen, und leider sprechen wir da selten über Themen wie den Globalen Fonds. Eigentlich rede ich auch mit meinem Mann nicht viel darüber, das sind ja keine persönlichen Fragen, nichts, womit wir unsere Abendunterhaltungen bestreiten. Entscheidungen über die Mittelvergabe für den Globalen Fonds sind ernsthafte Regierungsfragen, da mische ich mich nicht ein. Aber natürlich weiß ich, dass mein Mann meine Mission unterstützt.

Ihr erster Staatsbesuch an der Seite Ihres Mannes hat sie nach Südafrika geführt. Sie haben dort eine Aids-Station besucht. Welche Eindrücke haben Sie von Ihrem Besuch mitgebracht?

Ich denke oft daran zurück, die Aids-Station lag mitten in einem Elendsviertel. Da ist mir die psychologische Dimension der Aids-Krankheit bewusst geworden. Ich habe Sozialarbeiter entdeckt, die oft selbst infiziert sind und in dem Elendsviertel leben, um den anderen die Botschaft zu übermitteln: Ich bin auch krank, aber ich nehme Medikamente, deshalb geht es mir besser. Nehmt auch Medikamente! Gerade in den Elendsvierteln wird Aids verteufelt. Die Verteufelung führt manchmal zu einer Verleugnung der Krankheit und zu einer Nichtbehandlung. Das ist sehr schlimm. Unbehandelt müssen sie sterben. Deshalb ist die Arbeit von den Aids-Stationen so wichtig. Das war im März 2008, ich war noch nicht Botschafterin für den Fonds, aber es hat meine Überzeugung bestärkt, für den Kampf gegen Aids eintreten zu wollen.

Haben Sie Vorbilder für Ihre Rolle als Präsidentengattin und humanitäre Botschafterin?

Es stimmt, dass ich mich nicht mein Leben lang auf die Rolle als Präsidentengattin vorbereitet habe. Ich habe Vorbilder, aber die finden sich nicht unbedingt unter berühmten Leuten. Ich bewundere alle Leute, bekannt oder unbekannt, die ihr künstlerisches oder politisches Leben mit einem humanitären Engagement verbinden. Wenn ich einen Namen nennen muss, dann fällt mir Bono ein, der sich auf dem Lorbeer als Sänger ausruhen könnte, aber der stattdessen eine riesige Energie darauf verwendet, das Schicksal der Welt zu verändern. Aber mal abgesehen von den großen Vorbildern, die von Mutter Teresa bis Abbé Pierre reichen, begegne ich vielen Vorbildern bei meinen Besuchen vor Ort, in den Aids-Stationen oder den Vereinen. So sind es vielleicht die vielen anonymen Helfer, die für mich echte Vorbilder sind.

Warum sind Sie nach Burkina Faso gereist? Wollen Sie nicht nur Botschafterin für den Globalen Fonds, sondern auch Helferin sein?

Ich war von einer gewissen Neugierde, von dem Bedürfnis getrieben, an Ort und Stelle zu sehen, wie der Globale Fonds seine Mittel einsetzt. Ich wollte den Frauen und Kindern begegnen, denen mit den Programmen des Fonds geholfen wird. Ich habe mir ein Bild von der Arbeit in diesem armen, sehr armen afrikanischen Land verschaffen können. Ich habe sehen können, wie die Krankenschwestern und die Ärzte zusammen arbeiten, sogar der Staat, um die Aids-Epidemie einzudämmen. Ich sehe meine Rolle nicht nur darin, meine Bekanntheit einzusetzen, um auf die Notwendigkeit aufmerksam zu machen, den Kampf gegen Aids fortzusetzen. Ich will mir auch an Ort und Stelle Eindrücke verschaffen, nicht nur bei Wohltätigkeitsgalas. Natürlich lehne ich Wohltätigkeitsgalas nicht ab, sie können nützlich sein, es wird dort viel gespendet. Aber ich gehe eigentlich nur dahin, wenn sie genau meinem Ziel entsprechen. Außerdem, wenn Sie wüssten, wie wenig ich mondäne Veranstaltungen schätze . . .

Planen Sie weitere Reisen?

Ja, ich will wieder nach Afrika reisen. Im Januar fahre ich nach Benin, die anderen Ziele haben wir noch nicht festgelegt.

In Frankreich wird zur Zeit heftig darüber debattiert, ob nicht einige besonders mediengewandte Wohltätigkeitsorganisationen wie der Téléthon zu viel Spenden auf sich ziehen und andere – wie die Aidshilfe – dadurch benachteiligt werden. Wie sehen Sie die Debatte?

Ich verfolge die Debatte aus der Ferne. Ich glaube, es ist normal, dass jede Organisation versucht, möglichst viele Spenden zu erhalten, dass es einen gewissen Konkurrenzkampf gibt. Muss man das beklagen? Ich finde, das Wichtigste ist die Großzügigkeit der Franzosen. Der Rest interessiert mich nicht. Mit den Einnahmen des Téléthon zum Beispiel wird Forschungsarbeit finanziert, die auch der Aids-Forschung zugute kommen kann. Man muss unterscheiden, was die Medien interessiert und was die Realität ist.

Spielen bei Ihrem Engagement im Kampf gegen Aids auch persönliche Gründe eine Rolle? Ist Ihr Interesse an dem Schicksal afrikanischer Kinder gestiegen, seit Sie eine Nichte, Céline, haben, die aus dem Senegal stammt?

Nein, meine persönliche Geschichte spielt da keine Rolle. Ich hätte mich auch für die Aids-Prävention interessiert, wenn mit dem HI-Virus vor allem russische oder deutsche Kinder infiziert würden. Außerdem ist der Globale Fonds nicht nur in Afrika tätig, sondern auf der ganzen Welt. Wir haben das große Glück, dass in Frankreich oder in Deutschland eine so gute Gesundheitsvorsorge herrscht, dass bei uns kein Baby mit dem HI-Virus geboren wird. Ihre Mütter werden medizinisch behandelt. Ich finde es ungerecht, dass das in Afrika oder in Indien anders ist, zumal die Medikamente dafür zur Verfügung stehen. Aber das hat nichts mit meinem Privatleben, nichts mit meiner kleinen Nichte zu tun.

Seit Sie Frankreich als Präsidentengattin repräsentieren, haben Sie auf Konzertauftritte verzichtet. Nur für Nelson Mandela und zugunsten des Globalen Fonds haben Sie kürzlich eine Ausnahme gemacht und in New York gesungen. War das für Sie ein einmaliger Augenblick, in dem Sie Ihr vorheriges Leben als Sängerin mit dem jetzigen der Präsidentengattin versöhnen konnten?

Ja, das war ganz schön, alles miteinander zu verbinden. Aber, ehrlich gesagt, habe ich nicht wirklich das Bedürfnis, meine wahre Arbeit, die der Komponistin, Liedtexterin und Sängerin, mit meiner Funktion als Präsidentenfrau zu versöhnen. Letzteres ist ja nur eine Funktion, ein Platz, der einzunehmen ist, keine wirkliche Arbeit. Es verschafft mir nicht wirklich Zufriedenheit, die beiden zu vermischen. Aber da ich ganz menschlich bin und sich in mir verschiedene Sachen vereinen, vermischt sich dann doch alles. Aber ich hätte für Nelson Mandela, den ich seit langem bewundere, genauso gern gesungen, wenn ich nur Sängerin gewesen wäre. Ich konnte letztlich an dem Konzert teilnehmen, weil es einem humanitären Zweck diente.

Fehlt es Ihnen nicht, als Sängerin bei Konzerten vor Ihr Publikum zu treten?

Doch, es fehlt mir ein wenig, aber ich werde bestimmt wieder damit anfangen.

Auch als Première Dame?

Ja, auch dann. Ich werde Ihnen Bescheid sagen.

Die Fragen stellte Michaela Wiegel.

Quelle: F.A.Z.
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