Tradition in China

Nach der Geburt kaserniert

Von Petra Kolonko, Peking
 - 16:01

Es war heißer Pekinger Sommer, als Xu Jings kleiner Sohn geboren wurde. Aber trotz stickiger Wärme durfte die junge Mutter einen Monat lang nicht aus der Wohnung gehen. Auch Duschen und Haarewaschen waren ihr verboten. Zu Essen gab es einen Monat lang nur ungewürzte und ungesalzene warme Suppen, Brei und Eier. Xu Jings Schwiegermutter achtete darauf, dass ihre Schwiegertochter die meiste Zeit im Bett lag und nur aufsaß, um das Kind zu stillen.

Die Fenster in der kleinen Wohnung in einem Pekinger Hochhaus blieben geschlossen. Nur gelegentlich wurde die Klimaanlage kurz in Betrieb genommen, wenn Mutter und Kind gerade nicht im Zimmer waren.

Das Schlimmste für eine Wöchnerin sei es, Zugluft abzubekommen oder kalt zu werden, sagte die Schwiegermutter. In der kleinen Kochecke bereitete sie unentwegt fettige Knochensuppen und ungesalzenes gekochtes Gemüse für die Schwiegertochter, angereichert mit chinesischem Reiswein.

Sitzen als Tradition

China ist ein Land, das wenig auf Traditionen gibt. Einige alte Gebräuche sind von der Kommunistischen Partei schon lange als „Aberglauben“ ausgerottet worden, andere sind der Modernisierung und Verstädterung zum Opfer gefallen oder pragmatisch an neue Gegebenheiten angepasst worden. Doch eine Tradition hält sich hartnäckig, den Erkenntnissen der Hygiene und Medizin zum Trotz. Eine junge Mutter muss nach der Geburt ihres Kindes „zuo yuezi“, den Monat aussitzen.

Als Xu Jing schwanger war, hatte sie eigentlich nicht vor, sich der Prozedur des „zuo yuezi“ zu unterziehen. Als moderne Städterin wusste sie, dass es in Europa oder Amerika solche Vorschriften nicht gibt – sie fand sie altmodisch. Auch ihr Gynäkologe bestätigte ihr, es sei nicht nötig, einen Monat lang im Bett zu liegen, aber dann rückte kurz vor der Geburt ihre Schwiegermutter aus der Provinz an und machte ihr Angst.

Regeln, Regeln und Verbote

Wenn sie die Gebote des „Monatssitzens“ nicht einhalte, werde sie das später bereuen, drohte sie. Im Alter würde dann die „Monatskrankheit“ ausbrechen, alle möglichen Gebrechen vor allem in Gelenken und Knochen könnten sie plagen. Davon ließ sich Xu Jing überzeugen. Sie schwitzte sich mit ihrem Neugeborenen durch dessen ersten Monat, unter den strengen Augen der Schwiegermutter, die darauf achtete, dass nicht gemogelt wurde.

Die Liste der Vorschriften und Verbote für den „Monat“ ist lang und variiert auch noch örtlich. Das wichtigste Gebot ist, dass die Wöchnerin mindestens einen Monat liegen muss, weil sich sonst die Gebärmutter senkt.

Sie darf nicht duschen oder baden, sondern nur mit einem feuchten Tuch abgetupft werden, weil die Poren der Haut nach der Geburt geöffnet sind und Kälte eindringen kann. Auf keinen Fall darf sie die Haare waschen, weil die Kopfhaut nicht kalt werden darf. Sie darf auch ihr Kind nicht tragen, weil sich sonst ihre inneren Organe senken.

Traditionelle chinesische Medizin?

Die junge Mutter muss auch ihre Augen schonen, weil sie von der Geburt erschöpft sind, daher ist Lesen oder Fernsehen nicht angezeigt. Sie darf auf keinen Fall weinen, weil dies die Augen zusätzlich belasten würde. Zähneputzen würde zu Zahnausfall führen. Sie darf nicht aus dem Haus und soll sich möglichst wenig bewegen.

Der Speiseplan ist fad. Obst und frisches Gemüse sind verboten, auch Milchprodukte und Scharfes, kalte Getränke und Wasser sind strikt untersagt. Stattdessen gibt es Brei und Suppe – und für stillende Mütter noch weitere fade Rezepturen, die angeblich die Milchproduktion anregen.

Die Vorschriften des „Monatssitzens“ fußen auf den Theorien der Traditionellen Chinesischem Medizin und stammen aus der Zeit, als China noch Agrarland war und für Wöchnerinnen und Neugeborene überall Gefahren durch mangelnde Hygiene und schlechte Wohnbedingungen lauerten. Sie waren auch ein Schutz für Mütter und Kinder vor Ansteckungen.

Ein Monat im Luxus

Den Frauen gab es früher die seltene Gelegenheit, sich nach der Geburt einen Monat lang von ihren Müttern, Schwiegermüttern oder Bediensteten verwöhnen zu lassen. Heute zweifeln manche die Tradition zwar an, doch wie Xu Jing lassen sich dann doch die meisten von ihren Müttern oder Schwiegermüttern überzeugen und gehen lieber auf Nummer sicher.

Zudem könnte die Weigerung zu einem Familienkrach führen – denn in China wird noch mehr Gewicht auf die Meinung der Älteren gelegt als im Westen. Die meisten jungen Mütter in China sagen aber, dass sie den „Monat“ schrecklich fanden.

Um die Kasernierung angenehmer zu machen, gibt es jetzt für alle, die es sich leisten können, „Monats-Zentren“ , in denen die Wöchnerinnen einen Rund-um-die-Uhr-Service in einer komfortablen Umgebung genießen können. Der schickste und wohl teuerste in Peking ist das Xiyuege, ein „Mutter-und-Kind-Pflegezentrum“, das den jungen Müttern puren Luxus verspricht, während sie sich an das Leben mit dem Kind gewöhnen.

Bloß keine frische Luft!

Hier verbringen Schauspielerinnen und Prominente und andere aus der neuen Klasse der Superreichen ihren Monat. Die Lobby von Xiyuege gleicht der eines Fünf-Sterne-

Hotels, über gepflegte Gänge huschen Pflegerinnen und andere dienstbare Geister. Junge Mütter in Pyjamas schlurfen am Arm von Pflegerinnen zu ihren Zimmern. Mutter und Kind sind in Hotel-Suiten mit Kinderbett untergebracht, mit Aussicht auf einen Park. Gegen Aufpreis gibt es auch ein Extra-Bett für Väter oder andere Verwandte, die bei der jungen Mutter bleiben wollen. Die Luft ist abgestanden. Auch hier fürchtet man Luftzug – die Fenster sind nicht zu öffnen.

Für Besucher gibt es Aufenthaltsräume, die mit schweren Barockmöbeln ausgestattet sind, und für Väter, die sich langweilen, einen Fitness-Raum. Die Mütter können Yoga oder Gymnastik üben. Im Shop werden aus Europa importierte Babyartikel und Milchpulvernahrung verkauft, einschließlich importierten Wassers für Babynahrung zu drei Euro die Flasche.

Und auch bloß keine Bewegung!

Wenn die jungen Mütter Pause von ihren Neugeborenen haben oder die Nacht durchschlafen wollen, können sie die Kleinen in der Baby-Station abgeben. Dort ist über dem Bettchen eine Kamera angebracht, so dass die Mutter in ihrem Zimmer ständig auf dem Bildschirm ihr Kind unter Beobachtung haben kann. In die Suite kommt auf Knopfdruck auch eine Kinderschwester und einmal am Tag ein Arzt.

„Wir bieten hier eine Betreuung nach traditionellen und neuen medizinischen Erkenntnissen an“, sagt Wei Hua vom Xiyuege. Die Frauen dürften duschen und vorsichtig die Zähne putzen. Ihre Diät bestehe zwar auch nur aus Gekochtem, sei aber nicht so fett wie das traditionelle „Monats-Essen“. „Wir sagen den Frauen, dass sie sich ein bisschen bewegen können, aber nicht zu viel. Für die Frauen, die hierher kommen, ist es auch wichtig, dass sie bald wieder eine gute Figur haben. Sie dürfen vor die Tür gehen, wenn sie das wollen, aber die meisten machen das nicht.“

Außerdem bekommen die jungen Mütter Hilfe beim Umgang mit ihrem Kind. Die Schwestern sind zur Stelle, wenn es Probleme beim Stillen oder Wickeln gibt oder das Kind zu viel schreit. Damit seien die Mütter von der Sorge entlastet, dass sie nicht alles richtig machen, sagt Wei Hua. Auch die Väter könnten beruhigt ihrer Arbeit nachgehen, weil sie wissen, dass Frau und Kind gut versorgt sind.

Ein Monat voller Bequemlichkeit

Frau Liu in Suite fünf findet die Einrichtung wunderbar. Sie war eigentlich auch skeptisch, was das „Monatssitzen“ angeht, und fand, dass es nicht den neuesten medizinischen Erkenntnissen entspricht. Doch dann fühlte sie sich nach der Geburt so erschöpft, dass sie in das Zentrum umzog. Und jetzt findet sie es wunderbar, sich hier bedienen zu lassen. Sie will sogar länger als einen Monat bleiben.

Einen so luxuriösen Monat kann sich nicht jeder leisten. Je nach Größe der Suite und Länge des Aufenthaltes zahlt man zwischen umgerechnet 10.000 und 25.000 Euro. Mittlerweile haben aber immer mehr Anbieter diese Marktlücke entdeckt und bieten den Monatsservice für Mutter mit Kind schon von 3000 Euro aufwärts an. Schon wird Wildwuchs beklagt – und dass viele Zentren nicht die professionelle Betreuung anbieten, mit der sie werben.

Für Mütter, die zu Hause bleiben müssen und keine Mutter oder Schwiegermutter zur Betreuung rufen können, gibt es Monats-Pflegerinnen, die bei der Familie wohnen. Sie sind mittlerweile so gefragt, dass sie schon höchste Löhne verlangen können. Job-Agenturen nehmen für eine gut ausgebildete Monats-Pflegerin schon fast 1200 Euro, etwa das Doppelte eines durchschnittlichen Monatsgehalts in Peking.

Der Unterschied zwischen Kate Middleton und den Chinesen

Gelegentlich regt sich vorsichtige Kritik an der alten Tradition. Als strahlende Beispiele dafür, dass es auch anders geht, halten Prominente aus dem Ausland her. Als etwa Kate Middleton am Abend der Geburt ihrer Tochter aus dem Krankenhaus trat und das königliche Kind auf dem Arm hatte, rief das eine Diskussion im chinesischen Internet hervor. „Die Prinzessin riskiert ihre Gesundheit“, schrieben die Nutzer.

Andere fragten, warum die westlichen Frauen nicht den Monat aussitzen müssten. Verwiesen wurde auch auf Victoria Beckham, die eine Woche nach der Geburt schon wieder arbeitete. Nur wenige schlugen aber vor, davon zu lernen und die Tradition ganz aufzugeben.

Chinesische Ärzte versuchen, die alten Vorschriften neu zu interpretieren und abzuschwächen. Man solle den Monat „auf wissenschaftliche Art“ aussitzen, raten sie jetzt. So ist die offizielle Empfehlung auf Internetseiten nun, dass man Zähne putzen darf, aber sehr vorsichtig, und dass man sich auch mit warmen Wasser waschen dürfe. Die Ärzte sagen, man solle den Monat als „Zeit des guten Ausruhens“ begreifen. Von frischer Luft aber reden sie nicht. „Ich glaube“, sagt Frau Liu aus Suite fünf, „dass die chinesischen und die westlichen Frauen von ihrer körperlichen Konstitution her einfach anders sind.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kolonko, Petra (P.K.)
Petra Kolonko
Politische Korrespondentin für Ostasien.
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