Sagen Sie mal, Frau Doktor

Sind Hautanhängsel gefährlich?

Von Dr. Yael Adler
 - 11:55

Regelmäßig kommen Paare in meine Sprechstunde und führen mir neu entdeckte Erhebungen am Körper ihres Partners vor – mit der Frage, ob man sich jetzt Sorgen machen müsse. Außerdem bleibe man beim Streicheln daran hängen! Ich rate dann gern als erste Maßnahme zu einem Experiment, und zwar gemeinsam: Stellen Sie sich nackt vor einen Spiegel! Betrachten Sie genau Ihre Haut und streichen sanft darüber – geht gut als Partnerübung. Zählen Sie einfach um die Wette: Wie viele Stellen finden Sie, die Ihre Haut vom Äußeren einer Porzellanstatue unterscheiden? Willkommen im internationalen Klub der Knubbel- und Fleckenträger!

Am Anfang sind es vielleicht kleine rote Punkte, die im Laufe der Jahre 3D-Struktur annehmen und Erbsengröße erreichen. Man kann von Blutschwämmchen reden, aber wir Ärzte sind große Eselsbrückeningenieure – das half beim Lernen im Medizinstudium! So entstehen oft beinahe lyrische Begriffe für nervige Erkrankungen wie diese. Wir nennen sie Kirsch-Angiome. Sie vermehren sich im Alter, was uncharmante Kollegen unverhohlen zur Diagnose „senile“ Angiome führt. Blutschwämmchen darf man behalten oder unkompliziert mit einem Laser veröden lassen. Sollten Sie auf die Idee kommen, selbst Hand anzulegen, Achtung: Angiome bluten stark!

Nun suchen Sie weiter: Um die Augen, aber auch anderswo entdecken Sie 0,5 mm große weißgelbe Kugeln? Auch hier haben Mediziner einen Begriff aus dem Lebensmittelbereich parat, um diese Hornperlen zu umschreiben. Es sind Grießkörner. Ganz offiziell heißen sie Milien. Wenn sie nicht von selbst wieder verschwinden, ritzt man die Oberhaut an und schiebt das Kügelchen heraus.

Dann fahnden wir nach Grießkörnern im XXL-Format: Gesucht werden pralle elastische kugelartige Gebilde unter der Haut. Mit einer Lupe erkennen Sie vielleicht eine Minipore – den ehemaligen Ausführungsgang einer normalen Hautpore, aus dem ein Haar wächst und in den eine Talgdrüse ihr Fett ergießt. Ist dieser Porenausgang verstopft, kommt es zum Stau von Talg, Zellschüppchen und Bakterien, die den Porenkanal aufdehnen.

Weiter geht’s vorm Spiegel

Auch am Kopf gibt es solche Zysten, sie stammen vom Haargewebe ab. Sekret im Sack nennt man eine Zyste, und diese spezielle Sorte im Volksmund Grützbeutel. Gegen Zysten mit Pore gibt es Zugsalbe, eine nach Teer riechende, schwarze und schieferölhaltige Salbe, die man aufträgt und mit einem Folienpflaster für ein paar Tage einschließt. Die Entzündung geht flott voran, bis sich mit etwas Glück der breiige Inhalt nach draußen ergießt. Bei renitenten Zysten und denen ohne Pore wird zur Entfernung eine Operation nötig sein. Dazu wird ein kleines Loch durch die Haut gebohrt, der Zystensack ausgespült und wie bei einer Geburt nach außen gezogen. Das riecht manchmal streng. Wer’s gern anschaulich mag, auf Youtube gibt es dazu Videos von Dr. Pimple Popper – ohne Geruch.

Auf keinen Fall sollte man versuchen, die Zysten einfach auszudrücken. Das führt schnell zu schweren Entzündungen.

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Manchmal finden sich in der Haut mehrere Zentimeter durchmessende weiche bis mittelharte schmerzlose Gebilde, die gern mit Zysten verwechselt werden: Etwa drei Prozent aller Menschen leiden unter Lipomen, rundlichen Tumoren aus Fettgewebe. Sie sind gutartig, können aber so groß werden, dass sie Haut und Körper deformieren. Menschen, die unzählige Lipome am Körper versammeln, leiden an einer Lipomatose. Lipome können bei Bedarf aber abgesaugt, mit der Fettweg-Spritze behandelt oder operiert werden.

Wir suchen nun nach weichen hautfarbenen oder bräunlichen Knötchen oder Läppchen, den Hautanhängseln. Sie können länglich oder rund sein und sind über einen schmalen Stiel mit der Haut verbunden, gern am Hals, den Achselhöhlen, manchmal im Schritt, an den Augenlidern oder am Rumpf. Da, wo Haut auf Haut oder Kleidung auf Haut reiben, wachsen sie wie kleine Gummibäume. Solche Stielwarzen sind keine Viruswarzen, also nicht ansteckend, sondern harmlose Hauttumoren. Manche Chirurgen lieben es, die Stielwarzen mit Resten ihrer Nähfäden abzubinden; so wird die Blutzufuhr des Anhängsels unterbrochen, es wird schwarz und fällt ab. Auch als Hautärztin kümmere ich mich gern um Stielwarzen und schneide sie mit einem Schnipp mit der superscharfen sterilen chirurgischen Schere ab. Bitte versuchen Sie das nicht selbst zu Hause mit der rostigen Nagelschere nachzumachen, denn das kann zu schweren Infektionen führen.

Bei unserem Spiegel-Experiment entdecken Sie vielleicht gelblich-braune bis schwarze Knubbel, die wie Käfer auf der Haut kleben, mal rauh und hornig, mal speckig glänzend – sogenannte seborrhoische (fettige) Keratosen (Verhornungen). Manchmal bröseln sie beim Abtrocknen nach der Dusche ab oder sehen schockierend dunkel aus, was schnell an schwarzen Hautkrebs denken lässt. Doch glücklicherweise entarten diese Hornknubbel nie. Sie nehmen im Alter zu und lassen sich vom Arzt abschaben oder weglasern.

Egal, ob geschabt oder gelasert wird: Es gibt keine Entfernung einer Hautwucherung ohne Gewebeuntersuchung, denn manche dieser Erhebungen können immer auch mal Leberflecken oder ganz selten Hautkrebs in Knubbelgestalt sein, und die darf man nicht übersehen und unüberprüft in den Müll werfen. Ihr Hautarzt bietet eine Vorsorgeuntersuchung an. Nehmen Sie dazu auch Ihren Lebenspartner mit!

Haben Sie auch eine Frage?

Haben Sie auch eine Frage, die Sie schon immer mal einem Arzt stellen wollten, ohne sich extra einen Termin in seiner Sprechstunde geben zu lassen? Dann fragen Sie doch einfach Dr. Yael Adler. Sie ist Ärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Venenheilkunde und Ernährungsmedizin in Berlin und Autorin unter anderem des Bestsellers „Haut nah. Alles über unser größtes Organ“. An dieser Stelle beantwortet Dr. Adler in unserer Zeitung regelmäßig Ihre medizinischen Fragen. In der nächsten Kolumne geht es um das Thema Verhütung. Bitte senden Sie Ihre Frage bis zum 29. 10. 2017 an: sagensiemal@faz.de. Ausgewählte Fragen drucken wir in der nächsten Kolumne ab.

Quelle: F.A.S.
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