Fixierung von Patienten

„Was soll man da um Gottes willen machen?“

Von Sebastian Eder
 - 18:17
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Herr Heinz, am Verfassungsgericht in Karlsruhe wird bis Mittwoch darüber verhandelt, ob Richter künftig über eine Fixierung von Patienten in Psychiatrien entscheiden müssen. Ist das eine weltfremde Vorstellung?

Ich fände es gut, wenn ein Richter das regelmäßig überprüft. Aber vor der ersten akuten Fixierung geht das nicht. Was soll man da um Gottes willen machen? Wir hatten bei uns an der Charité in Berlin kürzlich einen Patienten, der hat versucht, mit einer Spiegelscherbe einem meiner Pfleger die Leber rauszuschneiden. In seiner Psychose dachte der Patient, dass der Pfleger ein Alien wäre, den er nur so daran hindern könnte, ihn zu töten. Was machen Sie denn mit so einer Person? Sie können den nicht festhalten, bis der Richter kommt.

In Großbritannien wird ohne Zwangsfixierungen gearbeitet.

Ja, weil dort sehr schnell sehr stark mediziert wird – auch gegen den Willen der Patienten. Das ist in vielen deutschen Bundesländern seit einigen Jahren nicht mehr erlaubt, wenn der Kranke nur andere gefährdet – und nicht sich selbst. Das geht auf ein Bundesverfassungsgerichtsurteil zurück. Alle Länder haben das anders ausgelegt, aber in Berlin dürfen wir bei Fremdgefährdung nur isolieren und sedieren – aber keine Medikamente zum Beispiel gegen die Psychose verabreichen. Das halte ich für ganz falsch, denn damit ist die Fixierung ein Fremdschutz, der nichts an der Situation ändert. Wenn Drogen im Spiel sind, kann das helfen, dann beruhigen sich die Leute. Aber es gibt Patienten, die bleiben in ihrer Manie sehr lange sehr aggressiv. Wir hatten das erste Mal seit zehn Jahren jetzt wieder einen Patienten mit Manie und Drogeneinfluss, der war eine ganze Woche lang hochgradig fremdaggressiv und musste immer wieder fixiert werden.

Wieso?

Wenn wir ihn losgemacht haben, hat er versucht, dem Pflegepersonal mit dem Feuerlöscher den Schädel einzuschlagen, es mit Kot zu beschmeißen, oder das Waschbecken aus der Wand zu reißen. Das kommt ganz selten vor. Aber diese Menschen durchleben in ihrer Psychose den schlimmsten Horrorfilm und haben das Gefühl, dass um sie herum alles inszeniert und lebensbedrohlich ist: Wie in einem Zombiefilm, in dem der letzte Ausweg ist, alle zu töten. Ich finde es unmenschlich, dass jemandem in der Situation nicht geholfen werden darf, wenn er „nur“ andere Menschen gefährdet. Oft schämen sich die Patienten später ja auch furchtbar dafür.

In den Niederlanden werden Patienten in Einzelzimmern isoliert. Ist das nicht besser, als sie anzubinden?

Das machen wir auch. Das Problem ist, wenn jemand seinen Kopf gegen die Wand schlägt oder die Menschen angreift, die mit ihm in diesem Raum sind. Im Augenblick ist es so, dass bei einer Isolierungsmaßnahme ein persönlicher Zuspruch gewährleistet sein muss. Das ist extrem wichtig, es muss auch immer jemand dabei sitzen, wenn ein Patient am Bett fixiert ist. Er soll sich ja beruhigen, da kann man ihn nicht alleine lassen. Viele Patienten bedrohen bei uns insbesondere die Frauen, die dabei sitzen müssen, mit allen möglichen Grausamkeiten, bis hin zur Vergewaltigung. Das ist für die Schwestern oft kaum auszuhalten.

Wie oft wird bei Ihnen jemand fixiert?

Es geht etwa um ein Prozent der Patienten, das sind also Einzelfälle. Wenn man jetzt sagt, man darf gar keine Zwangsmaßnahmen mehr anwenden, hätte das Folgen für die anderen 99 Prozent. Wir versuchen die Stationen aufzumachen, damit die Patienten sich nicht eingesperrt fühlen, freiwillig da bleiben und wir gar nicht in diese Eskalationssituation mit der Fixierung kommen. All das ginge ohne Zwangsmaßnahmen in Ausnahmefällen nicht mehr, dann hätten Sie einen Hochsicherheitstrakt, aus dem die Patienten nicht mehr rauskommen. Das Problem bliebe die Gewalt auf der Station: Wir hatten jetzt eine Patientin mit einer dreifachen Beckenringfraktur, weil ein anderer Patient sie mit solcher Gewalt zu Boden geschlagen hat.

Glauben Sie, dass die Fixierung verboten wird?

Nein, wahrscheinlicher ist, dass gesagt wird, man kann in begründeten Ausnahmefällen fixieren. Das ist ein schwerer Eingriff in die Freiheitsrechte einer Person, der ist nur gerechtfertigt, wenn klar ist, warum das eine Notsituation ist und was vorher gemacht wurde, um zu deeskalieren. Aber wenn jemand eine Waffe in der Hand hat, kann man wenig deeskalieren. Man kann aus jeder Glasscheibe eine Waffe machen und das passiert manchmal auch, wenn jemand krank genug ist. Nicht oft. Aber es passiert. Deswegen fände ich es richtig, wenn man sagt: Das muss genau dokumentiert werden und regelmäßig von einem Richter überprüft und immer mit dem Patienten nachbesprochen werden. Das ist sehr aufwendig, aber wenn eine Gesellschaft da mehr Klarheit möchte, fände ich das gut.

Was hätte das für Folgen?

Es wäre teuer. Das müsste ja überall gelten. Man tut immer so, als wäre das ein Problem der Psychiatrie. Aber es wird massiv in Altenheimen fixiert, damit die Leute nicht aus dem Bett fallen, oder weil sie in ihrer Demenz oder im Delirium aggressiv werden. Wir hatten einen dementen Patienten, der sich beschwert hat, dass er seinen Stock nicht mehr hat. Dann habe ich den Oberarzt gefragt und der meinte, den hätte der Patient auf dem Kopf eines Nachbarpatienten zertrümmert, weil der nachts gelesen hatte. Ich bin auch Neurologe und habe eine Intensivstation geleitet, da waren alle drei Patienten, die da lagen, fast durchgehend fixiert. Die haben im Rahmen ihrer hirnorganischen Erkrankung die Situation nicht begreifen können. Und man darf nicht so tun, als wären intensivmedizinische Ärzte immer vertrauenswürdiger. Wenn, dann muss das Gesetz für alle gelten.

Was meinen Sie damit, dass die Patienten „die Situation nicht begreifen“?

Ich hatte als Neurologe mal einen Parkinsonpatienten, der im Delirium sein Bett angezündet hat, weil er dachte, da lägen Fischernetze, die er verbrennen müsste. Dem hätte man mit Neuroleptika aus dieser Psychose helfen können – in Berlin dürfte man das aber nach derzeit geltendem Recht nicht, sondern müssen warten, bis er selbst aus der Psychose rauskommt. In Nordrhein-Westfalen ginge das dagegen. Das finde ich absurd. Der Gesetzgeber müsste das bundesweit an sich ziehen und ordentlich regeln. Wir haben früh davor gewarnt und gesagt, Fixierung ist unseres Erachtens nach eine schlimmere Verletzung der Menschenwürde als eine Behandlung mit Medikamenten. Aber wir haben kein Gehör gefunden.

Wird mit der Fixierung zu leichtfertig umgegangen?

Es gibt eine ziemliche Streuung, in Berlin liegt das zwischen einem und neun Prozent der Patienten, je nach Klinik. Wir versorgen einen Innenstadtbezirk, in dem Drogen und Gewalt immer eine größere Rolle spielen als in einem Villenviertel. Und wir sind trotzdem eine von zwei Kliniken mit den niedrigsten Fixierungsraten in der Stadt gewesen. Man kann durch Deeskalation, durch die Öffnung der Türen, durch Betreuung zu Hause viel erreichen. In manchen Kliniken ist die Tür nur zu, weil ein einzelner Patient aggressiv ist. Wenn man den ganz eng betreut, kann man für alle anderen die Türen aufmachen und hat gleich ein ganz anderes Klima, in dem auch weniger Gewalt entsteht. Die Patienten müssen nicht darum bitten, dass sie 'raus dürfen, das verkleinert das ganze Machtgefälle und die Wut, die sonst ins Spiel kommt. Aber im Notfall muss es eine Möglichkeit geben, das Personal und die Patienten zu schützen. Es ist nicht immer humanitär richtig, nichts zu machen.

Wer trifft diese Entscheidung bisher?

Die Entscheidung, dass jemand gegen seine Willen untergebracht wird, treffen Richter. Die Gesetze dazu sind in jedem Bundesland etwas anders, das halte ich für eine Katastrophe. Wir in Berlin können eine Unterbringung im Akutfall bei Fremd- oder Eigengefährdung anordnen, aber innerhalb von 24 Stunden muss ein Richter darüber entscheiden, ob das rechtlich in Ordnung ist. Dafür braucht er ein zweites Gutachten vom Gesundheitsamt. Über die Fixierung entscheiden bisher die Ärzte. Ich fände es aber völlig in Ordnung, wenn das ein Richter in Zukunft regelmäßig überprüft.

Wie weit verbreitet ist das Klischee in der Gesellschaft noch, dass einem in der Psychiatrie nicht geholfen wird, sondern dass man dort sadistischen Psychiatern hilflos ausgeliefert ist?

Ganz, ganz weit verbreitet. Man muss sich klar machen: Die durchschnittliche Verweildauer in einer Psychiatrie sind drei Wochen, es geht um die Hilfe in akuten Krisen in einem Krankenhaus. Wenn Sie Filme sehen, auch den Tatort, sind da Leute, die überhaupt nicht krank sind, über Jahre in irgendwelchen absonderlichen Einrichtungen eingesperrt. Diese Vorurteile gibt es in allen Bereichen der Gesellschaft. Bei den Konservativen, weil da psychisch Kranke immer noch stigmatisiert werden. Aber auch bei den Progressiven, die die Psychiatrie als letzte Burg eines übergriffigen, althergebrachten, paternalistischen Systems sehen, das nichts Besseres zu tun hat, als Leute zu normieren und in Sitten und Bräuche zu zwängen, die längst überholt sind. Dabei tut sich in den Psychiatrien ganz viel, Leute mit Reformgedanken, die sich den Patienten zuwenden, haben viel verändert. Viel zu viele Menschen reden da über Sachen, die sie nur vom Hörensagen kennen.

Zur Person

Andreas Heinz, 57 Jahre alt, ist einer der einflussreichsten Psychiatrie-Direktoren Deutschlands. Er hat Medizin, Philosophie und Anthropologie studiert, ging dann für einige Forschungsjahre nach Amerika und kehrte als führender Wissenschaftler der Sucht- und Schizophrenieforschung zurück. Außerdem hat er zur Psychiatrie im Nationalsozialismus geforscht. 2002 übernahm er die Leitung der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Mitte in Berlin. Seit 2012 ist er stellvertretender Vorsitzender der Aktion Psychisch Kranke, einer Vereinigung zur Psychiatriereform.

Quelle: FAZ.NET
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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