Gesundheit
Immunsystem

„Wir haben die Bösewichte“

Von Daniela Gassmann
© Science Photo Library, F.A.S.

Herr Professor Radbruch, Sie behandeln Patienten durch einen „Immun-Reset“: Sie löschen das Immunsystem von Patienten und starten es neu. Wie genau funktioniert das?

Die Behandlung ist abgeleitet von einer Krebsbehandlung: Als Erstes mobilisiert man im Menschen körpereigene blutbildende Stammzellen, die im Knochenmark wohnen. Sie werden wie bei der Knochenmarktransplantation eingesammelt und eingefroren. Dann wird der Patient mit Antikörpern behandelt, die die allermeisten Zellen des Immunsystems abtöten. Dazu geben wir eine Chemikalie, die aktivierte Lymphozyten zerstört, eine Art der Abwehrzellen. Nach alldem bekommt der Patient die eigenen blutbildenden Stammzellen wieder, die man vorher konserviert hat.

Eine Mischung aus Chemotherapie und Knochenmarktransplantation also, eine solche Behandlung birgt doch einige Risiken.

Sicher, das Risiko, an einer Infektion zu sterben, ist erhöht, weil man während der Zeit der Therapie kein Immunsystem hat. Bis jetzt kommen deshalb nur Patienten in die Immun-Reset- Therapie, die auf bisherige konventionelle Therapien überhaupt nicht ansprechen: Menschen, bei denen die Krankheit immer weiterschreitet und droht sie umzubringen.

Bei welchen Krankheiten kommt diese Therapie überhaupt in Frage?

Das ist ein Querschnitt durch die ganze Bandbreite der chronisch entzündlichen Krankheiten: Multiple Sklerose und andere Nervenentzündungen, Allergien, Darmentzündungen, systemische Autoimmunerkrankungen wie Lupus oder Sklerodermie oder Blutgefäßentzündungen. Es gibt über zweihundert solcher Krankheiten. Jede einzelne ist nicht unbedingt häufig – aber wenn man alle zusammennimmt, dann leidet ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung daran.

Professor Andreas Radbruch ist wissenschaftlicher Direktor vom Deutschen Rheuma-Forschungszentrum Berlin
© Privat, F.A.S.

Wie entscheiden Sie, welche Patienten das Risiko der Therapie eingehen sollten?

Das Deutsche Rheuma-Forschungszentrum Berlin, ein Leibniz Institut, arbeitet im Rahmen des Leibniz Wissenschaftscampus „Chronische Entzündung“ eng mit der Berliner Charité zusammen. Dort besprechen sich die leitenden Oberärzte sehr genau mit den Kandidaten. Sie weisen auf Vor- und Nachteile hin, natürlich auch auf die Risiken. Letztendlich entscheiden die Patienten selbst, ob sie das machen wollen oder nicht. Seit 1997 haben wir 22 Menschen so behandelt, weltweit waren es mehr als 2000.

Und wie geht es diesen Patienten heute?

Mit dem Immun-Reset konnten wir sechzig bis siebzig Prozent der Patienten heilen. Die ältesten wurden vor 20 Jahren behandelt und sind bis heute gesund.

Jetzt wollen Sie eine abgeschwächte Form des Immun-Resets zur Standardtherapie machen – sogar für Menschen, die auf konventionelle Behandlungen ansprechen.

Genau. Wir beobachten unsere Patienten während und nach der Behandlung extrem genau. So haben wir bereits herausgefunden, dass das Immunsystem bei Patienten nach dem Immun-Reset quasi das eines kleinen Kindes ist. Wir lernen viel darüber, wie es altert und wie man es wieder neu aufbauen kann, aber auch was in Patienten passiert, die einen Rückfall bekommen. Einmal pro Woche besprechen sich das Deutsche Rheuma-Forschungszentrum und die Berliner Charité. Dann diskutieren wir: Wie können wir Therapien entwickeln, die gezielter sind? Sie sollen den Schutz des Immunsystems bestehen lassen und nur die krankmachenden Zellen aus dem Immunsystem entfernen. Das ist unsere eigentliche Wissenschaft und gibt eine ganz neue Perspektive.

Wenn Sie Fortschritte machen, müssen Sie gar nicht mehr das ganze Immunsystem löschen. Dann wäre die Behandlung mit weniger Risiko behaftet?

Wir haben schon Zellen gefunden, von denen wir glauben, dass sie bei antikörpervermittelten Krankheiten die eigentlichen Bösewichte sind: die Plasmazellen. Früher dachte man, um sie muss man sich nicht kümmern, weil sie nur sehr kurz leben und immer wieder nachgebildet werden. Dem ist aber nicht so. Problematisch sind solche Plasmazellen, die Autoantikörper bilden und sehr lange im Knochenmark und in entzündetem Gewebe überleben. In weiterführenden Therapien versuchen wir, sie möglichst gezielt auszulöschen, ohne die anderen Zellen des Immunsystems zu töten. Dazu haben wir gerade, gemeinsam mit Kollegen aus Erlangen und Freiburg, eine erste klinische Studie durchgeführt.

Was kam dabei heraus?

Die Patienten, die mitgemacht haben, haben eine entzündliche Autoimmunkrankheit, systemischer Lupus erythematodes, und sprachen nicht mehr auf die konventionelle Behandlung an. Es hat bei ihnen relativ gut funktioniert, die krankmachenden Plasmazellen zu töten. Irgendwann kamen diese aber wieder zurück. Das Schöne für die Patienten war aber, dass sie dann wieder auf konventionelle Therapien ansprachen. Daher war die Studie für jeden Einzelnen ein Gewinn. Jetzt sind wir dabei, das Problem zu beheben, indem wir versuchen, auch die Vorläufer der Plasmazellen zu beseitigen, aus denen sie neu gebildet werden.

Unser Angebot für Erstwähler
Unser Angebot für Erstwähler

Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

Zum Angebot

Wenn Ihnen das gelingt, sind Sie dann am Ziel Ihres Forschungsvorhabens?

Das ist eine Entwicklung, die immer weitergeht. Bisher bringen wir alle Plasmazellen um. Auch diejenigen, die uns mit Antikörpern beispielsweise vor Masern, Mumps und Grippe schützen. Der nächste Schritt ist, nur die Plasmazellen zu töten, die krankmachende Antikörper bilden – und andere leben zu lassen. Das funktioniert im Augenblick nur bei der Maus und muss nun so entwickelt werden, dass man es auch beim Menschen anwenden kann.

Was kostet solch eine gezielte Behandlung des Immunsystems? Werden die Krankenkassen diese übernehmen?

Die Behandlung selbst ist gar nicht so teuer, sondern vor allem der Schutz durch die passiven Antikörper: Das intravenöse Immunglobulin wird Patienten über mehrere Wochen gegeben. Aber es schlägt zu Buche, dass die Behandlung mit einem herkömmlichen Medikament bei chronisch entzündlichen Krankheiten im Jahr 20.000 bis 30.000 Euro pro Patient kostet. Wenn man das Immunsystem mit dem Immun-Reset wieder gesund macht, fällt diese lebenslange Therapie weg. Über die Zeit sind die Kosten des Immun-Resets wahrscheinlich wesentlich geringer als die einer lebenslangen Behandlung. Erfahrungsgemäß wurden die Kosten der Behandlungen von den Krankenkassen übernommen, sofern sie wie an unserem Zentrum in klinische Studien eingebettet waren. Kein Patient musste selbst zahlen.

Wann dürfen Patienten auf Heilung durch einen gezielten und weniger gefährlichen Immun-Reset hoffen?

Bis das eine akzeptierte verlässliche Therapie ist, wird es wahrscheinlich noch ein paar Jahre dauern. Wir sind noch lange nicht da, wo wir hinwollen. Aber wir glauben, sobald es möglich ist, die krankmachenden Plasmazellen effektiv auszulöschen und zu verhindern, dass sie aus Vorläufern neu gebildet werden, wird diese Therapie eine ganz neue Möglichkeit sein. Und zwar für Patienten, die an antikörpervermittelten Krankheiten leiden und deshalb chronische Entzündungen oder Allergien haben.

Die Fragen stellte Daniela Gassmann.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite

Themen zu diesem Beitrag:
Charité | Erkrankung | Immunsystem