Gesundheit
Intergeschlechtliche Kinder

„Aus dir sollte wohl eher ein Junge werden“

Von Katrin Hummel
© Picture-Alliance, F.A.S.

Schon von frühester Kindheit an hat Sandrao gespürt, dass es ein Es war: kein Junge und auch nicht das Mädchen, zu dem seine Eltern es machen wollten. Es widersetzte sich, es sagte: „Ich bin kein Mädchen.“ Doch die Eltern zwangen Sandrao, das damals noch Sandra hieß, Röcke und lange Haare zu tragen, und verboten ihm, mit Autos zu spielen. Sandrao gehorchte, so wie es immer gehorcht hatte. Dennoch sagten Verwandte oft zu ihm: „Aus dir sollte wohl doch eher ein Junge werden.“

Freunde hatte es keine, es war so anders als alle anderen Kinder, dass es sich nicht für sie interessierte und sie sich nicht für Sandrao. Heute noch passt es in keine der beiden Geschlechtskategorien, daher will es ganz bewusst nicht mit den Pronomen „sie“ oder „er“ bezeichnet werden, sondern mit dem für ein drittes Geschlecht. Und weil es das im Deutschen nicht gibt, erduldet Sandrao, 37, das „es“ als Pronomen für sich. Eine Erleichterung ist dieses „es“ trotz allem für Sandrao, weiß es doch überhaupt erst seit zweieinhalb Jahren, dass es ein zwischengeschlechtlicher Mensch ist. Durch Zufall kam das heraus, weil eine Gynäkologin seine Operationsnarben im Genitalbereich entdeckte.

Diese Enthüllung war ein Schock und gleichzeitig auch ein Glücksgefühl: „Mein ganzes Leben lang habe ich gedacht, ich sei ein Monster, das sich verstecken müsse. Und dann war da plötzlich die Erkenntnis: Ich bin ein ganz normaler Mensch, ich bin von der Natur so gemacht worden, wie ich war, bevor die Ärzte an mir herumgepfuscht haben. Auf einmal hatte ich Worte für mein Gefühl“, sagt Sandrao.

Sandrao wäre lieber so geblieben, wie es geboren wurde

Herumpfuschen, das ist ein hartes Wort. Ist es gerechtfertigt? Sandrao sagt: Ja. Als es fünf war, wurde es kastriert, das heißt, ihm wurden ein Hoden und ein Eierstock entfernt, weil es eben von jedem eins hatte. Dann wurde das Mittelteil des ebenfalls vorhandenen kleinen Penis herausgeschnitten. Der Rest wurde umgeformt, so dass er nun einer Klitoris ähnelt, und dann die Spitze wieder aufgenäht. Warum man das alles gemacht hat – ob es dafür eine medizinische Notwendigkeit gab, das weiß Sandrao nicht genau, weil seine Eltern ihm als Kind lediglich gesagt haben, es habe „da unten“ mal zwei „Hubbel“ gehabt, und die habe man wegmachen müssen. Seitdem konnte es nie wieder mit ihnen darüber reden, weil sein Vater gestorben ist und seine Mutter sich weigert und die Klinik, in der das alles passiert ist, Sandraos Unterlagen nicht alle herausrückt.

Sicher ist nur, dass Sandrao – wie etwa jedes zweitausendste Kind, das in Deutschland geboren wird – weder Junge noch Mädchen war, als es auf die Welt kam. So haben die Ärzte entschieden, was Sandrao sein würde: eine Sandra. Warum? Es sei eben einfacher, ein Loch zu graben, als einen Stab aufzubauen, so hat das kürzlich mal ein Arzt erklärt, mit dem Sandrao sprach.

Sandrao ist ein intersexueller Mensch. Als es fünf Jahre alt war, entschieden seine Eltern es zu operieren.
© Del LaGrace Volcano, F.A.S.

Sandrao selbst aber wäre lieber so geblieben, wie es geboren wurde. Es findet, es sei nicht nur kastriert, sondern auch verstümmelt worden. Sehr viele Nerven wurden bei den Operationen zerstört. „Jetzt gleicht das da unten einem toten Stück Fleisch. Es gibt nur eine ganz kleine Stelle, an der ich ein bisschen was spüre.“ Sexuelle Lust verspürt Sandrao nur unter Schmerzen.

Noch immer wird viel zu oft zu früh operiert

Olaf Hiort, Professor für Endokrinologie am Hormonzentrum für Kinder und Jugendliche der Uniklinik Schleswig-Holstein, ist betroffen von Sandraos Fall. Aber er liege weit in der Vergangenheit. Heutzutage sei man zumindest an seiner Klinik sehr viel zurückhaltender, wenn es ums Operieren gehe. Schließlich gibt es seit 2005 entsprechende internationale und seit kurzem auch deutsche Leitlinien, an deren Fassung Selbsthilfegruppen mitgearbeitet haben. Darin steht, dass die Ärzte Kinder wie Sandrao nur dann operieren sollten, wenn es aus medizinischen Gründen absolut notwendig sei.

Für andere Kliniken als die seine mag Hiort allerdings nicht sprechen, denn auch er kennt Untersuchungen wie die von Ulrike Klöppel, Mitarbeiterin am Zentrum für interdisziplinäre Geschlechterstudien der Berliner Humboldt-Universität. Sie hat ausgerechnet, dass es, seit es die neuen Leitlinien gibt, nicht viel weniger kosmetische Operationen an intergeschlechtlichen Kindern gibt. „Es ist nicht in allen Kliniken die entsprechende Kompetenz vorhanden, auch mal von einer Operation abzuraten“, sagt Hiort.

Auch ein vor wenigen Wochen erschienener Bericht von Amnesty International bestätigt dies. In Deutschland sei es noch weitverbreitet, zwischengeschlechtliche Kinder an den Genitalien zu operieren. So sollen sie schnellstmöglich „normalisiert“ werden, also eindeutig männlich oder weiblich werden. Oft haben diese Operationen aber gar keinen medizinischen Sinn, sondern sind reine Kosmetik. „Es werden alltagsweltliche Argumente herangezogen, um die Notwendigkeit einer Vereindeutigung zu begründen“, so Katja Sabisch, Professorin für Gender Studies an der Ruhr-Universität Bochum. Ärzte wie Eltern seien überzeugt, dass ein zwischengeschlechtliches Kind gesellschaftliche Diskriminierung erfahren werde, und legitimierten so – unter Bezugnahme auf das „Kindeswohl“ – die Eingriffe. „Statt zu sagen, dieses Kind ist normal und wird sich gesund entwickeln, sagen sie, dass etwas nicht stimmt und sie es mit einer Operation richten können“, heißt es in der Studie von Amnesty International.

Selbst wenn dies sicher nicht auf alle Ärzte zutrifft, so stimmt es doch für weite Teile der restlichen Gesellschaft. Neulich zum Beispiel war eine Familie aus einer sehr katholischen Gegend bei Endokrinologe Hiort, und Hiort riet dieser Familie, ihr Kind noch nicht auf eines der beiden Geschlechter festzulegen. „Aber die Eltern spürten einen wahnsinnigen sozialen Druck, es doch zu tun: Der Priester weigerte sich, ihr Kind zu taufen. Und der Standesbeamte weigerte sich, das Geschlecht des Kindes in der Geburtsurkunde offenzulassen“, sagt der Arzt.

Malta ist weiter als Deutschland

Dabei ist das genau das, was der Gesetzgeber fordert: Seit 2013 soll ein zwischengeschlechtlicher Mensch in amtlichen Dokumenten wie zum Beispiel dem Pass weder als Mann noch als Frau bezeichnet werden, sondern als gar nichts, weil im Personenstandsgesetz seitdem steht: „Kann das Kind weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden, so ist der Personenstandsfall ohne eine solche Angabe in das Geburtenregister einzutragen.“

Da offensichtlich Theorie und Praxis bei diesen Fällen immer noch weit auseinanderliegen, fordert Amnesty International in seinem Bericht, dass mehr Druck auf Ärzte ausgeübt wird. Das Gesundheitsministerium solle endlich dafür sorgen, dass die Ärzte mit diesen kosmetischen Operationen aufhörten. Zwischengeschlechtliche Kinder sollten nur noch dann operiert und mit Hormonen behandelt werden, wenn sie sonst in Lebensgefahr gerieten. Hormonbehandlungen seien beispielsweise angebracht, wenn ein Mensch lebensbedrohliche Hormondefizite aufweise. Ansonsten solle man abwarten, bis diese Kinder selbst entscheiden könnten, was sie wollten.

Dass es hier für das Handeln der Bundesregierung tatsächlich noch Luft nach oben gibt, kann man am Beispiel Malta sehen: Dort ist es seit zwei Jahren verboten, zwischengeschlechtliche Babys oder Kinder operativ einem Geschlecht zuzuordnen. Die Ärzte dort müssen warten, bis diese Menschen so alt sind, dass sie der Operation zustimmen können.

Die Eltern von Gerda, 12, sind vor einer Operation zurückgeschreckt. Gerda hat einen XY-Chromosomensatz, aber der Penis ist nur schwach ausgebildet, man kann genauso gut vergrößerte Klitoris dazu sagen. Die Hoden befanden sich nach der Geburt im Bauchraum, einer ist nicht vollständig entwickelt, der zweite nur als Gewebestrang ausgebildet. Das Kind hat zudem eine Gebärmutter und eine Vagina (siehe F.A.S. vom 26. 10. 2013).

Geschlechtsfestlegung erst in der Pubertät

„Gonadendysgenesie“ heißt diese Abweichung von der Norm, und die Gefahr, die damit einhergeht, ist, dass sich in den Hoden Tumore bilden. Um das Risiko zu minimieren, haben die Eltern den Ärzten erlaubt, Gerdas Hoden aus dem Bauchraum in die Leistengegend zu verlegen, als sie zwei war. Mehr aber auch nicht, obwohl die Ärzte darauf drangen. Eine kluge Entscheidung war das: Gerdas Hoden produzieren, seit er in der Pubertät ist, so viele Hormone, als sei er ein Junge. Von seinen Mitschülern wird er auch eher als Junge wahrgenommen, von Erwachsenen indes eher als Mädchen. „Unser Kind will momentan beides sein und bleiben. Bisher ist alles gut gelaufen“, sagt seine Mutter. Und Gerda gehe ganz natürlich mit seiner Zwischengeschlechtlichkeit um. Vor einiger Zeit hat er sogar ein Referat zu dem Thema in der Schule gehalten.

Tatsächlich erweist sich erst in der Pubertät, ob sich zwischengeschlechtliche Menschen einem der beiden Geschlechter zugehörig fühlen oder, wie Sandrao, sich eher zwischen ihnen verorten. Fatal, wenn dann durch eine Operation irreversible Fakten geschaffen wurden, die dem Gefühl des Menschen zuwiderlaufen, der mit dem ihm aufoktroyierten binären Geschlecht leben muss. Ganz davon zu schweigen, dass Menschen, denen die Keimdrüsen, also Hoden oder Eierstöcke, entnommen wurden, ihr Leben lang Hormone schlucken müssen, weil sie diese nicht mehr selbst bilden können. Doch wie viele und welche? „Sie werden Ihr Leben lang ein Menschenversuch bleiben“, sagte kürzlich ein Professor zu Sandrao, als er nicht wusste, welche Hormondosen er Sandrao verschreiben sollte. Es ist zurzeit aufgrund seines Hormonmangels und der daraus resultierenden körperlichen Beeinträchtigungen arbeitsunfähig.

Entsprechend bitter fällt seine Bilanz aus: „Mein Leben wurde zerstört. Mein ganzes Potential wurde mir genommen. Wenn man mir meinen Körper gelassen hätte, hätte ich vielleicht Kinder zeugen und gebären und ein erfülltes Sexualleben haben können.“ Das geht aus den etwa hundert Seiten seiner Krankenakte hervor, die seine damalige Klinik ihm bis jetzt eher widerwillig überlassen hat. So aber ist an beides nicht einmal zu denken, und auch eine gut funktionierende Partnerschaft hatte Sandrao noch nie. Hinzu kommen jahrelange Depressionen, die aus dem Gefühl resultierten, etwas sein zu müssen, was andere in ihm sehen wollten. „Ich war in einem Gedankengefängnis“, sagt Sandrao. Erst seit es weiß, dass es alles sein kann – Mann und Frau und alles dazwischen –, hat Sandrao Zukunftspläne: Sandrao will herausfinden, welchen Hormoncocktail sein Körper braucht. Es will dafür kämpfen, dass zwischengeschlechtliche Kinder nicht mehr operiert werden. Und es will einen Bus kaufen und um die Welt fahren, um einen Ort zu suchen, wo es sich zu Hause fühlt.

Quelle: F.A.S.
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