„Ernstes, tabuisiertes Problem“

So verbreitet ist die Angst vor großen Auftritten

Von Sebastian Eder
 - 12:43

Aus eigener Erfahrung weiß Alexander Schmidt, was für ein unglaublicher Druck auf jungen Musikern oft lastet. Während seines Musikstudiums hörte der Pianist von Professoren immer wieder Sätze wie: „Wer Angst davor hat, aufzutreten, ist als Musiker nicht geeignet.“ Schmidt, der nach seinem Musik- noch ein Medizinstudium absolvierte und heute das Berliner Centrum für Musikermedizin an der Charité leitet, hält das für eine fatale Aussage. „Auftrittsangst ist ein unter Musikern sehr verbreitetes, ernstes, aber leider immer noch tabuisiertes Problem.“ Bis zu einem gewissen Grad sei Lampenfieber normal und der Konzentration förderlich. Wenn die Aufregung aber so groß wird, dass jeder Auftritt eine Qual ist, könne das schlimme Folgen habe. „Das gefährdet die Berufstätigkeit. Viele versuchen sich dann mit angstlösenden Stoffen zu betäuben: Alkohol, Betablockern oder härteren Sachen“, sagt Schmidt. „Und da tritt schnell eine Gewöhnung ein. Wir sind oft erschrocken, wie viel Musiker, die zu uns kommen, konsumieren.“

Wie heftig selbst die erfolgreichsten Musiker unter Auftrittsangst leiden können, zeigt der tragische Fall des verstorbenen DJs Avicii. In der Dokumentation „Avicii – True Stories“ ist zu sehen, wie aus dem unbekannten Hobby-Musiker plötzlich einer der gefragtesten DJs der Welt wurde – und wie der junge Schwede unter dem Druck litt, immer öfter vor Zehntausenden Fans auftreten zu müssen. „Ich wollte die Auftritte nicht vermasseln“, sagt er in dem Film. „Dann habe ich gemerkt, dass ich mit ein paar Drinks lockerer drauf war.“ Wie es weiterging, ist bekannt: Mit Alkohol und Schmerzmitteln richtete der junge Schwede seinen Körper und seinen Geist fast zugrunde – und irgendwann gab er trotz Widerstands der Menschen, die mit seiner Musik Geld verdienten, bekannt, nie wieder auftreten zu wollen.

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Alexander Schmidt sagt, dass das genau die falsche Strategie sei: „Eine Angst, der man sich nicht stellt, wird schlimmer.“ Anders sei das, wenn der Künstler zusätzlich unter einer Depression leide – wie es bei Avicii am Ende seines Lebens wahrscheinlich der Fall war. „Dann kann es sinnvoll sein, sich eine Weile rauszunehmen.“ Musikern, die nur unter der Angst vor Auftritten leiden, würde Schmidt dagegen gerne auch kurzfristig helfen können. „Bisher gibt es da aber keine adäquate Therapie.“ Daher untersucht er in einer neuen Studie, ob eine angstlösende Sporttherapie hilft. „Bei der Behandlung anderer Ängste hat sich das bewährt.“

Vor vier Wochen hat die Charité einen Aufruf veröffentlicht: Professionelle Musiker und Musikstudenten gesucht, die unter Auftrittsangst leiden! Angesprochen sind auch Künstler, die in großen Orchestern oder Ensembles spielen. Laut einer Studie der Universität Paderborn von 2012 leiden 43 Prozent der Orchestermusiker „stark“ oder „mittelstark“ an Auftrittsangst. Wer aber Karriere machen will, muss es schaffen, seine Furcht beim Vorspielen in den Griff zu bekommen. „Je mehr Vorspiele man meistert, desto besser wird das normalerweise“, sagt Schmidt. Langfristig wird Auftrittsangst deswegen schon jetzt erfolgreich mit Psychotherapie, Bewegungs- und Entspannungstechniken, mentalem Auftrittstraining und auch mit Probe-Vorspielen behandelt. Wenn der Erfolg auf der Bühne hilft, warum leiden dann trotzdem auch Stars unter der Angst? „Der Druck steigt mit der Zuhörerzahl“, sagt Schmidt. „Außerdem sind gute Musiker oft sehr sensibel. Das ist ja gerade eine Eigenschaft, die sie zu guten Musikern macht – und gleichzeitig anfällig für Angststörungen.“

Der erste von voraussichtlich 40 Probanden hat in Berlin schon angefangen. „Es geht mit einem Auftritt los, der von einer Jury und externen Experten bewertet wird, damit besonders viel Druck entsteht“, sagt Schmidt. In den darauffolgenden Tagen macht der Künstler dann keine Musik – sondern Sport. Und etwa zwölf Tage nach dem ersten Auftritt tritt der Musiker dann wieder vor einer Jury auf. Wie viel Angst er dabei hat, wird unter anderem anhand von Herzschlag und Stresshormonen dokumentiert – und dann mit dem ersten Auftritt verglichen. Im Idealfall kann einem Musiker, der zum Arzt geht, weil er Angst vor einem Vorspiel zwei Wochen später hat, dann künftig empfohlen werden: Machen Sie drei Tage lang dieses Sportprogramm, dann schaffen Sie das! Betablocker und Alkohol können dann im Schrank bleiben.

Quelle: F.A.Z.
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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