Höheres Erkrankungsrisiko

Warum die Grippeimpfung in diesem Winter oft versagt

Von Ingrid Karb
 - 07:48

Kopf- und Gliederschmerzen, Schüttelfrost sowie plötzlich einsetzendes hohes Fieber sind die ersten Anzeichen einer echten Grippe. Dass eine Impfung keinen hundertprozentigen Schutz davor bietet, könnten in diesem Winter viele Patienten leidvoll erfahren.

Denn die aktuelle Grippewelle wird überwiegend von einem Virustyp hervorgerufen, gegen den der bislang von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlte Impfstoff nicht immunisiert. Nach einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission haben jedoch die großen Ersatzkassen angekündigt, künftig den teureren Wirkstoff für Risikopatienten zu zahlen. Die AOK Hessen teilte gestern mit, auch die Kosten einer Zweitimpfung zu übernehmen.

Nach Angaben des Bundesinstituts für Infektionskrankheiten, des Robert-Koch-Instituts, gibt es verschiedene Typen von Influenzaviren. In Deutschland erkranken die Menschen meist an zwei Typen des Stammes A (H1N1 und H3N2) und seltener an denen des Stammes B (Victoria- sowie Yamagata-Linie). Der tetravalente Impfstoff, der oft am Namenszusatz „Tetra“ zu erkennen ist, enthält Antigene gegen alle vier Typen, der trivalente nur gegen den B-Stamm der Victoria-Linie. Ein tetravalentes Präparat ist aber deutlich teurer als ein trivalentes.

Ist jetzt eine wiederholte Schutzimpfung nötig?

Bisher seien die B-Stämme nicht so verbreitet und meist erst gegen Ende der Saison virulent gewesen, berichtet Boris Böddinghaus, Arzt der Infektiologie am Frankfurter Gesundheitsamt. In diesem Jahr gebe es aber eine besondere Situation, sagt Sabine Wicker, Betriebsärztin der Frankfurter Universitätsklinik sowie Mitglied der Kommission und der Arbeitsgemeinschaft Influenza am Robert-Koch-Institut.

„60 Prozent der Grippeviren, die derzeit im Umlauf sind, gehören zu dem Stamm, der nicht im trivalenten Impfstoff enthalten ist.“ Deshalb hat die Kommission den Einsatz des Vierfachpräparats empfohlen, was am 11. Januar im Epidemiologischen Bulletin veröffentlicht wurde. Doch erst wenn der Gemeinsame Bundesausschuss dies in seine Schutzimpfungs-Richtlinie übernimmt, sind die gesetzlichen Kassen verpflichtet, die Kosten dafür zu übernehmen.

Heißt das nun, dass sich alle Menschen, die nur den Dreifachschutz haben, ein zweites Mal immunisieren lassen müssen? Eine generelle Nachimpfung empfiehlt die Impfkommission nicht. Bei Hochrisikopatienten, die schwere Grunderkrankungen haben, solle der behandelnde Arzt individuell entscheiden. Eigentlich gebe es eine „Kreuzprotektion“, sagt Wicker, die andere B-Komponente schütze auch vor einer Infektion oder mildere sie ab. Die Wirkung hält nach Angaben des Robert-Koch-Instituts sechs bis zwölf Monate an.

Grippeimpfung verändern sich permanent

Die Grippeimpfung ist jedoch nie so wirksam wie andere Schutzimpfungen, da sich die Influenzaviren permanent verändern. In der Regel wird von der Weltgesundheitsorganisation schon im Februar entschieden, welche Antigene im Impfstoff für den nächsten Winter enthalten sein sollen. Es ist aber möglich, dass sich andere Virusvarianten durchsetzen. Nur bei einer sehr guten Übereinstimmung der Zusammensetzung mit den zirkulierenden Viren sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts 80 Prozent der jungen Erwachsenen vor einer Erkrankung geschützt.

Bei älteren Menschen wirke die Impfung schlechter. Dennoch könnten sie mit ihr das Erkrankungsrisiko halbieren, zudem werde der Verlauf abgeschwächt. Allerdings hatten sich in Deutschland nur 35 Prozent der Menschen im Alter von mehr als 60 Jahren in der vorvergangenen Saison geschützt. Dennoch schätzt man, dass mit der Immunisierung hierzulande 400.000 Erkrankungen jährlich vermieden werden.

Für die Patienten, die im Gesundheitsamt oder an der Universitätsklinik in Frankfurt geimpft wurden, stellt sich die Frage einer Nachimpfung nicht. Dort wurde schon von Herbst an der Vierfachwirkstoff verabreicht. Das Gesundheitsamt habe sich in der Vergangenheit oft für den günstigeren trivalenten Impfstoff entschieden, sagt Böddinghaus.

Doch weil der Anteil der Erkrankungen an den B-Stämmen gestiegen sei, habe man diesmal „glücklicherweise“ gleich ein tetravalentes Präparat gewählt. Etwa 300 Bürger hätten sich in der Sprechstunde gegen Grippe schützen lassen und 80 Mitarbeiter der Stadt. An Grippe erkrankt seien in diesem Jahr 118 Menschen in der Stadt und damit mehr als zur gleichen Zeit im Vorjahr.

An der Uniklinik haben sich in dieser Saison mehr Mitarbeiter impfen lassen als je zuvor, wie Wicker sagt. Etwa 2500 Medizinstudenten, Ärzte und Pfleger hätten seit Oktober teilgenommen. Für eine Impfung sei es noch nicht zu spät, hebt sie hervor. Der Höhepunkt der Grippewelle stehe noch bevor.

Quelle: F.A.Z.
Ingrid Karb
Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.
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