Jodtabletten-Ausgabe in Aachen

„Wir bereiten uns auf den atomaren Ernstfall vor“

Von Leonie Feuerbach
 - 15:10
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Herr Kremer, heute hat in Aachen die vorsorgliche Verteilung von Jodtabletten für einen atomaren Ernstfall begonnen. Wie groß ist die Gefahr?

Wir machen uns in der Region schon seit vielen Jahren Sorgen wegen des Atomkraftwerks Tihange in Belgien. Der Reaktor ist sehr nah an Aachen gelegen und bei entsprechender Windrichtung hat man im Katastrophenfall nicht viel Zeit zu reagieren.

2012 wurden in Tihange Tausende feine Risse im Reaktorbehälter entdeckt. Anfang 2016 wurde dann bekannt, dass die Sicherheit der Anlage dadurch stärker beeinträchtigt ist, als man dachte. Wieso sind dann noch einmal mehr als eineinhalb Jahre vergangen?

Eine Vorverteilung von Jodtabletten in einer Region mit 1,5 Millionen Einwohnern, von denen 600.000 bezugsberechtigt sind: Das geht nicht mal eben so. Das braucht Monate. Das ist in Deutschland auch absolut einzigartig und eigentlich nicht vorgesehen. Uns wurde es aber erlaubt, weil wir die erste Region in Deutschland sind, die nach einem atomaren Unfall betroffen wäre und wir ernsthafte Zweifel haben in einem Ereignisfall die Jodtabletten schnell genug verteilen zu können.

Wie funktioniert das konkret?

Wir haben ein eigenes Online-System entwickelt, das erste dieser Art. Da melden sich die Bürger an, ihre Daten werden mit dem Melderegister verglichen und innerhalb von Minuten kriegen sie eine Mail mit einem Bezugsberechtigungsschein, mit dem sie dann bis zum 30. November zu den teilnehmenden Apotheken gehen können und sich kostenlose Jodtabletten abholen.

Jodtabletten sättigen die Schilddrüse mit nicht-radioaktivem Jod und verhindern so, dass sich radioaktives Jod in der Schilddrüse ansammelt. Werden sie zu früh eingenommen, wirken sie nicht, weshalb sie eigentlich nur im Bedarfsfall ausgegeben werden. Wieso halten Sie es für sinnvoll, davon abzuweichen?

Die Tabletten dürfen jetzt natürlich keinesfalls einfach so eingenommen werden. Sondern wirklich nur, wenn die Katastrophenschutzbehörde im Ereignisfall dazu auffordert. Das ist ganz wichtig! Gegebenenfalls sollte man sich aber auch vorsorglich schon im Voraus durch einen Arzt oder Apotheker beraten lassen. Aber wir haben uns nun mal mit der Frage beschäftigt, ob wir die ganze Bevölkerung rechtzeitig versorgen können, wenn sich eine radioaktive Wolke auf Aachen zubewegt. Und wir haben festgestellt: Wenn es wirklich zum Ernstfall kommt, reicht die Zeit nicht aus. Die atomare Wolke wäre innerhalb weniger Stunden bei uns. Und ein Unfall könnte ja auch nachts und bei Glatteis passieren. Deswegen ist es gut, wenn viele Menschen die Tabletten dann schon haben. Auch wenn sie die hoffentlich niemals nehmen müssen.

Geht es wirklich nur um Sicherheitsfragen oder ist die Verteilung der Jodtabletten auch ein Mittel, um größeren öffentlichen Druck gegen das AKW zu erzeugen?

Unsere Absicht ist, uns so gut es geht auf den atomaren Ernstfall vorzubereiten. Dass die Diskussion um eine Schließung von Tihange dadurch befördert wird, ist ein positiver Nebeneffekt. Um das voranzutreiben, haben wir aber andere Mittel: Die Städte-Region Aachen hat in Brüssel ja gegen den Betrieb von Tihange geklagt. Dieses Verfahren läuft unabhängig von der Vorsorge. Die Jodtabletten sind auch nur ein Baustein der Vorsorge; wir geben in einer Broschüre auch Empfehlungen zum Aufenthalt in Räumen oder zur Nahrungsaufnahme.

Kann das nicht auch zu übertriebener Verunsicherung führen?

Eine Panik ist völlig unangebracht. Mit dem, was wir tun, wollen wir keine Unruhe schüren. Sondern vorsorgen und aufklären. Andererseits darf man auch nicht bagatellisieren, denn Gefahren durch Atomkraftwerke sind immer möglich und Tihange wird in den Medien oft mit Pannen in Verbindung gebracht. Die Bevölkerung scheint das auch so zu sehen: Bis heute Nachmittag um 15 Uhr wurden schon 1700 Anträge ausgefüllt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Feuerbach, Leonie
Leonie Feuerbach
Redakteurin im Ressort Gesellschaft.
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