FAZ plus ArtikelFolter in Kinderklinik

Die üblichen Methoden

Von Yvonne Staat
 - 08:21

Mitten in der NS-Zeit erforschte der Wiener Kinderarzt Hans Asperger den Autismus. Einige seiner Patienten litten an dieser Krankheit. Asperger nannte sie „kleine Professoren“ und beschrieb als einer der Ersten ihr eigentümliches Verhalten. Dafür wurde er weltberühmt. Er ist eine Autorität. Vielleicht fragte deshalb lange Zeit niemand so genau nach, wie er es mit den Nazis hielt. Als die 1938 in Österreich an die Macht kamen, war Asperger Anfang dreißig und leitete die heilpädagogische Abteilung des Kinderspitals der Uni Wien. Seine Patienten waren geistig oder körperlich behindert, manche auch psychisch krank; andere galten nur als auffällig. Seine Kollegen waren fast alle Nazis. Sie teilten die Kinder ein in „erbgesunde“ und „lebensunwerte“. Sie pflegten die einen und ermordeten die anderen. Und Asperger?

Nach dem Krieg sagte er in einem Radiointerview, er habe den Begriff „lebensunwertes Leben“ immer als unmenschlich empfunden. Vor allem die schrecklichen Konsequenzen daraus. Er meinte die Kinder, die von den Nazis in Wien ermordet wurden. Er behauptete, er habe diese Konsequenzen nie mitgetragen, habe nie auch nur einen „Schwachsinnigen“ dem Gesundheitsamt gemeldet, wie es eigentlich Vorschrift gewesen wäre. Damit sei er ein großes Risiko eingegangen. Die Stimme, mit der er im Interview all das erzählte, klingt sicher und selbstbewusst. Ergriffenheit schwingt mit. Fast alle glaubten ihm. Lange Zeit galt Asperger als Gegner der Nazis, der deren „rassenhygienischen“ Ziele verachtete; der versuchte, das Leben seiner Patienten zu retten.

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Quelle: F.A.S.
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