Kinderwunschbehandlung

Zellhaufen oder Leben?

Von Julia Schaaf
 - 12:00

Als die dritte Rechnung vom Kinderwunschzentrum kam, öffnete Tina P. den Brief und legte ihn in die Küche. So macht sie das immer mit der Familienpost. Sobald ihr Mann von der Arbeit nach Hause käme, würde er ihn finden. Sie würden darüber reden und eine Entscheidung treffen. Danach würde die Rechnung abgeheftet.

Eine Woche lang lag der Brief in der Küche, ein Formschreiben: „Sehr geehrte Patientin, sehr geehrter Patient, wir haben noch kryokonserviertes Material von Ihnen aufbewahrt.“ Auf dem Fußboden des Lofts spielten die sieben Monate alten Zwillinge. Tina P. war schwanger geworden, nachdem das Kinderwunschzentrum ihr Eizellen entnommen, befruchtet, zu Embryonen herangezüchtet und wieder eingesetzt hatte. Die restlichen drei Embryonen hatte das Kinderwunschzentrum eingefroren. Jetzt standen die Eltern schon zum dritten Mal vor der Frage: Sollte dieses „kryokonservierte Material“ vernichtet werden? Wollten sie weiter für die Lagerung zahlen?

„Aber am Ende sind das schon unsere Kinder geworden.“

Das Paar wollte nicht mehr Kinder, keiner von beiden ist sonderlich religiös. Trotzdem sagt Tina P.: „Allein schon dieser Gedanke: Die werden entsorgt. Das fand ich so hart.“ Und Dirk P. fügt nachdenklich hinzu: „Natürlich sind das noch keine Kinder. Aber am Ende sind das schon unsere Kinder geworden.“

Die moderne Reproduktionsmedizin bringt es mit sich, dass Paare vor Fragen stehen, von denen nie jemand gedacht hätte, dass ein Mensch sich ihnen würde stellen müssen. Dabei scheinen die ethischen Risiken und Nebenwirkungen der Kryokonservierung noch vergleichsweise gering. Rechtlich ist die Lage eindeutig. Paare haben die Verfügungsgewalt über ihre Keimzellen. Punkt. Betroffene gründen weder Selbsthilfegruppen, noch bitten sie in den einschlägigen Foren um Rat. Entscheiden müssen sie trotzdem: Was machen sie mit den tiefgefrorenen Zellen, auf die sich eben noch ihre geballte Kinderwunsch-Hoffnung konzentrierte und die dann, aus welchen Gründen auch immer, überflüssig geworden sind? Kündigt man so einen Lagerungsvertrag, als wäre es eine Versicherungspolice, die kein Mensch mehr braucht und die nur unnötig Kosten verursacht? Oder ist das, wie Tina P. es formuliert, „ein bisschen wie Abtreibung light, nur außerhalb des Körpers“?

Kryos ist griechisch und heißt kalt. Kryokonservierung bedeutet gewissermaßen: verdammt kalt. Schon in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist man in der Tierzucht auf die Idee gekommen, Spermien in gasförmigem Stickstoff bei minus 150 Grad zu lagern. Heute gibt es sogenannte Kryobanken, die für die Forschung oder zu therapeutischen Zwecken Stammzellen, Blut oder Gewebeproben einfrieren. Solche Tiefkühlanlagen unterliegen den strengen Qualitätsanforderungen der pharmazeutischen Industrie, sie arbeiten unter sterilen Bedingungen und verfügen über vollautomatische Befüllungs- und Überwachungssysteme. Allein der deutsche Markt wird im Jahr 2017 Schätzungen zufolge von 700 Millionen Dollar Umsatz im Jahr 2014 auf eine Milliarde wachsen.

Kaum Daten über die Fertilitätsbranche

Die Fertilitätsbranche kommt in dieser Bilanz gar nicht vor. Wie viele der insgesamt 140 deutschen Praxen und Kliniken in welchem Umfang kryokonservierte Zellen lagern – darüber gibt es keine Daten. Der Versuch einer Firma, im Zuge der Debatte um Social Freezing – das vorsorgliche Einfrieren unbefruchteter Eizellen, um die Chance auf Fruchtbarkeit vom biologischen Alter der Frau zu entkoppeln –, eine Art zentrales Hochsicherheitskühlhaus der Reproduktionsmedizin aufzubauen, scheint vorerst gescheitert; jedenfalls ist das Unternehmen gerade aufgekauft worden. Noch die kleinste Kinderwunschpraxis kann sich einen Tank mit flüssigem Stickstoff ins Labor stellen, das sieht nicht spektakulärer aus als eine große Flasche Campinggas. Das Geheimnis, aber auch der Fluch der Technik: Lebendes Material, das bei minus 196 Grad schockgefrostet wird, kennt kein Verfallsdatum. Es lässt sich ewig aufbewahren.

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Eigentlich steht das deutsche Embryonenschutzgesetz für den entschiedenen Willen des Gesetzgebers, die Erzeugung überflüssiger Embryonen zu verhindern, wodurch eine Entscheidung wie die von Dirk und Tina P. gar nicht nötig geworden wäre. Um nun zu verstehen, wie die Kryokonservierung dieses Reglement unterwandert und welche guten Gründe es dafür gibt, lohnt sich ein Besuch im Fertility Center Berlin. Die private Praxis liegt auf dem Gelände des renommierten Klinikums Westend. Blütenweiße Wände, intime Wartenischen, auf dem Schreibtisch des Professors stehen frische Blumen. Heribert Kentenich klickt sich durch Fotos der menschlichen Embryonalentwicklung, die wie Bilder aus dem Weltall aussehen: Nach der Befruchtung erinnert die menschliche Eizelle unter dem Mikroskop an einen Planeten, auf dem zwei Krater zu sehen sind. Die Krater enthalten das Genmaterial von Ei- und Samenzelle noch vor der Verschmelzung. Solche Eizellen im Vorkernstadium genießen laut Embryonenschutzgesetz keinen Lebensschutz. „Sie können dieses einfrieren, auch beforschen oder auch aus der Kultur herausnehmen und wegwerfen“, sagt Kentenich.

Produktion überzähliger Embryonen soll vermieden werden

Die Zäsur erfolgt mit dem Abschluss des Befruchtungsvorgangs und der Auflösung der Vorkerne. Auf dem Bild von Tag Zwei der Embryonalentwicklung sind zwei dicke, aneinanderklebende Blasen zu sehen, die Zellteilung hat begonnen: Ein Embryo ist entstanden. „Da ist alles festgelegt, das ist geschützt“, sagt Kentenich. Von diesem Stadium an hätten nur noch die Eltern das Recht zur Vernichtung. Auf den nächsten Fotos wird der Zellhaufen komplexer. An Tag Fünf nistet er sich normalerweise in die Gebärmutter ein.

Dann spricht Kentenich von einem Denkfehler. Um die Produktion überzähliger Embryonen zu vermeiden, sollten bei der Kinderwunschbehandlung ursprünglich nur so viele Eizellen entnommen, wie als Embryonen wieder auf die Frau übertragen werden dürften – also maximal drei. Aber nicht jede Zelle im Vorkernstadium reift tatsächlich zum Menschen, ganz im Gegenteil. Das aber heiße, sagt der Professor, um einer Frau überhaupt ein oder zwei Embryonen zurückgeben zu können, müsse man vier oder fünf Eizellen kultivieren. Und falls entgegen der statistischen Wahrscheinlichkeit doch mehr Embryonen entstehen, friere man diese eben ein.

Praxis bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone

Diese Praxis hat sich in den vergangenen Jahren aus der rechtlichen Grauzone heraus als „Deutscher Mittelweg“ etabliert. Es ist der Versuch eines doppelten Auswegs: Einerseits werden auf diese Weise ähnliche Schwangerschaftsraten wie im Ausland erzielt, wo laxere Gesetze gelten. Andererseits kann die Rate der Mehrlingsschwangerschaften reduziert werden, wenn in vitro gezüchtete Embryonen einzeln zurückgegeben und andere vorerst konserviert werden können.

509,43 Euro für die Kryokonservierung plus Sachkosten und Mehrwertsteuer macht insgesamt 802,99 Euro: Über die Anfangsrechnung des Kinderwunschzentrums dachten Tina und Dirk P. gar nicht weiter nach. Ein paar Embryonen auf Eis schienen körperlich schonender und finanziell günstiger, als sich vor jedem weiteren Behandlungszyklus erneut einer Hormonbehandlung und Punktion zur Eizellentnahme zu unterziehen. Die erste Folgerechnung kam, da war Tina P. schwanger. Ohne weitere Diskussion verlängerte das Paar den Lagerungsvertrag. „Wegen des Karmas, dass nicht noch was passiert“, sagt Tina P. Und: „Ich war noch nicht bereit, die gehen zu lassen.“

Jede zehnte Eizelle kann sich in die Gebärmutter einzunisten

Als sechs Monate später die nächste Rechnung kam, waren die Zwillinge gerade auf der Welt. Die Eltern begannen ein vorsichtiges Gespräch: „Wir wollten unser Glück nicht überstrapazieren, indem wir diese drei anderen Kinder kaputtmachen“, sagt Tina P. Nun seien drei Zellhaufen in flüssigem Stickstoff natürlich noch keine Kinder, korrigiert sie sich. Trotzdem, erzählt Dirk P., hätten sie lieber das Portemonnaie aufgemacht und die Entscheidung vertagt. Rückblickend findet das Paar, es sei nicht ausreichend aufgeklärt worden. Dirk P. vermutet dahinter sogar eine gewisse Absicht: „Erst mal ist alles überlagert von dem Kinderwahnsinn“, sagt er. „Aber wenn man darüber nachdenkt, belastet das einen schon. Wenn man die Diskussion über Abtreibung nimmt, ist eine befruchtete Eizelle Leben. Und wenn ich sie auftaue, entscheide ich mich, sie zu töten.“

Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist das eine unangemessene Überhöhung. „Das trifft nicht den biologischen Kern“, sagt Claus Sibold. „Maximal eine von zehn befruchteten Eizellen hat die Fähigkeit, sich in die Gebärmutter einzunisten. Die übrigen sind nicht lebensfähig.“ Sibold leitet seit vielen Jahren das Labor im Fertility Center Berlin. Sein Computer speichert eine Art Bilanz aus bald zwanzig Jahre Kryokonservierung. Seit 1999 hat das Kinderwunschzentrum zirka 24.000 befruchtete Eizellen eingefroren. Zwei Drittel davon wurden früher oder später für die weitere Kinderwunschbehandlung aufgetaut – entweder zeitnah, weil die Übertragung vorheriger Embryonen nicht zu einer Schwangerschaft geführt hatte. Manchmal auch mit ein paar Jahren Abstand, wenn die Eltern für ihr In-vitro-Kind ein Geschwisterchen wollten. Für die restlichen rund 8000 Zellen im Vorkernstadium gilt: Etwa die Hälfte der Lagerungsverträge wurden gekündigt und die Zellen entsprechend vernichtet. Die andere Hälfte ist noch da. Vielleicht 350 davon, schätzt Biologe Sibold, seien Embryonen. Alle sechs Monate wird die Lagerungsgebühr von 142,80 Euro fällig.

Zellhaufen oder Baby in spe?

Am Fertility Center Berlin sind in den vergangenen zwei Jahren knapp 200 Frauen gefragt worden, auf welchen Zeitpunkt sie den Beginn menschlichen Lebens datieren. Nur für ein Drittel ist das wie im Embryonenschutzgesetz die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Für vierzig Prozent ist – wie nach englischem Recht – die Einnistung der befruchteten Eizelle in die Gebärmutter entscheidend. Andere wählen ein noch späteres Datum. Zugleich sind die Patientinnen gebeten worden, ihre Vorstellung von dem zu zeichnen, was ihnen nach der künstlichen Befruchtung in die Gebärmutter übertragen werde. Das Ergebnis sind mehrheitlich fast naturalistische Abbildungen von unterschiedlichen Stadien der Embryonalentwicklung, ein Beleg für die Informiertheit der Patientinnen und ihren realistischen Blick. Nur vereinzelt dekorierten Frauen ihre Zeichnung mit Smileys, Sonnen, Herzchen oder dem geplanten Namen ihres Wunschkindes.

Also: Zellhaufen oder Baby in spe? Seit August 2013 haben sich 21 reproduktionsmedizinische Zentren zum Netzwerk Embryonenspende zusammengeschlossen. Seitdem sind 133 überzählige, durch künstliche Befruchtung entstandene Embryonen an Paare mit unerfülltem Kinderwunsch vermittelt worden. 18 Kinder wurden geboren, derzeit bestehen sechs Schwangerschaften. Die Schwangerschaftsrate ähnelt jener anderer reproduktionsmedizinischer Behandlungsmethoden auch. 265 Paare stehen nach Angaben des Netzwerkes auf der Warteliste. Einem Gutachten des Deutschen Ethikrats aus dem vergangenen Frühjahr zufolge ist das nichtkommerzielle Überlassen überzähliger Embryonen an Wunscheltern erlaubt. Abstammungsrechtlich und im Hinblick auf die Beratung der Paare jedoch wird Regelungsbedarf gesehen.

Unbrauchbare kryokonservierte Zellen werden entsorgt

Die Gespräche mit potentiellen Spenderpaaren, sagt Franz Geisthövel, der bis zu seiner Pensionierung vor zwei Jahren das Centrum für gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin Freiburg geleitet hat, gehörten zu den ergreifendsten seines Berufslebens. Die Paare empfänden große Dankbarkeit, weil sie selbst Eltern geworden seien, und wollten dieses Glück weitergeben. Die Spende enthalte eine „hohe altruistische Komponente“, gerade auch bei den Männern, die in Kauf nehmen würden, dass etwaige geborene Kinder ihren Erzeuger eines Tages kennenlernen wollten. Die meisten Eltern jedoch schrecke der Gedanke ab, dass in einer fremden Familie genetisch eigene Kinder groß würden.

Eine Woche lang lag die dritte Rechnung des Kinderwunschzentrums in der Küche von Dirk und Tina P. Dann entschied sich das Paar nach intensiven Diskussionen für die Kündigung seines Vertrags. „Egal, was mit unseren Kindern passieren würde, ich fang nicht mehr von vorne an“, sagt Dirk P. Der Gedanke an die Eizellen im Eis, wie eine Art „Back-up“ für die Zwillinge, kam ihm gruselig vor. Tina P. sah vor allem die Alternativlosigkeit: „Entweder wir bezahlen das jetzt bis an unser Lebensende ...“, sagt sie – aber auch dann würden die Zellen letzten Endes aufgetaut: „Es gibt nicht die Option, was Sinnvolles damit zu machen.“

Kryokonservierte Zellen, die nicht weiter gelagert werden sollen, werden – so der Fachjargon – verworfen. Dafür zieht man sie aus dem Stickstoff und lässt sie auftauen. Sie zerfallen einfach. Weil sie mit bloßem Auge unsichtbar sind, ist es, als wäre nichts geschehen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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