Medizin

Krebs-Impfung auf Rezept

Von Peter-Philipp Schmitt und Andreas Mihm
 - 20:03

Allein 2005 sind auf der ganzen Welt mehr als 250.000 Frauen an Gebärmutterhalskrebs gestorben - die meisten von ihnen in Entwicklungsländern.

Fast eine halbe Million Frauen erkrankten zugleich an diesem Krebs - wiederum gut 90 Prozent davon in den ärmsten Ländern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rechnet noch mit einer Steigerung der Krankheitszahlen in den nächsten zehn Jahren um 25 Prozent. Daher trafen sich in dieser Woche Wissenschaftler auf einer internationalen Konferenz in London, die sich mit der Tumorerkrankung und mit den möglichen Impfungen dagegen beschäftigten.

Auslöser des Krebses sind vor allem Humane Papillomviren (HPV). Schon vor mehr als 20 Jahren hatte der deutsche Mediziner Harald zur Hausen einen Zusammenhang zwischen einer HPV-Infektion und Gebärmutterhalskrebs formuliert. Seit kurzem gibt es eine erste Vakzine, eine zweite soll in wenigen Wochen auf den Markt kommen.

Eine Empfehlung der Impfkommission fehlt bislang

Eltern von Mädchen oder junge Frauen, die sich gegen das Risiko einer Erkrankung an Gebärmutterhalskrebs impfen lassen wollen, sollten wegen der Kostenübernahme zuvor Kontakt mit ihrer privaten oder gesetzlichen Krankenversicherung aufnehmen. Bisher gibt es keine einheitliche Regelung zur Erstattung der Kosten der HPV-Impfung, die - verabreicht in drei Dosen - zusammen etwa 500 Euro kostet.

Auch wenn der erste Impfstoff seit September in der EU zugelassen ist, fehlt bislang eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) beim Robert-Koch-Institut. Auf einer Sitzung der Stiko Anfang des Monats wurde zwar über die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs gesprochen. Impfempfehlungen gibt die Stiko allerdings normalerweise nur einmal jährlich - im Juli - heraus. In seltenen Fällen erfolgt allerdings auch eine Vorabveröffentlichung. Fachleute rechnen damit im Februar nächsten Jahres.

In „dringenden Fällen“ werden die Kosten erstattet

Auch dann ist es den gesetzlichen Kassen noch freigestellt, die Kosten zu übernehmen - im Normalfall aber geschieht das. Empfohlene Impfungen sollen zur Pflichtleistung erklärt werden. Die privaten Krankenversicherungen übernehmen die Kosten nach einer Stiko-Empfehlung. Allerdings sind die Versicherer angesichts der Diskussion auch jetzt offenbar schon dazu bereit. Etwaige Selbstbehalte sind indes zu berücksichtigen.

Im Vorgriff auf die erwartete Entscheidung der Stiko haben die Techniker-Krankenkasse und die DAK angekündigt, die Kosten von sofort an zu erstatten. Dafür muß die Arztrechnung zunächst privat vorgestreckt und dann bei der Kasse eingereicht werden. Die Barmer Ersatzkasse erstattet die Kosten in „dringenden Fällen“, will aber bis zu einer allgemeinen Übernahme auf die endgültige Empfehlung der Stiko warten. So verfahren nach Angaben ihrer Bundesverbände die meisten Orts-, Betriebs- und Innungskassen.

Auch junge Männer sollten sich impfen lassen

Jedes Jahr erkranken in Deutschland an die 6500 Frauen an Gebärmutterhalskrebs, etwa 1750 sterben. HPV-Viren werden beim Geschlechtsverkehr übertragen. Mediziner empfehlen, Mädchen vor dem ersten Sexualkontakt mit einer Impfung zu schützen. Der Mediziner zur Hausen rät zudem, daß sich auch junge Männer impfen lassen sollten: „Aus Gründen der Solidarität“, wie er sagt, aber auch, weil die Papillomviren eine Reihe anderer Tumoren hervorrufen könnten - unter anderen Mundhöhlenkrebs und Peniskrebs.

Momentan aber richtet sich die Impfung zunächst an Mädchen und Frauen im Alter von elf bis 18 Jahren, der Impfstoff ist für Mädchen und Frauen im Alter von neun bis 25 Jahren zugelassen. Gemessen daran, käme die Impfung für sieben Millionen Patienten in Frage. Die Kosten für eine vollständige Impfung würden sich damit rechnerisch auf bis zu 3,5 Milliarden Euro belaufen.

„So lange können wir nicht warten

In London wurde unter anderem darüber gesprochen, wie die Preise für die Herstellung des Impfstoffs gesenkt werden können und wer die Kosten für die Frauen in den Entwicklungsländern übernehmen sollte. „Gewöhnlich dauert es 15 bis 20 Jahre, bis ein neu zugelassener Impfstoff auch die ärmeren Länder erreicht“, sagte Howard Zucker von der WHO. „So lange aber können wir nicht warten.“

Studien zeigen, daß etwa 70 Prozent der sexuell aktiven Menschen im Laufe ihres Lebens mit dem Virus in Berührung kommen. Bei einem Großteil von ihnen wird die HPV-Infektion durch das Immunsystem nach ein paar Monaten ausgeschaltet. Meist sind die Frauen (und auch Männer) danach immun gegen das Virus.

Quelle: F.A.Z., 15.12.2006, Nr. 292 / Seite 12
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent in Berlin.
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