Medizinische Unterversorgung

„Ein Chirurg für das ganze Land“

Von Catalina Schröder
 - 22:22

Mehr als 140 Millionen Operationen zu wenig werden nach den Berechnungen amerikanischer Ärzte jedes Jahr in den armen Regionen der Welt ausgeführt. So kümmern sich in Sambia gerade einmal 97 Chirurgen um 16 Millionen Einwohner. In Ruanda gibt es jedes Jahr Tausende Verkehrsunfälle, aber nur zwei Neurochirurgen, die Hirnverletzungen behandeln können. Die schlechte chirurgische Versorgung in vielen Entwicklungsländern fordert inzwischen jedes Jahr mehr Todesopfer als Malaria, Tuberkulose und HIV zusammen. Die deutsche Medizinstudentin Magdalena Gründl, 25, arbeitet an der Eliteuniversität Harvard in einer Forschungsgruppe, die dieses Problem bekämpfen will.

Frau Gründl, warum ist die chirurgische Versorgung in Entwicklungsländern so ein Problem?

Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen liegt es an der schlechten Hygiene. Viele Patienten sterben nach einem simplen Eingriff an den Folgen einer Wundinfektion, weil sie nicht unter sterilen Bedingungen behandelt wurden. Andere schaffen es aufgrund der schlechten Straßen und des fehlenden Transports gar nicht erst rechtzeitig ins Krankenhaus. In Sambia zum Beispiel lebt ein Viertel der Einwohner zwei Stunden oder mehr von der nächsten Klinik entfernt. Und dann fehlen einfach Ärzte. Laut Weltgesundheitsorganisation sollte ein Land pro 100.000 Einwohner je 20 Anästhesisten, Chirurgen und Gynäkologen haben. In Entwicklungsländern gibt es manchmal aber nur einen oder zwei.

Was bedeutet das für die Länder?

Insgesamt haben fünf Milliarden Menschen keinen Zugang zu guter Chirurgie und Anästhesie, oder sie können sich diese nicht leisten. Etwa 17 Millionen sterben jedes Jahr daran. Das ist etwa ein Drittel aller Todesfälle auf der Welt. Dazu kommen noch die Menschen, die ihr Leben lang von einem Unfall gezeichnet sind: Auch ein Beinbruch, der nicht richtig behandelt wird und falsch zusammenwächst, kann jemanden in einem Entwicklungsland dauerhaft arbeitsunfähig machen. Er muss dann von seiner Familie versorgt werden. Weil das tausendfach passiert, wird die Wirtschaftskraft dieser Länder massiv geschwächt.

Die Entwicklungshilfe kämpft seit Jahren gegen Infektionskrankheiten wie HIV, Malaria und Tuberkulose. Warum tut bislang kaum jemand etwas für eine bessere Chirurgie?

Das Geld großer Firmen und Stiftungen geht fast zu 100 Prozent in die Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Ich denke: Malaria kann nach Europa oder in die Vereinigten Staaten eingeschleppt werden – vor einem schlecht verheilten Bruch müssen sich die Industrieländer nicht fürchten. Das ist vielleicht ein Grund. Dass die betroffenen Länder selbst bisher kaum etwas getan haben, liegt auch daran, dass sie über Jahrzehnte nicht geglaubt haben, dass es sich überhaupt um ein massives Problem handelt. Lange hat niemand gezählt, wie viele Menschen sterben oder arbeitsunfähig werden, weil relativ einfache Verletzungen nicht versorgt werden. Aber jetzt kommt langsam Bewegung in das Thema.

Vor knapp sechs Jahren hat der amerikanische Chirurg John G. Meara die Forschungsrichtung Global Surgery begründet. Heute gehören Sie zu diesem Team dazu. Was machen Sie genau?

Ich bin seit Juli vergangenen Jahres dabei. In den Jahren zuvor sind meine Kollegen in verschiedenen Entwicklungsländern von Krankenhaus zu Krankenhaus gefahren und haben konkrete Daten gesammelt: Sie haben sich angeschaut, ob die Operationssäle mit dem Stromgenerator betrieben werden oder am Netz hängen, wie steril die Behandlungsräume sind, und gezählt, wie viele Ärzte es von welcher Fachrichtung gibt. Das war nötig, um den Regierungen klarzumachen, wie dringend sie handeln müssen.

Wie ging es anschließend weiter?

Heute arbeiten wir hauptsächlich mit Ruanda, Sambia, Tansania und Äthiopien daran, dass die chirurgische Versorgung dort besser wird. Ich kümmere mich speziell um Ruanda, und gerade geht es darum, die Zahl der Wundinfektionen nach einer OP zu verringern. Dafür schulen wir Menschen vor Ort in den Dörfern in den Grundlagen der Wundinfektion und statten sie mit Tablets aus. Darauf befindet sich ein kleiner MultipleChoice-Fragenkatalog. Wenn Sie einem frisch Operierten diese Fragen stellen, zeigt das Programm anschließend mit relativ großer Sicherheit an, ob derjenige unter einer Wundinfektion leidet – und gegebenenfalls zurück ins Krankenhaus gebracht werden sollte.

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

Mehr erfahren

Das klingt einerseits sinnvoll, andererseits aber auch nach einem Tropfen auf dem heißen Stein.

Das stimmt, aber irgendwo müssen wir anfangen. In Sambia haben wir es geschafft, dass die Regierung die chirurgische Versorgung der Bevölkerung in ihren nationalen Gesundheitsplan aufgenommen hat. Das ist ein Riesenerfolg, und das Gesundheitsministerium überlegt bereits, wie es das Problem Schritt für Schritt bekämpfen kann. Vorher haben sie einfach nichts gemacht. Etwa 320 Millionen muss das Land fürs Erste investieren: in Ärzte, bessere Straßen, bessere Krankenhäuser. Eine große Summe für ein Entwicklungsland. In Ruanda wird momentan die zweite Medizin-Uni des Landes gebaut. Ein weiteres Thema muss eines Tages auch die Finanzierung der Behandlungen sein . . .

. . . die müssen die Patienten oft selbst tragen.

Genau. Wir wissen zum Beispiel, dass über 90 Prozent der Frauen, die in Sambia einen Kaiserschnitt machen lassen müssen, dadurch in finanzielle Not geraten. Eigentlich können sie sich den Eingriff nämlich gar nicht leisten.

Wie sind Sie zur Global Surgery gekommen?

Ich war nach dem Abitur in einem Krankenhaus in Vietnam und später in einem Bergkrankenhaus in Tansania. Dort gab es einen Arzt, und der musste alles machen, egal, um welche Behandlung oder OP es ging. Oft gab es drei Patienten gleichzeitig, die eine Operation gebraucht hätten, und dann musste er sich entscheiden, um wen er sich zuerst kümmert. Während meines Studiums habe ich dann alles über Global Surgery gelesen, was ich gefunden habe. Die Forschungsrichtung gibt es in Europa bislang kaum. Hier in Amerika wächst sie aber immer stärker.

Countdown – der politische Newsletter der F.A.Z.
Countdown – der politische Newsletter der F.A.Z.

Starten Sie den Morgen mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen des Tages. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

Mehr erfahren

Sie selbst sind regelmäßig vor Ort in Ruanda. Was machen Sie dort genau?

Oft geht es um organisatorische Dinge, die sich für deutsche Ohren sehr banal anhören: Wie bringen wir die Menschen, die wir zum Thema Wundinfektion geschult haben, von einem Dorf zum anderen? Vermutlich mit einem Roller – aber stellen wir dafür einen Fahrer an? Wie gewährleisten wir, dass das auch noch funktioniert, wenn wir wieder weg sind?

Sind Sie auch medizinisch tätig auf Ihren Reisen?

Offiziell nicht. Aber wenn wir gerade vor Ort in einem Krankenhaus sind und Hilfe bei einem Kaiserschnitt gebraucht wird, springe ich manchmal ein.

Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft gucken: Was hat sich in der chirurgischen Versorgung von Entwicklungsländern dann getan?

Das kann ich eigentlich nicht beantworten, weil viele Faktoren, die ich nicht beeinflussen kann, eine wichtige Rolle spielen – wie beispielsweise die Infrastruktur. Natürlich wünsche ich mir, dass es dann wesentlich mehr Ärzte in den Entwicklungsländern gibt. Ich glaube auch, dass das zu schaffen ist. Aber mir ist schon klar, dass wir von Ländern sprechen, in denen beispielsweise Korruption an der Tagesordnung ist. Es wird sich etwas tun, aber ob sie jemals auf das Niveau der westlichen Länder kommen, sei mal dahingestellt.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenEuropaRuandaSambiaHarvardAIDSKrankenhausTodesopfer