Organspende

„Niemand wird fälschlich für hirntot erklärt“

Von Karin Truscheit
 - 15:02

Sind Südeuropäer freigebiger als Deutsche? Ist Nächstenliebe da noch ein größerer Wert? Das wäre zumindest eine Erklärung für die Tatsache, dass in Spanien 45 Organspender auf eine Million Einwohner kommen, während es in Deutschland gerade mal zehn Spender sind. Die Österreicher wiederum kommen in dieser Statistik auf 30 Organspender, was dem Nachbarland den vierten Rang auf der Liste der Organspender-Länder verschafft. Deutschland hingegen liegt abgeschlagen weit hinten. Stefan Thorban, Facharzt am Transplantationszentrum des Münchner Klinikums rechts der Isar, stellt am Dienstag bei einer Pressekonferenz fest: „In Deutschland ist die Organspende am Boden.“

Zusammen mit Stephan Eschertzhuber, Privatdozent am Transplantationszentrum im Universitätsklinikum Innsbruck, diskutierte Thorban über die möglichen Hintergründe für die niedrige Bereitschaft zur Organspende, die Fachärzte zunehmend beunruhigt. Vor allem der Transplantationsskandal von 2012 sei ausschlaggebend für den negativen Trend gewesen, sagt Thorban. Dazu kommen mangelnde Kenntnisse über die Bedingungen für Transplantationen, die allgemeine Abneigung, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen, und die Angst, im Falle eines Falles vorschnell für tot erklärt zu werden.

In anderen Ländern ist der Altruismus stärker ausgeprägt

Doch gerade in Deutschland und Österreich gelten hohe Anforderungen, wenn es darum geht, einen Menschen für hirntot zu erklären. Mehrere Ärzte sind mit der Diagnose befasst, viele Untersuchungen sind dafür vorgesehen, die oft mehrere Stunden in Anspruch nehmen können. „Niemand wird fälschlicherweise für hirntot erklärt“, sagt Thorban. Ein weiterer Grund für die nachlassende Bereitschaft, sich als potentieller Organspender zur Verfügung zu stellen, sei jedoch vermutlich auch ein – im Vergleich zu anderen Ländern – nicht ganz so stark ausgeprägter Altruismus.

Nur an unterschiedlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen kann es nicht liegen, dass die Österreicher andere Zahlen vorzuweisen haben. Stephan Eschertzhuber hob hervor, auch wenn Österreich und Deutschland unterschiedliche gesetzliche Rahmenbedingungen hätten, seien beide Ansätze in der praktischen Anwendung sehr ähnlich. So gilt in Deutschland seit 2012 die sogenannte Entscheidungslösung. Demnach ist es jedem Bürger überlassen, eine Entscheidung für oder gegen eine Spende mit einem Organspendeausweis zu dokumentieren, der von den Versicherern zur Verfügung gestellt wird. Auf eine Entscheidung kann aber auch bewusst verzichtet werden.

Im Urlaub gelten die entsprechenden Landesgesetze

In Österreich hingegen gilt die Widerspruchslösung: Hier gilt im Prinzip jeder als potentieller Organspender, es sei denn, er hätte seinen Willen zu Lebzeiten mündlich vor Verwandten oder schriftlich, durch einen Zettel im Geldbeutel zum Beispiel, explizit geregelt. Zudem kann man sich im „Widerspruchsregister“ eintragen und damit seine Entscheidung gegen eine Organentnahme zum Ausdruck bringen. Rund 38000 Personen sind zurzeit in diesem Register aufgeführt. Interessant ist, dass in diesem Register auch rund 5600 Deutsche aufgeführt sind. Denn wer im Urlaub in einem anderen Land ums Leben kommt, bei dem wird nach den geltenden Landesgesetzen über eine Organentnahme entschieden. Offenbar haben sich viele Deutsche, die nach Österreich zum Skifahren oder Bergwandern reisen, zuvor genau mit den dortigen Bestimmungen der Widerspruchslösung auseinandergesetzt.

Wird bei einem Unfalltoten zum Beispiel der Hirntod festgestellt, muss zunächst in dieses Register geschaut werden. „Doch natürlich sprechen wir auch mit den Angehörigen. Sollten diese sich gegen eine Entnahme entscheiden, obwohl der Patient nicht im Register verzeichnet ist, respektieren wir den Willen der Angehörigen.“ Das Gesetz werde also nicht auf Biegen und Brechen durchgesetzt. „Es würde der Transplantationsmedizin auch eher schaden als nützen.“

Klare Bestimmungen können Angehörige entlasten

Insofern ähnele also auch die österreichische Lösung den deutschen Vorgaben. Bei etwa 30 Prozent der Personen, die nicht registriert seien, würde eine Ablehnung durch die Angehörigen erfolgen. In Deutschland lehnen nach den Angaben rund 50 Prozent der Angehörigen von Personen ohne Ausweis eine Organentnahme ab. Thorban plädiert für eine Widerspruchslösung, da man sich so eine Zunahme an Organspendern erhofft. Allerdings sei es sinnvoll, hier – wie in Frankreich – den Angehörigen auch ein Einspruchsrecht zuzubilligen. Die Chancen, in Deutschland eine Widerspruchslösung durchzusetzen, seien jedoch gering. „Es wird als Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht aufgefasst.“

Beide Ärzte plädierten dafür, dass man sich zu Lebzeiten selbst entscheidet: „Man soll sich klar dafür oder dagegen entscheiden, das hilft den Angehörigen in diesen schweren Stunden sehr.“ Für Ärzte und Schwestern ist es oft belastend, mit den trauernden Angehörigen über die Möglichkeiten einer Organentnahme zu sprechen. Insbesondere, wenn Kinder betroffen sind. „Wie will man den Eltern vermitteln, dass ihr Kind tot ist, wenn es doch rosig und noch warm vor ihnen liegt?“

Der Empfänger bleibt in Deutschland anonym

Auf der anderen Seite wüssten die Ärzte, dass mit Ablehnungen Todesurteile für Patienten auf der Warteliste gefällt werden. Denn mit den Organen könnten mitunter vier bis fünf Menschen gerettet werden. „Ich habe mich das selbst auch oft gefragt, ob ich bei meinen Töchtern meine Einwilligung geben würde“, sagte Stephan Eschertzhuber. Er würde es tun. „Denn ich will ja im umgekehrten Fall auch, dass sie gerettet werden können.“

Ein Kontakt zwischen Empfänger und den Angehörigen von Organspendern ist in Deutschland nicht vorgesehen. Die Angehörigen erführen nur, ob alles gutgegangen sei, der Empfänger bleibt anonym, sagt Thorban. „Doch manchmal ist es auch der Herzenswunsch von Empfängern, einen Brief an die Angehörigen des Spenders zu schreiben. Den leiten wir dann weiter.“

Quelle: F.A.Z.
Karin Truscheit - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Karin Truscheit
Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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