Keime im Krankenhaus

„Wir gefährden jeden Tag Patienten – und zwar bewusst“

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"Als OP-Schwester arbeite ich in der Klinik eines großen Konzerns. In unserer Abteilung werden vor allem gefäß- und viszeralchirurgische Operationen gemacht, in Bereitschaftsdiensten bedienen wir aber auch fast alle anderen Fachbereiche eines Zentral-OPs. Es steht felsenfest, dass wir jeden Tag Patienten gefährden. Und das bewusst.

Das Schlimmste: Normalerweise werden Patienten, von denen man weiß, dass sie einen multiresistenten MRSA-Keim haben oder einen, gegen den noch nicht einmal das Ausweich-Antibiotikum Vancomycin etwas ausrichten kann, auf der Station isoliert und am Ende eines OP-Tages operiert. Dann kann der Saal hinterher in Ruhe geputzt werden - eine besondere Reinigung ist in diesen Fällen nämlich vorgeschrieben. Bei uns liegen Patienten mit Keimen aber ganz normal auf der Station, nur ganz selten in einem separaten Zimmer. Und sie werden regelmäßig am Anfang eines OP-Tages oder mittendrin operiert. Bis zur nächsten Operation ist dann natürlich fast nie genug Zeit, alles ordentlich sauber zu machen. Das ist geplantes Risiko. Und denen, die das planen, scheint das egal zu sein, wenn da jemand stirbt."

In deutschen Krankenhäusern infizieren sich nach Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums im Jahr 400 000 bis 600 000 Menschen. Meistens stecken dahinter ganz normale, das heißt nichtresistente Bakterien - was nicht grundsätzlich weniger gefährlich ist. So kann eine Infektion mit einem nichtresistenten Staphylcoccus aureus genauso tödlich verlaufen wie eine mit MRSA, der inzwischen multiresistenten Version davon. Dennoch sind Kliniken in größerem Aufruhr, wenn es um die resistenten Keime geht. Schließlich können gegen diese sonst wirksame Antibiotika nichts ausrichten.

Ansteckungen durch verdreckte Spritzen und Beatmungsgeräte

MRSA ist der am häufigsten auftretende Keim. Mindestens drei Prozent der Bevölkerung sollen diesen oder einen anderen multiresistenten Erreger in der Nase oder im Darm haben. Das ist meistens kein Problem, jedenfalls solange man gesund ist. Erst wenn der Erreger über Wunden, Spritzen oder Beatmungsgeräte tiefer in den Körper gelangt, wird es gefährlich. Es können Blutvergiftungen, Lungen- oder Hirnhautentzündungen auftreten, manchmal müssen Gliedmaßen amputiert werden.

Die Infektionen mit MRSA sind seit Jahren rückläufig. Gut 3600 Fälle wurden dem Robert-Koch-Institut im vergangenen Jahr gemeldet. Das waren fast sieben Prozent weniger als im Jahr zuvor. Dafür steigt die Zahl der Infektion mit anderen, hochresistenten Erregern. Dazu zählt beispielsweise Acinetobacter. Nach dessen Verbreitung Anfang Januar 2015 starben im Universitätskrankenhaus in Kiel 31 Patienten. Bei neun von ihnen hatte die Klinik ausgeschlossen, dass der Erreger zum Tod geführt hat.

Es gibt nur Schätzungen darüber, wie viele Patienten durch Infektionen sterben, die sie sich erst im Krankenhaus zugezogen haben. Krankenhaushygieniker sprechen von bis zu 40 000 im Jahr, darunter sind etwa 25 000 Todesfälle wegen multiresistenter Erreger. Das Bundesgesundheitsministerium spricht insgesamt bei den nosokomialen Infektionen, wie die Krankenhausinfektionen genannt werden, von 10 000 bis 15 000 im Jahr. Ein Drittel davon könnte demnach durch bessere Hygiene verhindert werden.

Mängel in der Organisation, Sparen bei der Sauberkeit

"Normalerweise würde die Reinigung von einem unserer OP-Säle nach einem mit einem multiresistenten Keim infizierten Patienten eine Stunde dauern. Man muss alles feucht abwischen und dann trocknen lassen. Das wird bei uns aber nie gemacht. Dafür ist der OP-Plan, natürlich aus Kostengründen, zu eng kalkuliert. Das Ziel ist, die Wechselzeiten so gering wie möglich zu halten. Da wird der infizierte Patient rausgerollt, dann kommt die Putzfrau, wedelt einmal kurz durch, das dauert fünf Minuten, und dann ist der nächste dran. Gegen die Keime helfen fünf Minuten aber nicht.

Es passiert natürlich, dass sich Menschen mit multiresistenten Keimen im Krankenhaus infizieren, das kann man nicht ganz verhindern. Aber wer es zulässt, das der OP-Plan schon von vornherein so konstruiert wird, dass das Risiko steigt, dann ist das fahrlässig. Die Gründe dafür sind rein organisatorisch. Manchmal haben die nichtinfizierten Patienten eben morgens noch eine Untersuchung und können deshalb erst um elf Uhr drankommen - und dann rutschen die mit einem MRSA-Keim schnell auf den ersten Termin am Morgen. Ich finde, organisatorische Gründe können nie so wichtig sein, dass man Patienten gefährdet.

Wenn ich dieses Problem anspreche, was ich oft tue, dann sagen die Ärzte, dass sie den OP-Plan mit dem Oberarzt der Hygiene abgesprochen hätten. Ich weiß, was der sagt, der sagt nämlich: Ihr könnt die MRSA-Patienten schon am Anfang des Tages operieren, aber dann müsst ihr direkt danach grundreinigen. Das Problem ist, dass die Hygiene-Abteilung nicht kontrolliert, ob das auch passiert. Und es passiert nicht.

Nachts wird der OP irgendwann geputzt. Es gibt viele Kräfte, die dafür nicht geschult sind, die kosten weniger. Dass die da waren, sieht man dann morgens, weil alles noch total versifft ist. Bei uns im OP gibt es Blutflecken an der Decke, die sind schon seit einem halben Jahr da. Auch an den Schaltern, auf den Tischen sind manchmal morgens noch Spuren von Blut. Dann wird natürlich operiert, es wird immer operiert. Und dann wundert sich der Chefarzt, warum die Zahl der rezidivierenden Wundinfektionen so hoch ist.

Ein vollständig sauberes Krankenhaus bleibt ein Ideal

Die Gänge bei uns im OP-Bereich sind so voll gestellt, da können die Putzkräfte gar nicht ordentlich sauber machen. Dort werden regelmäßig Insektenfallen aufgestellt, für die Kakerlaken. Vor einiger Zeit hatten wir auch eine Maus im Aufenthaltsraum. Die haben wir mit Nutella gefangen."

In einem idealen Krankenhaus würde all das nicht vorkommen. Allerdings ist so ein ideales Krankenhaus eben auch genau das - ein Ideal. Ein Beispiel: Händedesinfizieren wirkt den Experten von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene zufolge so ziemlich am Besten dagegen, dass Keime von Patient zu Patient weitergetragen werden. Wenn man das richtig macht, dauert es etwa 30 Sekunden. In einer Schicht müssen Ärzte und Schwestern sich etwa 150 Mal die Hände desinfizieren. Insgesamt ist das deutlich mehr als eine Stunde Arbeitszeit - eine ganze Menge im hektischen Klinikalltag.

Günstig gegen die Ausbreitung wären außerdem noch weitere Dinge, von denen die Kliniken im Alltag weit entfernt sind: So wäre es besser, es gäbe ausschließlich Einzelzimmer und jede Oberfläche wäre antibakteriell. Insgesamt würden seltener Antibiotika verwendet (das gilt nicht nur für die Kliniken, sondern zum Beispiel auch in der Landwirtschaft), denn deren Einsatz erhöht die Resistenzen. Gerade die Breitbandantibiotika, die eigentlich mal Notfallmedikament waren, sind dem Robert-Koch-Institut zufolge ein gutes Training für Bakterien, die resistent werden wollen.

Gibt es genügend unabhängige Kontrollen?

Seit einigen Jahren versuchen Politiker und Gesundheitsexperten vieles, um das Problem einzudämmen. Schon 2008 gab es die „Aktion Saubere Hände“. Kliniken, die daran teilnahmen, verpflichteten sich, alle im Krankenhaus arbeitenden Personen zu einer besseren Handhygiene anzuhalten.

"Es gibt Kliniken, in denen regelmäßig unangekündigt kontrolliert wird. Als unser Krankenhaus noch städtisch war, passierte das auch bei uns. Da wurde gecheckt, wer welche Stoffe an den Händen hat und wie sauber die Lichtschalter sind. Jeder hat dann hinterher vertraulich eine Auswertung über den Schmutz an seinen Händen bekommen. Inzwischen werden bei uns ab und an Schulungen gegeben, das war’s.

Ich habe den für die Hygiene verantwortlichen Arzt schon ewig nicht mehr gesehen. Auf mich wirkt es so, als ob er die Hygiene vor allem nach außen präsentiert. Unsere Klinik hat einen sehr guten Ruf, was das anbelangt. Ich höre oft von anderen, was für eine tolle Hygiene-Abteilung wir hätten. Das ist ein Hohn."

Nur wenige Krankenhäuser tauschen sich untereinander aus

Die OP-Schwester, die hier aus ihrem Alltag erzählt, arbeitet in einem Krankenhaus, das sich dem Nationalen Referenzzentrum für Surveillance von nosokomialen Infektionen (KISS) angeschlossen hat. Es wurde 1995 gegründet, seither vom Robert-Koch-Institut verwaltet und beobachtet die Entwicklung von Krankenhauskeimen. Die teilnehmenden Krankenhäuser tauschen ihre Fallzahlen und Erfahrungen aus, um zu lernen, besser mit den Keimen umzugehen. Viele Krankenhaushygieniker halten den Nutzen von KISS für begrenzt - und tatsächlich haben fast alle Häuser bei KISS mitgemacht, die zuletzt von besonders drastischen Keimfällen betroffen waren. Dabei ist nur ein kleiner Teil der mehr als 2000 deutschen Kliniken überhaupt dabei.

Bei der Frage, was wirklich helfen kann, schauen deutsche Hygieniker seit jeher in die Niederlande. Dort gibt es schon immer sehr viel weniger Infektionen mit resistenten Keimen. Risikopatienten, also zum Beispiel solche aus Seniorenheimen oder Menschen mit Diabetes, werden dort routinemäßig auf MRSA getestet und bis zum Ergebnis vom Rest des Krankenhauses isoliert. Oft passiert das sogar bei allen Patienten.

Gesundheitsministerium startet Zehn-Punkte-Plan

Eigentlich ist ein Test bei Risikopatienten auch in Deutschland Pflicht. In vielen Krankenhäusern wird das nicht konsequent umgesetzt. Das weiß man auch im Bundesgesundheitsministerium in Berlin. „Es reicht nicht, dass Vorschriften existieren, sondern sie müssen auch in jedem Krankenhaus gelebt werden“, sagt ein Sprecher des Ministeriums dazu.

Der MRSA-Test für Risikopatienten ist Teil eines Zehn-Punkte-Plans des Gesundheitsministeriums. Darin steht, dass in Modellversuchen getestet werden soll, ob es nicht sinnvoll ist, jeden Patienten bei einem planbaren Krankenhausaufenthalt auf multiresistente Keime zu überprüfen. Es gibt bereits einige Krankenhäuser, die grundsätzlich all ihre Patienten auf MRSA testen. Der Nutzen eines solchen flächendeckenden Screenings ist allerdings umstritten. Zum Zehn-Punkte-Plan zählen neben der Forschung an neuen Antibiotika auch strengere Meldepflichten für multiresistente Keime. Sei Mai dieses Jahres müssen Krankenhäuser jeden festgestellten resistenten Erreger melden - und nicht erst dann, wenn schon schwere Krankheiten ausgebrochen sind.

"Ich bin seit 36 Jahren Krankenschwester, seit 15 Jahren arbeite ich im OP. Ich habe das immer mit Leib und Seele gemacht. Ich habe diesen Job gewählt, weil ich Menschen helfen will.

Vor einiger Zeit bin ich, das war wieder ein besonders schlimmer Tag, aus Hilflosigkeit und Verzweiflung über die Zustände bei uns im OP zusammengebrochen. Ich war dann in psychiatrischer Behandlung. Das geht vielen so. Bei so viel geplantem Risiko weiß ich gar nicht, wie man keine schlaflosen Nächte bekommen kann."

Aufgezeichnet von Denise Peikert

Quelle: F.A.S.
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