Altenpflege

„Der Zustand der Betagten hat sich stark verbessert“

Von Catalina Schröder
 - 21:16

Herr Professor Osterbrink, mit einem Pilotprojekt wollen Sie Wechselwirkungen von Medikamenten verhindern, und zwar durch eine bessere Kommunikation zwischen Ärzten, Apothekern und Pflegern. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Ich forsche seit Jahren zu der Frage, wie wir Schmerzen von Patienten lindern können. Vor einiger Zeit habe ich mich intensiv mit der Schmerzsituation von betagten und hochbetagten Menschen beschäftigt, die bereits im Altersheim leben. Ich war in 24 Heimen in Münster unterwegs, und im Durchschnitt erhielten die Patienten dort 15 unterschiedliche Medikamente. Eine ganze Menge! Ich habe dann weiter recherchiert und herausgefunden, dass die Situation in ganz Deutschland ähnlich ist: Fast überall bekommen die Patienten eine hohe Anzahl an Medikamenten, die der Hausarzt und verschiedene Fachärzte verschrieben haben. Sie haben die Medikamente aber oft nicht aufeinander abgestimmt.

Warum ist die hohe Anzahl an Medikamenten so ein großes Problem?

Die Wirkstoffe der einzelnen Medikamente können sich untereinander beeinflussen und zu teilweise heftigen Nebenwirkungen führen: Manchen Patienten wird übel, andere dämmern regelrecht vor sich hin und bekommen kaum noch mit, was um sie herum passiert. Wieder anderen wird schwindelig. Dadurch stürzen sie schneller und brechen sich eher etwas. Insgesamt kann man sagen, dass gerade sehr alte Menschen durch die Wechselwirkungen von Medikamenten ein hohes Risiko haben, bettlägerig zu werden. Das ist gefährlich, denn ein Hochbetagter, der eine Woche im Bett verbringt, verliert in dieser Zeit im Schnitt drei Kilo Muskelmasse. Die trainiert er sich in der Regel nicht wieder an, und so kommt er unter Umständen nach einigen Wochen im Bett gar nicht mehr auf die Beine.

Und ist dann wegen anderer Beschwerden in Behandlung als aufgrund derer, für die er die Medikamente nimmt.

30 Prozent aller Krankenhauseinweisungen können wir bei alten Menschen auf die Wechselwirkungen von Medikamenten zurückführen. Es ist ein schleichender Prozess, aber auf lange Sicht verkürzen diese Wechselwirkungen das Leben.

Was sollte sich an dieser Situation ändern?

Ich glaube, wenn Sie die Leute auf der Straße fragen, ob Ärzte, Apotheker und Pfleger die Medikation von Altenheimbewohnern aufeinander abstimmen, würden die meisten sagen: Ja klar! Das ist aber sehr häufig eben nicht der Fall. Wechselwirkungen und die Anzahl der Medikamente verringern, das können wir aber nur dann, wenn diese drei Berufsgruppen miteinander kommunizieren. Und genau das haben wir in unserem Projekt ermöglicht.

Für Ihr Pilotprojekt haben Sie in Münster mit 90 Patienten zusammengearbeitet, die in insgesamt zehn Altenheimen untergebracht waren. Mitgemacht haben auch 15 Ärzte und zwölf Apotheken, die die Heime beliefern.

Ganz genau. Zwei Jahre lang haben wir unsere 90 Patienten begleitet. Wir haben eine Online-Plattform entwickelt, auf der die Ärzte und Apotheker zu jedem Patienten eintragen konnten, welche Medikamente sie ihm verschrieben haben. Auch die Altenheime konnten diese Informationen einsehen. Natürlich haben wir uns dabei streng an den Datenschutz gehalten. Die Ärzte und Apotheker haben sich auch angeschaut, bei welchen Patienten es schädliche Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten geben könnte und wer möglicherweise mehrere Medikamente nimmt, die eine ähnliche Wirkung haben. Dann haben sie in jedem einzelnen Fall entschieden: Können wir Medikamente streichen? Können wir ein Medikament durch ein anderes, besser verträgliches Präparat ersetzen? Oder nehmen wir auch mal bestimmte Nebenwirkungen in Kauf, um die Ursache einer Krankheit besser behandeln zu können?

Das klingt aufwendig für ein Gesundheitssystem, in dem kaum Zeit für den Patienten ist.

So aufwendig ist das gar nicht. Das Tolle an der Plattform ist, dass jeder dann seine Einträge und Anmerkungen machen kann, wenn es ihm zeitlich gerade passt. Sprich, die einzelnen Berufsgruppen kommen zu einer gemeinsamen Entscheidung, ohne auch nur eine Minute gemeinsam an einem Tisch gesessen zu haben.

Nun haben Sie die Ergebnisse des Projekts veröffentlicht, was kam heraus?

Im Durchschnitt konnten wir die Wechselwirkungen der Medikamente bei unseren Patienten um 25 Prozent reduzieren. Bei einzelnen Patienten sogar um bis zu 60 Prozent. Bei einigen konnten wir bis zu fünf Medikamente komplett aus dem Behandlungsplan streichen. Die Leute waren wacher, bei vielen verschwand die Übelkeit, und sie stürzten nicht mehr so schnell.

Wenn sich solch eine Verbesserung mit überschaubarem Aufwand erzielen lässt – warum ist dieses Verfahren dann nicht längst Standard in Deutschland?

Dafür gibt es zwei Ursachen: Zum einen haben wir erst seit einigen Jahren immer mehr alte und kranke Menschen in Deutschland. Anders gesagt: Früher war das nicht so ein großes Thema, und die Ärzte hatten auch eher mal Zeit, sich untereinander abzustimmen. Heute ist das kaum noch möglich, weil Ärzte immer mehr Menschen mit immer mehr Krankheiten in immer kürzerer Zeit versorgen müssen. Zum anderen sind Ärzte und Apotheker oft als Einzelkämpfer unterwegs, die nicht unbedingt gut zusammenarbeiten. In Deutschland sind wir eher so gepolt, dass wir immer einen Schuldigen suchen, wenn es unerwünschte Nebenwirkungen gibt. Das muss sich ändern: Ärzte, Apotheker und das Heimpersonal müssen sich als Team verstehen.

Die meisten Menschen, die einen Angehörigen haben, der im Heim lebt, werden dort nicht so ein Projekt vorfinden: Was kann ich als Laie tun, um die Wechselwirkungen von Medikamenten oder auch die Medikamentenanzahl bei einem pflegebedürftigen Angehörigen zu reduzieren?

Ich rate immer dazu, sich den Medikationsplan aller Ärzte geben zu lassen und dann zunächst den Apotheker nach Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten zu fragen. Viele wissen das nicht, aber Apotheker kann man in diesem Fall ruhig als eine Art Serviceeinrichtung nutzen, sie sind ja dafür ausgebildet. Wenn es Verbesserungspotential gibt, sollten Sie das mit dem Hausarzt besprechen, der sich wiederum mit den Fachärzten in Verbindung setzen muss.

Und der klagt dann nicht über mehr Arbeit?

Viele Hausärzte sind da sehr offen, weil ihnen inzwischen klar ist, dass das ein wichtiges Thema ist. Sollte sich ein Arzt vehement weigern, müssen Sie gut überlegen, ob er noch der Richtige für die Versorgung Ihres Angehörigen ist.

Wie haben Ärzte und Apotheker auf Ihr Pilotprojekt reagiert?

Mitte Oktober haben wir unsere Ergebnisse auf dem Deutschen Schmerzkongress in Mannheim vorgestellt. Das Interesse war riesig – kaum jemand hat während unserer Präsentation den Raum verlassen, das kenne ich sonst anders.

Wie geht es nun weiter?

Unsere Kommunikationsplattform haben wir beim Europäischen Patentamt in München angemeldet, und Anfang des Jahres wollen wir hier in Westfalen-Lippe zunächst mit 50 Ärzten, 50 Altenheimen und 50 Apotheken weitermachen. Im Jahr darauf sollen 50 weitere dazukommen, und so wollen wir die Idee langsam ausbauen. Die Apotheker, Ärzte und Heime aus unserer Pilotphase bleiben natürlich dabei.

Wie wird das Ganze finanziert?

Alle Teilnehmer sollen einen geringen Mitgliedsbeitrag zahlen – darüber wollen wir die Plattform finanzieren.

Und was sagen die Patienten in den Altenheimen selbst zu Ihrem Projekt?

Bei vielen hat sich der Allgemeinzustand so stark verbessert, dass sie wieder am täglichen Geschehen in den Heimen teilnehmen können, was vorher oft undenkbar war. Eine 92-jährige Patientin, die ich vor kurzem besucht habe, hat zu mir gesagt: Professor Osterbrink, ich weiß im Augenblick gar nicht, woran ich sterben sollte. Das sagt eigentlich alles, oder?

Prof. Jürgen Osterbrink ist Vorstand des Instituts für Pflegewissenschaft und -praxis an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg. Er hat das Projekt InTherAkt mit ins Leben gerufen.

Quelle: F.A.S.
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