Schwere Verbrennungen

Zurück im Leben

Von Christoph Strauch
 - 20:43

Wie rettet man einem Menschen das Leben, der an 95 Prozent der Körperfläche verbrannt ist? Maurice Mimoun weiß es. Der französische Chirurg, der am Pariser Hôpital Saint-Louis die Abteilung für Plastische Chirurgie und das dazugehörige Verbrennungszentrum leitet, vollbrachte vor mehr als einem Jahr mit seinem Team das Wunder, an das die Ärzte anfangs selbst nicht so recht geglaubt hatten. Als Franck, ein junger Franzose, im September 2016 nach einem schweren Arbeitsunfall in seine Klinik gebracht wurde und Mimoun die Verbrennungen sah, war er pessimistisch und betrübt zugleich. „Verbrennungen von solchem Ausmaß bedeuten in der Regel, dass der Patient nicht überlebt“, sagt Mimoun. Doch Franck entsprach nicht der Regel. Er hatte Glück im Unglück.

Als sich Maurice Mimoun am Tag nach der Aufnahme des Patienten mit dessen Familie traf, war auch Francks Bruder Eric dabei. Mimoun konnte zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnen, dass Eric und Franck eineiige Zwillinge waren, weil sein Patient durch seine Verbrennungen fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt war. Als sich aber nach und nach herausstellte, in welchem Verhältnis die beiden zueinander standen, begann sich das Blatt für Mimoun zu wenden: „Diese Information war wie ein Sonnenstrahl an einem verregneten Tag“, sagt der Arzt. Mimoun wusste nun, dass es möglich war, Francks Leben mit Hilfe einer Hauttransplantation zu retten.

Normalerweise lässt sich nur eigene Haut von einer Körperstelle an eine andere verpflanzen. Die Haut eines fremden Spenders würde vom Immunsystem des Körpers abgestoßen. Selbst Eltern, Kinder oder Geschwister kommen als Spender von Haut nicht in Frage. Eineiige Zwillinge dagegen verfügen über identisches Erbgut, so dass es in dem Fall nicht zu einer Abwehrreaktion kommt.

Neues medizinisches Verfahren
Die rettende Haut des Zwillingsbruders
© afp, afp

Operationen mit Sterberisiko

Dennoch standen der Ganzkörper-Hauttransplantation am Anfang noch Hindernisse im Weg, die es zu überwinden galt. Eines davon betraf Francks Bruder Eric: „Wir mussten ihm erklären, was auch auf ihn zukommen würde“, sagt Mimoun. Bei einer Nierenspende bleibe eine einzige kleine Narbe zurück. „Hier war es aber nötig, große Mengen von Haut zu entnehmen, was mit Sicherheit viele Narben auf Erics Körper zurücklassen würde.“ Außerdem musste der Arzt Eric klarmachen, dass mehrere Operationen nötig sein würden. Und selbst dann nicht automatisch sicher sei, dass Franck überleben würde. Doch Eric, der seinem Bruder unbedingt helfen wollte, zeigte sich unbeeindruckt und stimmte den Eingriffen zu.

Die erste Hautübertragung erfolgte sieben Tage nach Francks Unfall, die anderen beiden in den darauffolgenden anderthalb Monaten. Zunächst wurden Eric dünne Schichten der Kopfhaut entnommen - wo der Heilungsprozess schnell verläuft und keine Narben zurückbleiben. „Auch der Haarwuchs wurde durch den Eingriff nicht beeinträchtigt“, sagt Mimoun. Die restliche Haut lieferten Erics Rücken und Oberschenkel. „Weil diese Körperregionen weniger sozial auffällig sind“, erklärt der Chirurg. Insgesamt spendete Eric während der drei Operationen 45 Prozent seiner eigenen Haut, die mit Hilfe einer speziellen Technik als „Meshgraft“ verwendet wurde. Bei diesem Vorgang werden kleine Löcher nach rautenförmigem Muster in das Transplantat geschnitten. Dieses kann dadurch gedehnt und wie ein Netz auf die verwundete Stelle gelegt werden. 45 Prozent der Spenderhaut von Eric reichten so, um die betroffenen 95 Prozent auf Francks Körper zu bedecken. Mehr als ein Jahr nach den Operationen zieht Maurice Mimoun ein positives Fazit. „Franck befindet sich noch in der Rehabilitationsphase, aber wenigstens ist sein Leben gerettet.“

Der Fall der eineiigen Zwillinge ist die absolute Ausnahme. Maurice Mimoun glaubt zwar, dass in Zukunft Hauttransplantationen am ganzen Körper auch bei anderen Unfallopfern möglich sein werden - etwa mit Hilfe von „Universalhaut“, nach der in der medizinischen Forschung aktuell gesucht werde. Solange es dabei aber noch keinen Durchbruch gibt, wird die Eigenhautspende der Normalfall bleiben.

Generell wird bei den Transplantaten zwischen Spalthaut- und Vollhauttransplantaten unterschieden: Die Spalthaut ist dünner und kann daher großflächiger entnommen werden, die Spenderregion heilt meist von selbst, und es bleiben weniger Narben zurück. Ein Nachteil ist aber, dass die dünnen Spalthautlappen zum größten Teil aus der Oberhaut (Epidermis) bestehen und nur wenig Lederhaut (Dermis) enthalten. Die ist jedoch funktionell sehr wichtig, da sie Talg- und Schweißdrüsen sowie Blut- und Lymphgefäße enthält. Bei der Vollhauttransplantation werden alle Hautschichten von der Spender- an die Empfängerregion übertragen, so dass dort etwa auch wieder Haare wachsen können. Umgekehrt bedeutet dies aber, dass in der Spenderregion eine neue nicht selbstheilende Wunde entsteht. Vollhauttransplantationen eignen sich daher zwar zur Behandlung von tiefen, nicht aber von großflächigen Verbrennungswunden.

Gezüchtete Haut braucht Zeit

Eine andere Methode zur Behandlung von Schwerbrandverletzten ist die Hautzüchtung. Dabei wird dem Patienten an einer gesunden Stelle eine kleine Hautprobe entnommen und ins Labor gegeben. Die unterschiedlichen Hautzelltypen werden dort getrennt und in Petrischalen vermehrt. Der Vorgang dauert etwa vier Wochen. Ein Nachteil ist, dass nur Oberhaut gezüchtet werden kann, nicht aber Lederhaut. Mediziner gehen zwar davon aus, dass es in fünf bis zehn Jahren auch möglich sein wird, Lederhaut zu züchten. Allerdings dürften dann auch die Kosten für Kulturzellen erheblich steigen. Schon heute liegen diese im mittleren fünfstelligen Bereich, wobei der behandelnde Arzt das Risiko in Kauf nehmen muss, dass der Patient stirbt, bevor der Züchtungsprozess beendet ist.

Dass heute immer mehr Patienten mit Brandverletzungen überleben, die vor 20 Jahren noch ein Todesurteil bedeutet hätten, ist auch der besonderen Betreuung in Verbrennungszentren zu danken. Die Deutsche Gesellschaft für Verbrennungsmedizin (DGV) listet 38 dieser Einrichtungen für Erwachsene und Kinder auf ihrer Seite auf. Professor Henrik Menke, der Vorsitzende der Gesellschaft, leitet ein solches Zentrum am Sana Klinikum in Offenbach. „Die Zentren sind besonders spezialisiert, was Personal, Struktur, aber auch Technik betrifft“, sagt Menke. Es gebe spezielle operationstechnische Geräte für die Durchführung von Hauttransplantationen, aber auch räumliche Vorkehrungen. So würden die Patienten in einer abgetrennten Einheit untergebracht, da bei Schwerbrandverletzten das Infektionsrisiko besonders hoch sei. Weil bei großflächigen Verbrennungen der Patient außerdem schneller auszukühlen drohe, seien Operations- und Schockräume klimatisch darauf eingestellt.

Das Verbrennungszentrum in Offenbach hat neun Erwachsenenbetten und ein Kinderintensivbett zur Verfügung. Mit Menke versorgen sechs weitere Spezialisten etwa 270 Patienten im Jahr. Deutschlandweit waren es 2017 knapp 2500 Patienten, die in Verbrennungszentren behandelt wurden. Die Gesamtzahl der stationär behandelten Brandverletzten liegt aber mit mehr als 20 000 pro Jahr wesentlich höher. Das bedeutet, dass viele Patienten mit ausgedehnten Verbrennungen in normalen Krankenhäusern ohne verbrennungsmedizinische Spezialisierung behandelt werden - was sich mitunter auch in der Versorgungsqualität niederschlägt. In den weniger spezialisierten Kliniken komme es durchaus vor, dass ein Patient nach drei Wochen entlassen werde, seine Brandwunde aber nach drei Monaten immer noch nicht verheilt sei, sagt Verbrennungschirurg Menke. „Um zu erkennen, wann eine Brandverletzung operiert werden muss, braucht man viel Erfahrung. Die haben viele Kollegen nicht.“

Natürlich könne wegen der begrenzten Kapazitäten nicht jeder Brandverletzte in einem Verbrennungszentrum behandelt werden, räumt Menke ein. „Aber die Kliniken können einen Patienten bei einem Verbrennungszentrum vorstellen, um sich zu vergewissern, ob sie mit der Behandlung auf dem richtigen Weg sind.“ Gleichwohl gibt es auch zwischen den Zentren Unterschiede in Hinblick auf Qualität, Ausstattung und Kapazitäten. Die DGV führt daher zusammen mit dem Arbeitskreis „Das schwerbrandverletzte Kind“ ein jährliches Verbrennungsregister, um die Versorgungsqualität in den Zentren zu dokumentieren. Ziel ist es, eine bessere medizinische Versorgung der Betroffenen sicherzustellen und dafür bestimmte Standards zu entwickeln.

Krankenhäuser ohne Spezialisierung auf Brandwunden neigen nicht nur dazu, Patienten zu früh zu entlassen. Viele Betroffene klagen auch darüber, dass sie nicht ausreichend auf die Zeit nach der Entlassung vorbereitet werden. Dabei ist eine gute Nachsorge wichtig, denn für Brandverletzte beginnt gerade dann eine Phase mit neuen Schwierigkeiten: Der Heilungsprozess ist noch lange nicht abgeschlossen, weitere Korrekturoperationen sind erforderlich, da häufig die Beweglichkeit durch Verbrennungen über den Gelenkpunkten eingeschränkt ist oder Narbenkontrakturen für Belastungen sorgen. Therapien wie medizinische Bäder, Narbenmassagen, Lymphdrainage und Unterdruck-Vakuum-Massagen werden von den gesetzlichen Krankenkassen oft nicht übernommen, ebenso wie Salben, Cremes und Kosmetikprodukte. Hinzu kommt, dass Hausärzte sich in vielen Fällen mit dem speziellen Verletzungsbild nicht auskennen und nicht wissen, was die Betroffenen brauchen.

„Die Erstversorgung in der Klinik ist top“, sagt Alexander Steurer. „Aber ab dem Tag der Entlassung steht man als Betroffener vor einem neuen Berg von Herausforderungen.“ Steurer ist Vorsitzender von Cicatrix e. V. - einem der Selbsthilfevereine, die sich zum Ziel gesetzt haben, Brandverletzte bei genau diesen Herausforderungen zu unterstützen. Die rund 480 Mitglieder starke Organisation verfügt über einen Fachbeirat, in dem sich Ärzte, Therapeuten, Psychologen und Anwälte engagieren. Letztere helfen etwa, wenn es um Entschädigungen oder Schmerzensgelder geht, aber auch bei Angelegenheiten im sozialen Bereich. Sie informieren die Betroffenen, welche Formulare sie auf welchen Ämtern ausfüllen müssen, wenn es um Erwerbsminderung oder Behinderungsgrade geht oder finanzielle Unterstützung beantragt wird, mitunter legen sie auch Einsprüche gegen Zahlungsablehnungen der Krankenkassen ein.

Cicatrix wurde 2004 gegründet für Menschen, die durch operative Maßnahmen so schnell wie möglich ihr früheres Leben zurückbekommen wollten. Auch Alexander Steurer hat sich nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus vielen Korrekturoperationen unterzogen. Der 42 Jahre alte frühere Stahlarbeiter erlitt 2007 einen Arbeitsunfall mit flüssigem Stahl, 60 Prozent der Körperfläche waren mit Verbrennungen dritten Grades bedeckt. Als er nach drei Monaten aus dem Krankenhaus entlassen wurde, waren lange Zeit immer noch alle Gelenke eingeschränkt. „Ich konnte mich nicht mehr selbst versorgen, anziehen, essen - immer war ich auf Hilfe angewiesen“, sagt Steurer, der in den sechs Jahren nach dem Unfall über hundert Operationen durchlief. „Die Korrekturoperationen waren für mich wichtig, um ein gewisses Maß an Selbständigkeit zurückzuerlangen.“

Weil Steurers Unfall auf der Arbeit geschah, übernahm die Berufsgenossenschaft die Kosten für seine Behandlung. Unterstützung erhielt er auch bei der Wiedereingliederung ins Berufsleben. Heute hat er eine Teilzeitstelle als Ausbilder mit eigener Ausbildungsstätte und etwa 170 Lehrlingen - in dem Betrieb, in dem er auch seinen Unfall erlitt. Allerdings schaffen sehr viele Betroffene das nicht. Für manch einen sei es einfach ein guter Moment, um von der Berufswelt abzuspringen, sagt Alexander Steurer und, mit Bedauern: „Für die meisten aber ist es physisch oder psychisch nicht mehr möglich, dorthin zurückzukehren.“

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Überhaupt gehören psychische Belastungen zu den massivsten Folgen schwerer Brandverletzungen. Viele Betroffene trauen sich nicht mehr in die Öffentlichkeit, weil sie wegen ihres neuen Erscheinungsbildes Ablehnung befürchten - besonders wenn Gesicht, Kopf oder Hände betroffen sind. Andere werden von ihren Partnern verlassen. Depressionen, Ängste, Einsamkeit, Alkohol- oder Tablettenabhängigkeit treten auf. Besonders gravierend können sich Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) auf den Alltag der Unfallopfer auswirken. Sie erleben dabei das traumatische Erlebnis in belastenden Erinnerungen, Träumen oder Flashbacks regelmäßig wieder, vermeiden Menschen, Orte, Gegenstände oder Situationen, die mit dem Trauma verbunden werden, und leiden unter weiteren Faktoren wie Gereiztheit, Schlaflosigkeit oder Schreckhaftigkeit.

Vereine wie Cicatrix oder der Bundesverband für Brandverletzte e. V. versuchen, Verbrennungsopfer auch bei der Bewältigung psychischer Herausforderungen zu unterstützen, um ihnen die Reintegration in das gesellschaftliche und berufliche Leben zu erleichtern. Im Falle schwerer Traumatisierungen hilft aber nur professionelle Betreuung weiter. Sybille und Hartmut Jatzko haben darin Erfahrung: Das Ehepaar hat sich vor 30 Jahren um Opfer und Hinterbliebene der Flugschaukatastrophe von Ramstein gekümmert und die erste Katastrophennachsorge in Deutschland begründet. Unter den Ramstein-Opfern seien zahlreiche Schwerbrandverletzte, die bis heute unter ihrem Trauma leiden, sagt Hartmut Jatzko.

Heilbar sei das nicht. „Wir wollen den Menschen aber helfen, damit zu leben und die Kontrolle über die Symptome des Traumas zu erlangen.“ Dafür gebe es Therapiemethoden wie die EMDR-Technik, wo durch Beruhigung von Augenbewegungen bestimmte Hirnareale wieder miteinbezogen werden sollen, die durch den Traumareiz blockiert sind. Die Jatzkos bieten seit Ramstein auch sogenannte Gesprächstherapien an: Betroffene treten dort in Kontakt miteinander und sollen so die Möglichkeit haben, ihre Symptome mit anderen Betroffenen abzugleichen. „So wird eine Schicksalsgemeinschaft gegründet“, sagt Jatzko. Daneben haben die Jatzkos aber noch ein ganz einfaches Rezept gegen die Traumabelastungen: „Der Beistand der Angehörigen ist eine sehr gute Therapie für Betroffene.“

Quelle: F.A.S.
Christoph Strauch
Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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