Sucht nach Nasenspray

Alle naselang

Von Jörn Wenge
 - 15:25

Frauke Lamprecht hatte den Stoff immer in ihrer Nähe: am Bett, in der Handtasche, im Auto. Ging sie auf Reisen, nahm sie zwei Packungen zusätzlich mit. Wenn sie etwa zum Abendessen verabredet war und das Spray einmal vergessen hatte, konnte sie sich auf das Treffen nicht mehr freuen. Lamprecht wusste, dass sie durch ihre Nase keine Luft bekommen und das Essen nicht schmecken würde. Sie wusste auch, dass sie sich für ihre Freunde anhören würde, als hätte sie eine schwere Erkältung – dabei war Lamprecht gar nicht krank, sondern abhängig. Abhängig von abschwellenden Nasensprays. Um durch die Nase atmen zu können, brauchte sie jeden Tag mindestens drei Sprühstöße – acht Jahre lang. „Das Spray vergessen zu haben war der absolute Horror“, sagt die Vierunddreißigjährige heute.

So wie Lamprecht, deren echter Name ein anderer ist, geht es nicht wenigen. Für die Nasenspray-Abhängigen gehören tägliche Sprühstöße zum Alltag wie Zähneputzen oder Schuhebinden. Das Suchtmittel kennt hierzulande fast jeder. Abschwellende Nasensprays sind sehr beliebt, gerade in der Erkältungszeit: Ein Stoß aus dem Fläschchen, das zwei, drei Euro kostet, und nach ein paar Minuten ist die Nase wieder frei.

Ähnlichkeiten mit dem körpereigenen Adrenalin

Ihre einfache Handhabung und prompte Wirkung haben die Sprays unter die Lieblingsmedikamente der Deutschen gebracht. Der Absatz stieg laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände von 2014 bis 2016 um zehn Prozent. Fünf der Präparate zählen gemäß einer Statistik des Beratungsunternehmens Quintiles-IMS zu den zwanzig nach Stückzahlen meistverkauften rezeptfreien Medikamenten in Deutschland. Nummer eins in der Rangliste ist ein Nasenspray.

Vielen Nutzern ist jedoch nicht bewusst, dass die Medikamente auch ein erhebliches Suchtpotential haben: Wer sich nicht an den Hinweis in der Packungsbeilage hält und das Spray nicht nach einer Woche absetzt läuft Gefahr, alsbald jeden Tag sprühen zu müssen, um frei atmen zu können, obwohl er gar nicht mehr krank ist. Das liegt an der Wirkungsweise der Präparate.

Fängt man sich eine Erkältung ein, entzündet sich die Nasenschleimhaut. Sie schwillt stark an, verengt so den Atemweg, außerdem bildet sich mehr Schleim als normalerweise, damit die Erreger ausgeschwemmt werden. Das Resultat: Die Nase läuft, und man bekommt schlechter Luft. Abschwellende Nasensprays versprechen da Abhilfe. Sie beinhalten sogenannte Alpha-Sympathomimetika. Diese Wirkstoffe, etwa Xylometazolin, das in vielen Präparaten verwendet wird, lassen sich in ihrer Wirkung mit dem körpereigenen Botenstoff Adrenalin vergleichen, den der Körper bei Gefahr ausschüttet: Sie verengen die Gefäße. Als Spray lokal in der Nase eingesetzt, wirkt Xylometazolin an den Rezeptoren der Nasenschleimhaut und sorgt dafür, dass diese abschwillt und der Atemweg wieder frei wird. Bei einer Erkältung, wenn Salzsprays oft nicht mehr weiterhelfen, ist das eine Wohltat, auch wenn die Mittel die Erkrankungszeit nicht verkürzen.

Das Dilemma für Menschen wie Lamprecht liegt darin, dass sich der Körper schnell an die Stimulation der Rezeptoren gewöhnt, sagt Martin Wagenmann, geschäftsführender Oberarzt und Leiter der Rhinologie der HNO-Klinik des Universitätsklinikums Düsseldorf. Aktiviere man den Rezeptor mit dem Spray „immer wieder von außen, lernt der Körper, dass er selbst weniger Botenstoffe produzieren muss“, sagt Wagenmann. Die Nase wird nur noch mit Hilfe des Nasensprays frei und bleibt ohne Sprühstoß dicht.

Mindestens 100.000 bis 120.000 Abhängige

Anders als beim Missbrauch von sedierenden Medikamenten, Alkohol- oder Drogensucht geht es Nasenspray-Abhängigen nicht um Rausch oder Befriedigung, sondern nur darum, die Nase frei zu bekommen. Wie viele Menschen in Deutschland täglich zum Sprühfläschchen greifen, weiß niemand genau. Der Bremer Pharmakologe Gerd Glaeske hat die Anzahl der Abhängigen vor einigen Jahren, ausgehend von den Verkaufszahlen der Präparate, auf „mindestens 100.000 bis 120.000“ geschätzt. In einem Leitfaden der Bundesapothekerkammer von 2011 wird von einer Prävalenz von sechs bis neun Prozent der Deutschen ausgegangen. Die Dunkelziffer ist sicher hoch. Das Mittel über viele Jahre zu konsumieren, wie es Lamprecht getan hat, ist offenbar nicht ungewöhnlich. In Internetforen tauschen sich Leidensgenossen aus, die seit mehreren Jahren, teilweise sogar schon seit Jahrzehnten, abhängig sind. Etwa unter der Überschrift „Ich habe die Nase voll“ berichten die Betroffenen von ihren oft vergeblichen Versuchen, endlich vom Sprühfläschchen loszukommen.

Die Nasen der Patienten, die letztlich wegen ihrer Abhängigkeit zum Arzt gehen, sagt Martin Wagenmann, weisen oft Fehlbildungen auf – so wie bei Frauke Lamprecht. Schon als Kind bekam sie nie gut Luft, atmete im Schlaf durch den Mund, hatte daher oft Halsschmerzen und war krank. Nasensprays oder Nasentropfen nahm sie trotzdem keine. Später stellte eine Hals-Nasen-Ohren-Ärztin fest, dass Lamprecht vergrößerte Nasenmuscheln, eine schiefe Nasenscheidewand, mehrere kleine Polypen und Allergien hatte. All das behinderte ihre Atmung. Lamprecht, damals Mitte 20, entschied sich gegen eine Operation, zu der ihr die Ärztin geraten hatte. Mit Studium und Arbeit wäre ihr das zu viel gewesen.

Äußerst sozialverträgliches Suchtmittel

Stattdessen bekam sie von einer Freundin den Tipp, doch mal abschwellendes Nasenspray zu nutzen. Schon nach dem ersten Sprühstoß bekam Lamprecht besser Luft als je zuvor, auch durch den Mund musste sie nicht mehr atmen. „Das Nasenspray war die Problemlösung“, erinnert sie sich.

Befördert wurde ihr Sprühzwang auch durch den Umstand, dass die Abhängigkeit ausgesprochen sozialverträglich ist. „Ich habe mich nicht dafür geschämt“, sagt Lamprecht. Sie hatte keine Hemmungen, vor Freunden oder im Restaurant einen Zug zu nehmen. Nur wenn sie einen neuen Partner kennengelernt hatte, sprühte sie zunächst im Verborgenen, ehe sie sich offenbarte. Ein bisschen peinlich war die Sucht Lamprecht dann doch. In der Apotheke in der Ladenzeile unter ihrer Wohnung holte sie nur im Halbjahres-Takt Nachschub: „Mehr hab ich mich nicht getraut.“ Schließlich gab es in der Stadt genug andere Apotheken, manchmal bestellte sie auch mehrere Packungen auf einmal im Internet. Und im Notfall konnte sie immer noch ihren Partner schicken, um etwaigen unangenehme Fragen des Apothekers auszuweichen.

Denn laut Apothekenbetriebsordnung sind Apotheker verpflichtet, „einem erkennbaren Arzneimittelmissbrauch in geeigneter Weise entgegenzutreten“ und „bei begründetem Verdacht auf Missbrauch“ das jeweilige Medikament nicht auszugeben. Auch sollen bei der Kundenberatung „insbesondere Aspekte der Arzneimittelsicherheit“ – also auch das Abhängigkeitspotential der Nasensprays – thematisiert werden. Eine Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände sagte dieser Zeitung, dass die Apotheker „in den allermeisten Fällen ihrer Verantwortung gerecht“ würden und auf die Risiken der Sprays aufmerksam machten.

Fauliger Geruch aus den Nasenlöchern

Gerd Glaeske sagt dagegen, dass manche Apotheker nicht ausreichend auf das Suchtpotential hinwiesen. „Es gibt Apotheker, die machen das toll und richtig“, sagt der Pharmakologe, „aber es gibt leider auch welche, die machen das gar nicht, da fällt die Beratung flach.“ Das sei problematisch, denn da man für abschwellende Nasensprays kein Rezept benötige, würden in der Folge viele Menschen denken, dass diese auch keine gravierende Nebenwirkungen haben könnten. Glaeske fordert deshalb sogar, den Arzneimittelherstellern zu verbieten, für Mittel wie die abschwellenden Nasensprays zu werben. Auch müsse der Warnhinweis in der Packungsbeilage deutlich hervorgehoben werden.

Tatsächlich riskiert, wer die Mittel zu lange nimmt, seine Schleimhaut dauerhaft zu schädigen. Durch die verminderte Durchblutung werden Schwebstoffe nicht mehr so gut herausgefiltert. „Die Selbstreinigung der Nase funktioniert nicht mehr“, sagt Achim Beule, Leitender Oberarzt an der HNO-Klinik der Universitätsklinik Münster. Die Folge ist eine chronische Entzündung der Schleimhaut, gekennzeichnet durch Trockenheit und kleine Risse, die sich durch Blut im Taschentusch bemerkbar machen. Ein guter Indikator für den Zustand der Nase sind auch die Krusten – umgangssprachlich: „Popel“. Normalerweise sind sie laut Beule „leicht schleimig-zäh“. Je stärker die Schleimhaut durch die regelmäßige Gefäßverengung angegriffen ist, desto trockener sind sie. In fortgeschrittenem Zustand ist auch der Knorpel in der Nasenscheidewand derart angegriffen, dass sich ein Loch zwischen den beiden Nasenlöchern bilden kann.

Das Schlimmste, was den Abhängigen droht, ist aber eine „Stinknase“, unter Fachleuten auch „Ozäna“ genannt. In diesen Fällen ist die Befeuchtung der Nasenschleimhaut derart eingeschränkt, dass sich dauerhaft Bakterien auf den trockenen Krusten ansiedeln – darunter auch solche, die dafür sorgen, dass die Nase einen fauligen Geruch verströmt. Die Betroffenen selbst können diesen nicht riechen, Umstehende aber schon. Er kenne Patienten, die wegen einer solchen „Stinknase“ nicht mehr ihrem Beruf nachgehen könnten, sagt Beule, der auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Rhinologie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde ist. „Da dreht sich alles nur noch um die Nase.“ Einen Weg zurück zur „Normalnase“ gebe es für diese Menschen nicht. So müssten Betroffene den Feuchtigkeitshaushalt ihrer Nase dauerhaft mit Pflegemitteln und Spülungen befördern.

Der Geiselnahme durch die kleinen Fläschchen entkommen

Auch ihren Riechsinn gefährden die Betroffenen in diesen extremen Fällen. Bakterien könnten die Riechzellen angreifen, sagt Beule, ein durch den Rückgang der Schleimhaut und die Krustenbildung veränderter Luftstrom könne den Geruchsinn eintrüben. Nasensprays mit Konservierungsmitteln wie etwa Benzalkoniumchlorid haben laut Beule womöglich einen negativen Effekt. Man solle daher besser solche ohne Konservierungsstoffe nutzen. Eine Regeneration des Riechsinns sei allerdings „in gewissem Maße“ möglich.

Gleichwohl taugt die „Stinknase“ wohl nur sehr eingeschränkt als Schreckensszenario für die Abhängigen. Fälle von Patienten, die wegen ihrer Abhängigkeit von Nasensprays eine Ozäna ausbilden, sind selten. „Grob geschätzt“, sagt Beule, habe einer von 50 Patienten, die wegen einer Abhängigkeit von Nasensprays eine chronische Entzündung ihrer Nasenschleimhaut entwickelt haben, eine.

Frauke Lamprecht hat es Ende vergangenen Jahres geschafft, von den Sprays loszukommen. „Ich habe mir gedacht, es wäre wirklich schön, nicht mehr die Geisel von so einem kleinen Fläschchen zu sein.“ Dass mit der Abhängigkeit Risiken verbunden sind, war ihr immer bewusst gewesen. Denn Lamprecht hat Biochemie und Medizin studiert. Heute arbeitet sie als Assistenzärztin, ausgerechnet in einer großen HNO-Klinik. Und sie hatte Glück. „Unter dem Strich kann ich nicht sagen, dass das viele Sprühen mir geschadet hat“, sagt Lamprecht.

Ein Jahr Verzicht zur Entwöhnung

Umso schwerer war es für sie, auf die täglichen Inhalationen zu verzichten. Sie unternahm mehrere Versuche, von dem Stoff loszukommen, setzte die Mittel abrupt ab, verdünnte sie oder sprühte eine Zeitlang nur in ein Nasenloch, um sich zu entwöhnen – ohne Erfolg. Nach ein paar Tagen Entzug sprühte sie so oft wie zuvor. Erst als Lamprecht begann, zusätzlich zu dem abschwellenden ein cortisonhaltiges Nasenspray zu verwenden, wurde es besser.

Schritt für Schritt konnte sie die Menge des abschwellenden Wirkstoffs in der Sprühflasche durch harmlose Salzlösung ersetzen, weil das cortisonhaltige Spray durch seine entzündungshemmende Wirkung dafür sorgte, dass ihre Nase auch ohne die abschwellende Wirkung der konventionellen Mittel meistens frei blieb. „Zwischendurch musste ich in Kauf nehmen, keine Luft durch die Nase zu kriegen“, sagt Lamprecht. Schließlich kippte sie auch die letzten Milliliter abschwellende Lösung weg. „So schlimm“ sei der Entzug letztlich gar nicht gewesen, erinnert sich Lamprecht. „Man traut es sich nur nicht.“

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Eine stufenförmige Entwöhnung mit Hilfe von Cortisonsprays ist in der Regel auch der Weg, den HNO-Ärzte ihren Patienten empfehlen. Für die kurzfristige Behandlung einer Schnupfennase sind die Cortisonsprays allerdings keine Alternative. Ihre Wirkung entfaltet sich erst nach etwa vier Tagen – dann ist der Schnupfen fast schon vorbei.

Lamprecht, die sich wegen ihrer Fehlbildungen in der Nase nicht hat operieren lassen, greift heute noch immer zwei- bis dreimal in der Woche zu dem cortisonhaltigen Spray, um gut atmen zu können, schädigt damit aber nicht ihre Nase. „Es gibt Untersuchungen zu einer langfristigen Anwendung, die zeigen, dass die Schleimhaut nicht dünner wird“, sagt Mediziner Wagenmann. Auch bakterielle Infektionen oder Pilzbefall begünstige diese Cortisonbehandlung nicht. Auf abschwellende Nasensprays sollten ehemalige Nasenspray-Junkies dagegen mindestens im ersten Jahr nach ihrer Entwöhnung verzichten. Die Nase hat ein Gedächtnis und findet nach einem Zug womöglich schon wieder Gefallen daran.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Wenge, Jörn
Jörn Wenge
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