Fachmann über Suizide

„Wenn es einen halboffiziellen Weg gibt, sinkt die Hemmschwelle“

Von Eva Schläfer, Frankfurt
 - 09:14

Alle fünf Minuten versucht ein Mensch in Deutschland, sich das Leben zu nehmen. Alle 53 Minuten begeht ein Mensch Suizid. Das sind 10.000 Suizide jedes Jahr. Durch Suizid kommen mehr Menschen zu Tode als durch Verkehrsunfälle, Mord, illegale Drogen und Aids zusammen. So gut wie nie tötet sich aber ein Mensch spontan oder aus einer Laune heraus. „Suizide“, sagt Ulrich Hegerl, „erfolgen zu etwa 90 Prozent im Rahmen psychiatrischer und in der Mehrzahl depressiver Erkrankungen.“ Hegerl ist Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie. Der Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig erforscht das Thema seit Jahren. „Suizid wird von vielen nicht als das gesehen, was er ist: die tragische, vermeidbare Folge einer nicht optimal behandelten psychischen Erkrankung.“

Die verbreitete Vorstellung, dass Depression und Suizid Folge äußerer Belastungen sind, ist nach Angaben Hegerls in den meisten Fällen irreführend. Eine schwerere Depression sei etwas ganz anderes als eine gedrückte Stimmung bei Stress, Überforderung, Trauer, Kränkung oder anderen Bitternissen des Lebens. „Depression ist mehr als eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände, sie ist eine eigenständige Erkrankung, die jeden mit einer entsprechenden Veranlagung treffen kann“, sagt Hegerl, der auch Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ist.

Die Zahl der Suizide ist seit Anfang der achtziger Jahre von 18.000 auf mittlerweile relativ konstant rund 10.000 Tote im Jahr gesunken. Das führt Hegerl vor allem darauf zurück, dass sich die Versorgungssituation in den vergangenen 30 Jahren in Deutschland verbessert hat. So scheint es auf den ersten Blick zwar eine Zunahme der Häufigkeit von Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen zu geben. Anfang der achtziger Jahre wurden neun Prozent der Frühberentungen mit einer psychischen Erkrankung begründet, heute sind es 43 Prozent. Doch diese Entwicklung basiert nicht auf einer wirklichen Zunahme, wie Hegerl sagt. „Menschen mit Depressionen holen sich häufiger Hilfe, und die Ärzte erkennen Depressionen besser.“

Depressiv Erkrankte würden nicht mehr so oft fälschlicherweise wegen Rückenschmerzen, Tinnitus oder Migräne, sondern gezielt wegen Depressionen behandelt. „Die Betroffenen kommen deshalb häufiger aus ihrer Isolation.“ Trotzdem sind Suizide ein Tabuthema, das auch von Medien kaum aufgegriffen wird. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Hauptgrund ist der Werther-Effekt, benannt nach Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“. Er besagt, dass Suizide, über die ausführlich berichtet wird, zu weiteren Suiziden führen. Von Bund und Ländern gibt es zwar Aufklärungskampagnen und Beauftragte für die Sicherheit im Straßenverkehr und den Kampf gegen Rauschgift und HIV. In der Suizidprävention hingegen hält sich die Bundesregierung eher zurück.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe hat ein kommunales Suizidpräventionsprogramm entwickelt. Das Programm sei aus einem Modellprojekt, dem Nürnberger Bündnis gegen Depression, hervorgegangen, sagt Hegerl. Mit den regionalen Interventionsprogrammen sollen Menschen mit Depressionen besser versorgt und zugleich Suizide und Suizidversuche verhindert werden. „In Nürnberg gab es in den beiden Interventionsjahren und auch noch im Folgejahr einen Rückgang um mehr als 20 Prozent der suizidalen Handlungen.“ Nach Angaben Hegerls gibt es vier Interventionsebenen: Kooperationen mit und Schulungen von Hausärzten; eine professionelle Werbekampagne; Fortbildung von Multiplikatoren wie Lehrern, Pfarrern, Journalisten und Apothekern; und die Förderung der Selbsthilfe und Unterstützung von Angehörigen.

„Menschen mit Depressionen leiden unter Schuldgefühlen“

In Deutschland orientieren sich mittlerweile 80 Städte und Landkreise an dem Programm, das darüber hinaus in 24 Ländern bis hin zu Australien und Chile aufgegriffen wurde. Vergangene Woche erst wurde ein Projekt der Frankfurter Universitätsmedizin vorgestellt, das sich an dem Programm orientiert. „Gerade Hausärzte sind häufig eine erste niedrigschwellige Anlaufstelle für Patienten mit suizidalen Gedanken“, sagte Ferdinand Gerlach, Direktor des Frankfurter Instituts für Allgemeinmedizin, bei der Vorstellung. Das Projekt, das den Titel „Programm zur Prävention von Suiziden mittels evidenzbasierter Maßnahmen“ (FraPPe) trägt, ist auf drei Jahre und zwei Monate ausgelegt und wird vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) mit 783.000 Euro gefördert. Das Gesamtvolumen liegt bei rund 1,16 Millionen Euro.


Hilfe bei Suizidgedanken

Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

Im europäischen Vergleich liegt Deutschland mit 9,2 Suizidtoten pro 100.000 Einwohner im Mittelfeld. In Italien oder Griechenland aber sind die Zahlen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation noch wesentlich niedriger: Griechenland meldet eine Rate unter vier Toten auf 100.000 Einwohner. Einige osteuropäische Länder wiederum haben Raten zwischen 15 und 20 Toten.

Nach Angaben Hegerls aber sind die Zahlen mit vielen Unsicherheiten verbunden. Er nimmt nicht an, dass die Suizidrate in Griechenland niedriger sei als in Deutschland. Vielmehr könne dort eine Rolle spielen, dass jemand, der sich auf dem Land das Leben nehme, oft nicht erfasst werde. Verlässlich sagen könne man, dass es in fast allen europäischen Ländern im Zeitraum von 2000 bis 2012 einen Rückgang gegeben habe. Nur in den Niederlanden ist das Gegenteil der Fall. Eine mögliche Erklärung dafür kann nach Meinung Hegerls die liberale Haltung der Niederländer zum assistierten Suizid sein. „Menschen mit Depressionen leiden in der Regel unter Schuldgefühlen und sehen sich als Belastung für ihr soziales Umfeld. Wenn es in einer Gesellschaft einen halboffiziellen Weg gibt, sich aus der Welt zu schaffen, dann sinkt die Hemmschwelle.“

In Russland und den baltischen Ländern, wo die Suizidraten ebenfalls besonders hoch sind, hat möglicherweise der Umgang mit Alkohol einen Einfluss. Wer in der Depression mit finsteren Gedanken auch noch trinke, der komme leichter über diese schreckliche Hürde, sagt Hegerl. Und sicherlich spiele auch die Qualität der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen eine Rolle. Wie wird mit ihnen umgegangen? Wie isoliert sind sie? Wie viele bekommen eine Behandlung?

Quelle: F.A.Z.
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