Vereinte Nationen

„Aids lässt sich bis 2030 besiegen“

Von Peter-Philipp Schmitt
 - 20:43

Herr Sidibé, UN-Aids will bis 2030 Aids besiegen. Was heißt das?

Wir befinden uns im Übergang in eine neue Zeit. Die Jahre, als Aids ein Todesurteil war und die meisten Menschen keinen Zugang zu Medikamenten hatten, gehen zu Ende. Die Todesraten sind um 45 Prozent gesunken, 18 Millionen Menschen bekommen eine Therapie, die Neuinfektionszahlen sind zurückgegangen, in immer mehr Ländern bringen HIV-infizierte Mütter dank der Therapie gesunde Kinder zur Welt. Wenn die Weltgemeinschaft jetzt zusammensteht, können wir die Epidemie beenden. Die Zeit ist reif, auch darum haben wir uns ein ehrgeiziges Ziel für 2020 gesteckt: 90-90-90.

Was steckt hinter den Zahlen?

2020 sollen 90 Prozent der Menschen, die infiziert sind, wissen, dass sie infiziert sind. 90 Prozent der Infizierten, die ihre Diagnose kennen, sollen Medikamente bekommen. Und bei 90 Prozent der Behandelten soll kein Virus mehr nachweisbar sein. Das heißt, sie sind nicht mehr infektiös. Das wäre ein erster Meilenstein, um die Seuche zu besiegen.

Lässt sie sich denn besiegen?

Wenn wir vom Ende von Aids sprechen, heißt das nicht, dass es nach 2030 keine HIV-Infektionen mehr geben wird. Aids soll aber keine Bedrohung für das Gesundheitswesen mehr sein.

Wie viele Menschen leben mit HIV, ohne es zu wissen?

Wir gehen von elf Millionen HIV-Infizierten aus, die ihren Status nicht kennen. Sie zu erreichen ist unsere größte Herausforderung. Darum brauchen wir Aids-Tests, die einfach und schnell sind und zu einer Routine werden. Denn wir müssen jeden HIV-Infizierten möglichst schnell mit antiretroviralen Medikamenten behandeln, damit er sein Virus unterdrücken und nicht weiterverbreiten kann.

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Berlin gehört zu den Städten, die schon 2020 das Ende von Aids erklären wollen.

Berlin hat 2014 mit 120 anderen Städten die Pariser Erklärung unterzeichnet. Damit hat sich die Stadt verpflichtet, unseren Aktionsplan schneller umzusetzen, um als Vorbild zu dienen.

Warum wurde Berlin ausgewählt?

Ich war schon 2006 in Berlin, als ich noch nicht Direktor von UN-Aids war, und ich war beeindruckt davon, wie die Stadt und die Deutsche Aids-Hilfe versuchten, das Schweigen um die Diskriminierung und Stigmatisierung der Hauptbetroffenen-Gruppen zu brechen – von Prostituierten, Drogenbenutzern, Migranten, Männern, die Sex mit Männern haben. Das Angebot an Aids-Tests ist groß, der Zugang zur Aids-Therapie gut. Deutschland könnte so als eines der ersten Länder Aids besiegen.

Gibt es etwas, was Deutschland besser machen könnte?

Noch immer erkranken jährlich 1000 Menschen in Deutschland an Aids, weil die meisten von ihnen nichts von ihrer HIV-Infektion wissen. Es wäre wichtig, diese Menschen frühzeitiger zu erreichen, damit sie andere nicht anstecken können. Außerdem sollte es einen leichten und preiswerten Zugang zur Prep geben. Das würde die Infektionsraten vor allem bei Drogenbenutzern und Männern, die Sex mit Männern haben, reduzieren.

Deutschland begann spät mit der Prep, obwohl man in Amerika sehr gute Erfahrungen mit der Präexpositionsprophylaxe, der vorbeugenden Gabe von Aids-Medikamenten, gemacht hatte.

Prep ist für unser Programm von großer Bedeutung. In Los Angeles oder San Francisco haben sich die Infektionszahlen zum Teil halbiert. Entscheidend ist, dass Prep preiswert zu haben ist.

Was sonst ist wichtig, um Ihr Ziel zu erreichen?

Aids-Tests! Wir müssen noch mehr Menschen auf HIV testen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass immer wieder neue Generationen heranwachsen, die wir stets aufs Neue informieren müssen. Aids ist noch immer eine tödliche Infektion, und wir müssen jungen Leuten diese Bedrohung vor Augen führen. Zugleich müssen wir das Stigma, das mit einer HIV-Infektion einhergeht, bekämpfen.

Da scheint es gerade viele Rückschritte zu geben. Homosexuelle und Drogenbenutzer werden wieder kriminalisiert, auch in den Vereinigten Staaten.

Leider. Am Mittwoch, dem Internationalen Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie, haben wir daran erinnert, dass es in 73Ländern Gesetze gegen Homosexuelle gibt, in einigen droht ihnen sogar die Todesstrafe. Das ist inakzeptabel. Dagegen müssen wir ankämpfen, die Gesetze verhindern, dass sich Menschen auf HIV testen und behandeln lassen.

In Afrika wurden in den vergangenen Jahren 20 Millionen Männer in 14 Ländern beschnitten, weil damit die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie sich nicht mit HIV infizieren.

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Infektionsraten bei beschnittenen Männern um mehr als 60 Prozent sinken. Deswegen hat die Weltgesundheitsorganisation die Beschneidung empfohlen und die Gates-Stiftung, der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria sowie Pepfar, das Aids-Nothilfeprogramm der amerikanischen Regierung, haben die Präventionskampagne im südlichen Afrika unterstützt.

Das Programm wurde auch kritisiert.

Nein, das wurde es nicht.

Es gab kritische Stimmen, die sagten, man würde den Männern zu wenige Informationen über den Sinn der Aktion an die Hand geben und sie quasi zu ihrem Glück zwingen.

Das stimmt nicht. Es war eine wohl organisierte Präventionsmaßnahme, die Männer konnten sich frei entscheiden. Natürlich gibt es Skeptiker und Verschwörungstheoretiker, das ist bei den Mädchen, die sich gegen Gebärmutterhalskrebs impfen lassen, nicht anders. Da wird behauptet, mit der Spritze wollten wir Mädchen in Afrika sterilisieren. Wichtig ist, das wir wissenschaftlich fundiert handeln, Ideologien helfen nicht weiter.

Trotz Beschneidung kann sich ein Mann mit HIV infizieren. Befürchten Sie, dass beschnittene Männer auf Kondome verzichten?

Nein. Die Männer wurden vor dem Eingriff aufgeklärt, dass die Beschneidung nicht 100 Prozent Schutz bietet.

Im vergangenen Jahr in Durban auf der Welt-Aids-Konferenz waren Sie besorgt, Gelder für Aids könnten ausbleiben. Themen wie Terror und Migration schienen wichtiger zu werden. Größter Geldgeber sind die Vereinigten Staaten. Wie steht es um die Zusagen der neuen Regierung?

Um Amerika habe ich mir nie Sorgen gemacht. Aids stand seit Bill Clinton weit oben auf der Tagesordnung aller Präsidenten. Einzelne Aspekte werden vielleicht anders bewertet, Gelder auf andere Regionen verteilt. Insgesamt aber wird es bei der Unterstützung bleiben, die vom amerikanischen Volk getragen wird. Auch in Europa, wo die Zuwanderung rückläufig ist, rückt Aids wieder ins Blickfeld, und es gibt vermehrt finanzielle Zusagen.

Pepfar wird von Donald Trump also nicht in Frage gestellt?

Ich kann es mir nicht vorstellen. Das Aids-Nothilfeprogramm des Präsidenten ist erfolgreich, Millionen von Menschenleben konnten gerettet werden, Millionen von Kindern wurden nicht zu Waisen. Die Amerikaner wollen Erfolge sehen, sie wollen für ihr Geld etwas zurückbekommen, in diesem Fall ist es das Gefühl, sinnvoll etwas Gutes zu tun.

Fehlt auch noch Geld?

Geld fehlt immer. Mit sechs Milliarden Dollar mehr im Jahr könnten wir unsere Ziele besser erreichen. Doch die betroffenen Länder lassen sich zunehmend in die Pflicht nehmen. 56 Prozent aller Gelder, die in Aids-Programme fließen, kommen aus den von Aids betroffenen Ländern.

Wie groß ist die Unterstützung von deutscher Seite?

Die deutsche Regierung setzt sich sehr ein. Berlin hat dem Globalen Fonds 800 Millionen Dollar für drei Jahre zugesagt. Zudem steht Aids auf der G-20-Agenda ganz oben während der deutschen Präsidentschaft. Deutschland ist ein Vorbild, wenn es um den Kampf gegen Aids, aber auch Tuberkulose und Malaria geht.

Von 37 Millionen HIV-infizierten Menschen bekommen 18 Millionen die lebensrettenden Medikamente. Das ist nicht einmal die Hälfte.

Und es ist nicht genug. Mehr als 18 Millionen Menschen sind vom Tode bedroht.

Wo leben die Menschen?

In Afrika, in Asien, im Mittleren Osten. Afrika holt stark auf, in Südafrika werden mittlerweile 3,8 Millionen Menschen mit Aids-Medikamenten versorgt. In anderen Regionen ist es schwieriger, auch weil es politisch nicht gewollt ist.

So wie in Russland?

Die Infektionsraten in Russland und der Ukraine sind so hoch wie in keinem anderen europäischen oder zentralasiatischen Land. Wir können nur weiter versuchen, gegen Gesetze anzugehen, die HIV-Infizierte und Menschen aus den Hochrisikogruppen kriminalisieren. Wie ich schon sagte, Ideologien helfen nicht weiter, wir müssen die russische Regierung von unseren wissenschaftlich fundierten Präventionsmaßnahmen überzeugen.

Könnte es sein, dass es 2030 wieder zwei Blöcke auf der Welt gibt – einen Block ohne Aids, einen anderen mit?

Das glaube ich nicht. Bis 2030 wird es auch in Ländern wie Russland politischen Wandel geben. Denken Sie nur an China: Noch vor wenigen Jahren gab es keinerlei Unterstützung für intravenöse Drogenbenutzer. Heute hat China das größte Schadensminderungs-Programm in ganz Asien, so dass die HIV-Infektionsraten unter Rauschgiftsüchtigen um bis zu 75 Prozent zurückgegangen sind.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philipp (pps.)
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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