Tierseuchen-Schutz in Hessen

Diagnostik-Koffer, Schutzkleidung, Fahrzeugschleusen

Von Wolfram Ahlers
 - 19:59

Benötigt worden sind sie bislang nicht. Aber im Notfall lässt sich rasch handeln. Gleich mehrere Stapel mit Schildern liegen in der Halle im Gewerbegebiet am Standrand von Wetzlar auf Abruf bereit, um überall im Land aufgestellt zu werden, sollte die Afrikanische Schweinepest tatsächlich auf Hessen übergreifen oder Verdacht bestehen, dass das zwar für den Menschen ungefährliche, für Haus- und Wildschweine aber fast immer tödliche Virus hierzulande angekommen ist. „Sperrbezirk“, „gefährdeter Bezirk“ und „Beobachtungsgebiet“ ist auf den Schildern zu lesen. Diese Warnhinweise zählen zu den Beständen im Hessischen Zentrallager für Tierseuchenbekämpfungsmaterial. Rund 12.000 Posten sind es insgesamt, mit denen das Lager ausgerüstet ist, um im Fall des Ausbruchs von ansteckenden Krankheiten bei Nutztieren oder Hinweisen darauf unverzüglich handeln zu können. Das dient nicht nur Tierseuchen zu eliminieren, sondern soll zudem verhindern, dass diese sich ausbreiten können.

Die Mitarbeiter des Zentrallagers, darunter auch Veterinärmediziner, sind zwar selbst nicht an Ort und Stelle tätig, wenn es darum geht, Tiere zu untersuchen, Proben zu entnehmen und Sperrbezirke auszuweisen. Aber die Einrichtung sei wichtiges Glied in der Kette, wenn rasch gehandelt werden müsse, wie Wolfgang Kulow, Dezernatsleiter Veterinärwesen und Verbraucherschutz beim Regierungspräsidium Gießen, der die Einrichtungen untersteht, gestern erläuterte. Wenn die Veterinärdienststellen in den Kreisen bei Verdacht oder Ausbruch von Seuchen erst einmal Material besorgen müssten, gehe wertvolle Zeit verloren, konstatiert Kulow. Zudem, gibt er zu bedenken, sei es unwirtschaftlich, wenn jeder Kreis eigene Vorratshaltung betreibe.

Baustein des hessischen Veterinärwesens

Deshalb habe das Land also auf Initiative des Regierungspräsidiums Gießen eine Einrichtung geschaffen, wo sich jeder Kreis jederzeit Tierseuchenbekämpfungsmaterial beschaffen könne, wie Regierungspräsident Christoph Ullrich hinzufügt. 2001 eröffnet, habe sich das Lager als wichtiger Baustein des hessischen Veterinärwesens etabliert. Eine Statistik gibt es nicht, Kulow berichtet von unterschiedlicher Nachfrage, manchmal seien es drei Aufträge in der Wochen, dann wieder sei es mitunter Monate ruhig.

Eingerichtet wurde das Zentrallabor seinerzeit im Zusammenhang mit einem der spektakulärsten Fälle des Landes. Damals waren auf einem Anwesen im mittelhessischen Krofdorf bei mehreren Schafen Symptome der Maul- und Klauenseuche diagnostiziert worden, was eine groß angelegte Aktion nach sich zog, die in dem betroffenen Gebiet zu starken Beeinträchtigungen des öffentlichen Lebens führte.

In den Sperrbezirken wurden Schulen geschlossen, vor Desinfektionsstellen an den Ausfahrten der abgeriegelten Bezirke bildeten sich lange Staus. Polizeihubschrauber waren im Einsatz, um Blutproben der vorsorglich getöteten Tiere in die Bundesforschungsanstalt für Viruserkrankungen zu bringen. Es wurden Vorbereitungen getroffen für Impfaktionen in umfänglichem Stil. Um in solchen Fällen noch effizienter handeln zu können, Kreisen und Kommunen die Vorbeugung zu erleichtern, entstand das Zentrallager als eine der bundesweit ersten Einrichtungen dieser Art. Dass die Wahl auf Wetzlar fiel, kam nicht von ungefähr. Zum einen bot das Gelände einer früheren Bundeswehrkaserne am Rande von Wetzlar genügend Platz in nicht mehr benötigten Hallen, um neben dem Katastrophenschutzlager des Landes dort noch ein weiteres zentrales Lager einzurichten. Zum anderen sprach für diesen Standort die Lage der Stadt inmitten Hessens mit guten Anbindungen an Bundesstraßen und Autobahn.

Elektrozangen zum Keulen

In Wetzlar lagert ein umfangreiches Sortiment, wie es benötigt wird, um einem Anfangsverdacht nachzugehen, bis zu Geräten, mit denen infizierte Tiere unverzüglich getötet werden können. Am meisten nachgefragt ist nach Angaben von Kulow der sogenannte UPD-Koffer, was für Untersuchung, Probenahme und Diagnostik steht. Darin befinden sich beispielsweise Einweghandschuhe, Überziehstiefel, Kanülen und Serumröhrchen, Informationsschriften für Betriebe, Probenbegleitbögen, Versandhüllen für Sendungen an Labore, Desinfektionsmittel und nicht zuletzt Absperrbänder. In anderen Regalen finden sich Schutzanzüge sowie zusätzlich Atemschutzgeräte für alle, die in betroffenen Gehöften schwere körperliche Arbeit verrichten. Packsets für großflächige Untersuchungen in der Umgebung von Orten, wo erkrankte Tiere festgestellt wurden. Hinzu kommen Fahrzeugschleusen, die mit Hilfe von Sprühbögen und Durchfahrwannen Desinfektion etwa von landwirtschaftlichen Fahrzeugen, Lastwagen von Futtermittellieferanten und Autos zur Tierkörperbeseitigung gewährleisten sollen.

Elektrozangen zum Keulen von Schafen, Ziegen, Schweinen und Rindern, Apparate, die zum Töten mittels Gas bei erkranktem Geflügel konstruiert sind, ergänzen die Bestände. Ausgerichtet ist das Lager vor allem auf die drei Haupterreger, Maul- und Klauenseuche, Schweinepest sowie Geflügelpest. Zur Verfügung gestellt werden die Materialien auf Anforderung von Kreisveterinärbehörden, die in der Regel auch den Transport in eigener Regie regeln müssen. Wenn es besonders schnell gehen muss, macht auch schon mal das Technische Hilfswerk mit, und auch die Bediensteten des Zentrallagers selbst rücken mit ihren Wagen aus.

Quelle: F.A.Z.
Wolfram Ahlers
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.
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