Anti-Drogen-Kampf in Amerika

Legt sich Trump mit der Pharmabranche an?

Von Frauke Steffens, New York
 - 10:42

Donald Trump rief in dieser Woche angesichts der Drogenkrise im Land einen „öffentlichen Gesundheitsnotstand“ aus – und steckte deswegen sogleich Kritik ein. Viele hätten es lieber gesehen, wenn der Präsident einen „nationalen Notstand“ erklärt hätte. Dadurch hätten die Bundesstaaten mehr Geld bekommen, um die Krise zu bekämpfen. Der Topf, aus dem die Staaten wegen einer „public emergency“ Gelder erhalten können, ist mit 57.000 Dollar nicht gerade prall gefüllt.

Anders hätte es bei einem nationalen Notstand ausgesehen: Dann hätten Gelder, die aus dem Katastrophenfonds des Bundes stammen, für die Bekämpfung der Sucht-Epidemie bereit gestellt werden können. Das Weiße Haus wies die Kritik zurück – für andauernde Krisen wie diese sei die Benennung als nationale Notsituation ungeeignet. Trump ist damit zurückgerudert, nachdem eine von ihm eingesetzte Kommission im Sommer noch vom nationalen Notstand gesprochen hatte. Das Magazin „Politico“ berichtete, dass viele in der Regierung nicht gewillt seien, Milliarden für Drogensüchtige auszugeben – auch wenn ländliche Gegenden, die den Republikanern zum Wahlsieg verholfen haben, am stärksten betroffen sind.

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Neuesten Angaben des Bundes zufolge starben im Jahr 2016 64.000 Amerikaner an Drogen-Überdosen. Das ist ein Anstieg von 22 Prozent gegenϋber dem Vorjahr. Drogen sind damit die häufigste Todesursache bei Menschen unter 50 Jahren. Etwa 30.000 tödliche Überdosen gehen auf das Konto von verschreibungspflichtigen Opioiden und Heroin, hinzu kommen 20.000 Menschen, die an Fentanyl sterben, einem Opioid, das meist für die Behandlung Todkranker verwendet wird und das in den letzten Jahren zu einer oft illegal hergestellten Straßendroge avanciert ist. Damit gibt es mehr Opioid-Tote als Opfer von Verkehrsunfällen oder Schusswaffen. Die Süchtigen sind oft jung und kommen aus der Mittelschicht. Nicht wenige kommen nach Sportverletzungen im College zum ersten Mal mit Opioiden, starken Schmerzmitteln wie Oxycontin oder Percocet, in Berührung.

Trump erklärte in seiner Rede am vergangenen Donnerstag, er habe vor allem durch seinen alkoholabhängigen Bruder viel über das Problem Sucht gelernt. Als Lösung schlug er eine „richtig große Werbekampagne“ vor. „Wenn wir Jugendlichen früh beibringen können, keine Drogen zu nehmen, dann ist es wirklich, wirklich leicht, keine zu nehmen“, sagte der Präsident.

Drogenkonsum
Trump ruft Gesundheitsnotstand aus
© Charles Mostoller, reuters

Aggressive Marketingkampagnen

Tatsächlich ist seit Jahren bekannt, dass es nicht in erster Linie die Experimentierfreude Jugendlicher mit Drogen ist, die das Problem verursacht hat, sondern mangelnde Regulierung. Pharmafirmen wie Purdue haben Ärzte – oft mittels materieller Anreize – davon überzeugt, dass Opioide wie Oxycodon nicht süchtig machten. Produkte wie Purdues Schmerzmittel Oxycontin wurden mit aggressiven Marketingkampagnen in den Markt gepusht, wie sie in anderen Ländern gar nicht erlaubt sind. Es gibt unzählige Beispiele dafür, dass junge, gesunde Menschen durch Sportverletzungen und andere temporäre, gut behandelbare Situationen in einen Kreislauf der Sucht abrutschen. Amerikanische Zahnärzte etwa haben sich jahrelang nichts dabei gedacht, Oxycontin nach einer Wurzelbehandlung zu verschreiben.

Erst seit einigen Jahren gibt es ein Umdenken. Bundesstaaten wie New York haben reagiert – hier ist es beispielsweise nicht mehr möglich, mit gefälschten Papierrezepten von Apotheke zu Apotheke zu gehen. Verschreibungen werden nur noch elektronisch übertragen – das bedeutet aber nicht, dass weniger Menschen süchtig sind, denn Opioide werden immer noch verschrieben oder auch illegal in Umlauf gebracht. Heroin ist für viele Betroffene der letzte Ausweg – da es chemisch verwandt mit den legalen Opioiden ist, vielerorts billiger und einfacher zu haben, steigen Süchtige um. Laut der American Society of Addiction Medicine kommen heute vier von fünf Heroinnutzern über Schmerzmittel zu der Droge.

Die nationale Gesundheitsbehörde CDC (Center for Disease Control and Prevention) nennt die massenhafte Opioid-Abhängigkeit schon seit 2011 offiziell eine Epidemie und einen Notstand. Im Jahre 2007 musste die Firma Purdue aus Connecticut bereits 600 Millionen Dollar an den Bund zahlen, da sie Ärzte nicht ausreichend über die Suchtgefahren ihres Schmerzmittels Oxycontin aufgeklärt hatte.

Auch Trumps Kritiker räumen ein, dass seine Rede ein erster Schritt in die richtige Richtung war. Dass das Gesundheitsministerium nun mit einer „Task Force“ den Umgang mit dem Thema Schmerz prüfen will, begrüßen sie. Trumps Regierung, die die Krise geerbt hat, kann sie unterdessen nicht allein dadurch in den Griff bekommen, dass sie aufklärt und Gelder freigibt. So lange die Pharmaindustrie nicht stärker reguliert und die Verschreibung von Opioiden eingeschränkt wird, wird sich die Suchtkrise verschlimmern.

Viele Städte und Gemeinden wollen indessen nicht darauf warten, dass die Regierung in Washington handelt. Sie haben Purdue und andere Hersteller verklagt. Ihr Argument: die Kosten für die öffentliche Hand sind kaum zu bewältigen. Krankenhäuser, Polizei und Beratungsstellen haben mit so vielen Opioid-Abhängigen zu tun, dass Städte wie Chicago oder der Kreis Suffolk County auf Long Island für die öffentlichen Kosten von den Herstellern entschädigt werden wollen.

Trump müsste Pharmaunternehmen stärker regulieren

Auch eine der reichsten Familien Amerikas, der das Unternehmen Purdue gehört, gerät zusehends unter Druck. Die Sacklers waren jahrzehntelang vor allem als Philanthropen bekannt – sie spendeten Hunderte Millionen für die Kunst, das New Yorker Metropolitan Museum benannte einen ganzen Flügel nach ihnen. Zur Zeit erscheint eine Geschichte nach der anderen über die verschwiegene Familie Sackler – zuletzt brachte der „New Yorker“ eine große Recherche über das „Königreich des Schmerzes“. Die Familie verdiente über 14 Milliarden Dollar allein mit dem Schmerzmittel Oxycontin. Journalisten können detailliert nachzeichnen, wie Purdues Marketingstrategen über Jahrzehnte erfolgreich die medizinische Diskussion beeinflussten – dass die Firma über die Tochter Mundipharma zur Zeit auch in anderen Ländern wie Kanada und Mexiko versucht, die Regulierungen für Opioide aufzuweichen und Oxycontin in den Markt zu pushen, können sie nicht verhindern. Mundipharma ist auch in Europa aktiv – hier sind die Regulierungen noch so streng, dass eine ähnliche Krise wie in Amerika nicht zu befürchten ist.

Die Arzneimittelhersteller direkt anzugreifen, hieße für Donald Trump unterdessen auch, republikanische Spender zu verschrecken. Die Sacklers waren Berichten zufolge Clinton-Spender, das Political Action Committee (PAC) von Purdue spendete aber überwiegend für republikanische Kongressabgeordnete und tut dies auch für die Wahl 2018. Andere Pharmaunternehmen verdienen ebenfalls an Opioiden – und strengere Regulierungen, was Werbung und Ärzte-Marketing angeht, bekämpfen alle gemeinsam durch Lobbyarbeit in Washington. Arzneimittelhersteller haben sowohl anlässlich von Trumps Vereidigung als auch danach, für den republikanischen Kampagnentopf 2018, gespendet. Auch einer von Trumps größten Unterstützern, der Milliardär Robert Mercer, investiert über seinen „Renaissance“-Hedgefonds Milliarden in die Pharmaindustrie. Wie erfolgreich die Firmen durch Lobbyarbeit die Politik in Washington beeinflussen, konnte man beobachten, als die Opioid-Hersteller noch 2015 einen politischen Sieg feierten. Die Behörden gaben Purdues Oxycontin für die Behandlung von Kindern ab 11 Jahren frei – trotz allem, was man über das Medikament weiß.

Kontraproduktive Kürzungen im Sozialbereich

Donald Trump kann im Kampf gegen die Drogenepidemie fast nicht gewinnen, denn sonst müsste er wesentliche Prinzipien der republikanischen Partei verletzen: mehr Mittel für öffentliche Beratung und Betreuung, stärkere Regulation der Pharmaindustrie und weniger Kriminalisierung von Betroffenen sind nicht im Interesse vieler Republikaner. Auch die geplanten Kürzungen bei der medizinischen Versorgung von Geringverdienern, Medicaid, müssten im Kontext der Drogenkrise überdacht werden, aber das wollen viele Republikaner nicht. Medicaid bezahlt 44 Prozent der Suchtbehandlungen in Kentucky, 45 Prozent in West Virginia und etwa 50 Prozent in Ohio, berichtete das „New York Magazine“. Alle republikanischen Senatoren aus diesen von der Drogenkrise besonders betroffenen Staaten haben für die geplanten Medicaid-Kürzungen von 700 Milliarden Dollar gestimmt. Mit Ausnahme von Rand Paul aus Kentucky – ihm gingen die Einschnitte nicht weit genug.

Der „schlanke Staat“ und die Kürzungen im Gesundheitswesen führen gerade dazu, dass es zu wenig Hilfe für Süchtige gibt. Allerorten fehlen Plätze für Suchttherapien, während lukrative private Schmerzkliniken, in denen man sich mit Opioiden behandeln lassen kann, in Staaten wie Florida wie Pilze aus dem Boden schießen. Eine Untersuchung der Regierung zeigte 2016, dass nur zehn Prozent der Drogensüchtigen in Amerika eine angemessene Behandlung erhalten. Um das zu ändern, müsste sich Donald Trump auf dem Gebiet der Gesundheitspolitik vom „schlanken Staat“ verabschieden.

Quelle: FAZ.NET
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