Entschlüsselung der Narkose

Stecker raus, Gehirn aus?

Von Denise Peikert
 - 15:10

In den Minuten nach einer Operation kann Narkosearzt Christian Grasshoff seinen Patienten immer wieder gute Laune machen – er muss dafür nur alle paar Augenblicke dasselbe sagen. Während Grasshoff noch dabei ist, die Maladen vor sich auf dem OP-Tisch von den Gerätschaften abzustöpseln, fangen die Fragen an. Ob denn die Gewebeprobe, die die Ärzte entnommen haben, gutartig sei, zum Beispiel. Manchmal weiß Grasshoff das schon und bejaht. „Die Patienten freuen sich total – und haben es zwei Minuten später wieder vergessen“, sagt er. Dann fängt der kleine Kreis von vorne an: Fragen, Freuen, manchmal drei, vier Mal rundherum. „Da kann man viel Glück verteilen“, sagt Grasshoff.

Jeder, der schon mal aus einer Vollnarkose aufgewacht ist, wird jetzt sagen: Auf keinen Fall bin ich im OP-Saal von irgendeinem Arzt angequatscht worden. Das Erste, was ich gesehen habe, war ein Krankenhauszimmer, und ich war nett gebettet. Das stimmt – und trotzdem gab es zuvor die Unterhaltung mit dem Narkosearzt. Er hat wahrscheinlich darum gebeten, der Patient solle doch mal die Zunge rausstrecken, was er tat, und über seine Schmerzen Auskunft geben, was er ebenfalls tat. Alle Patienten, sagt Grass- hoff, würden im OP-Saal wach – jedenfalls dann, wenn es sich um einen der vielen tausend Eingriffe handelt, die Routine sind in deutschen Kliniken. Am Knie zum Beispiel, der Galle, den Bandscheiben.

Das Ding ist nur: Niemand erinnert sich, da kann Grasshoff noch so oft dieselbe Frage beantworten. Narkosemittel schalten nicht nur mit einem Rumms unser Bewusstsein aus, sie manipulieren auch unser Gedächtnis. Sogar dann noch, wenn wir eigentlich schon wieder wach sind. Warum eigentlich?

So eine Narkose ist kompliziert

Darüber rätseln Forscher seit 1846. Damals ließ ein Zahnarzt aus Boston einen Buchdrucker an Äther schnüffeln und schnitt ihm dann geschwind einen Tumor aus dem Kiefer. Dass der Mann davon nichts mitbekam – ein Meilenstein und der Beginn einer seltsamen Karriere: Narkosemittel wirken, sehr gut sogar und ziemlich vorhersehbar. Was genau Anästhesisten da aber eigentlich tun, wenn sie ihre Patienten ausknocken, wussten sie lange nicht so genau. Erst in den vergangenen Jahren hat sich das geändert. Inzwischen haben die Forscher immenses Wissen angehäuft – über Rezeptoren, über Neuronen, über Gehirnaktivitäten. Und dennoch: Das Bewusstsein – dessen Ausschaltung der unheimlichste Teil der Narkose ist – wehrt sich weiter tapfer gegen seine Entschlüsselung.

Bleiben wir für einen Moment im Boston des Jahres 1846. Der Äther, den der Zahnarzt William Morton bei seinen Operationen verwendete, hat eine von Medizinern der Jetztzeit nicht mehr besonders geschätzte Eigenschaft: Er schaltet Schmerzen aus, bevor er das Bewusstsein raubt. Wenn die Eingriffe besonders kurz waren, dann waren Mortons Patienten also währenddessen komplett wach – und darüber nicht böse, sondern fasziniert: Wie kann es sein, dass ich sehe, wie mir im Mund rumgeschnippelt wird – aber keine Schmerzen habe?

Schon diese kleine Episode zeigt: So eine Narkose ist kompliziert. Medikamente, die jemanden wegtreten lassen, machen ihn nicht auch automatisch schmerzunempfindlich. Gleichzeitig könnte jemand bei vollem Bewusstsein ungerührt zusehen, wie der Chirurg ihm die Bauchdecke aufschneidet. Theoretisch jedenfalls – praktisch verunmöglichen in der Regel Panik und ein deswegen in die Höhe schießender Blutdruck ein solches Szenario. Deshalb nutzen Anästhesisten drei Medikamentengruppen für eine Narkose: Schmerzmittel, Medikamente, die die Muskeln lahmlegen, und die eigentlichen Anästhetika, die das Bewusstsein ausschalten.

Darüber, wie die ersten beiden Mittel funktionieren, weiß man gut Bescheid. Welche Mechanismen während einer Narkose bewusstlos machen, ist dagegen für Mediziner etwa so schwierig wie für Mathematiker die dreibillionste Nachkommastelle der Zahl Pi. Christian Grasshoff ist Anästhesist an der Uni-Klinik in Tübingen und wird von seinen Kollegen empfohlen, wenn man einen ausgewiesenen Narkose-Experten sprechen will. Er sagt, Bewusstsein sei kompliziert, klar. „Aber wirklich komplex, das ist die Erinnerung.“

Narkosemittel wirken im gesamten Zentralen Nervensystem

Lange Zeit haben Ärzte angenommen, dass Narkosemittel sich in den Fett-Membranen der Gehirnzellen einlagern und so das Verhalten der Zellen ändern. Das ist eine Theorie vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die sich bis in die achtziger Jahre retten konnte. Als ebenso falsch hat sich die Annahme erwiesen, Narkosemittel wirkten ausschließlich im Gehirn. Tatsächlich wirken sie im gesamten Zentralen Nervensystem. So unterdrücken die gasförmigen Stoffe, mit denen Patienten über Atemmasken im Schlaf gehalten werden, Schmerzreflexe im Rückenmark.

Bis heute findet Grasshoff die Fett-Theorie gelegentlich noch in Lehrbüchern, und bis heute hört er immer wieder Kollegen sagen, dass die Narkose so sehr ein Rätsel sei. „Dabei haben wir seit etwa zehn Jahren ein ganz gutes Verständnis davon, wie sie funktioniert“, sagt Grasshoff.

Nehmen wir zum Beispiel Propofol, eines der am häufigsten eingesetzten Narkosemittel, und die milchige Flüssigkeit, deren Wirkung einem im OP-Vorbereitungsraum zuverlässig die Augen zuzieht. Die Nervenzellen im Gehirn verständigen sich, grob gesagt, über zwei Arten von Nachrichtenübermittlern, die sogenannten Neurotransmitter. Die eine Art ist langsam, hemmt also die Übertragung von Information. Die andere ist schnell erregbar, tratscht sozusagen alles weiter. Das Verhältnis der beiden Transmitter zueinander bestimmt, wie wach wir sind oder ob wir schlafen. Propofol dockt nun, so der aktuelle Forschungsstand, an die hemmenden Rezeptoren in den Transmittern an. Es verstärkt also deren Wirkung, die hemmenden Transmitter gewinnen die Oberhand, das neuronale Netzwerk ist aus dem Gleichgewicht. Deswegen wird der Informationsfluss zwischen Gehirnarealen unterbrochen, Reize können nicht bearbeitet werden, Bewusstlosigkeit ist die Folge.

Manchmal sind wir aber doch noch in der Lage, Reize aufzunehmen. Das passiert häufig in der Aufwachphase, wenn nur noch wenig Propofol im Körper herumschwirrt. Dann registriert das Gehirn neue Informationen („gutartiges Gewebe“), es versagt aber bei dem Versuch, die neuen Nachrichten an die Stellen zu schicken, wo sie abgespeichert und künftig erinnert werden können.

Die Forscher selbst sind vorsichtig mit ihren Ergebnissen

So weit das, was man weiß, was als in Experimenten erwiesen gilt. Eine andere Erklärung für die Funktion von Narkosemitteln haben Neurowissenschaftler aus Frankfurt und Göttingen in einer erst im Juni veröffentlichten Studie gefunden. Sie haben an zwei Frettchen mit dem gasförmigen Anästhetikum Isofluran experimentiert und dabei festgestellt: Bestimmte Areale im narkotisierten Mardergehirn produzieren erst gar keine Informationen. Es gibt also gar nichts, was übermittelt werden könnte. Den Forschern zufolge könnte die Bewusstlosigkeit also nicht – oder jedenfalls nicht allein – an den lahmen Neurotransmittern und der deshalb gekappten Übermittlung liegen.

Die Forscher selbst sind vorsichtig mit ihren Ergebnissen. Es sind die ersten dieser Art, die Tests wurden nur mit Frettchen gemacht und nur mit einem Mittel. Aber die Erkenntnisse, die potentiell wieder alles auf null setzen können, zeigen, wie sehr bei dem Thema Narkose noch immer vieles im Fluss ist.

Manche Ärzte sagen, Anästhetika hätten eine interessante Eigenschaft, die die Medikamente von nahezu allen anderen Arzneien unterscheide: Sie wirken bei allen Menschen, und sie wirken immer ziemlich gleich. Die Dosen, die jemand benötigt, unterscheiden sich zwar, je nach Geschlecht und Alter zum Beispiel – innerhalb der Gruppen aber kaum. Warum das so ist, weiß man nicht. Dass es so ist, lässt darauf schließen, dass Propofol und Co. an sehr tiefen, sehr alten Mechanismen im Organismus herumfuhrwerken.

Die Frage lautet: Was ist eigentlich Bewusstsein?

Und jetzt spazieren wir endgültig über das sumpfige Grenzgebiet zwischen Medizin und, sagen wir, Philosophie. Und wir bekommen es mit einer Frage zu tun, um die Anästhesisten gerne herumtänzeln. Sie formulieren dann etwas wie: „das Bewusstsein, wenn man so will“. Oder: „das, was man Bewusstsein nennt“. Dabei ist vielleicht genau die Frage der Grund, der die Mediziner gelegentlich daran zweifeln lässt, ob wir die Narkose jemals überhaupt ganz verstehen werden. Die Frage lautet: Was ist eigentlich Bewusstsein?

Narkose-Spezialist Christian Grasshoff sagt: „In der Anästhesie gilt jemand als bewusstlos, wenn er auf eine einfache Anforderung nicht mehr reagiert.“ Also wenn zum Beispiel auf ein „Drücken Sie mir mal die Hand“ nichts passiert. Vom österreichischen Bewusstseinsforscher Rudolf Kapellner gibt es an dieser Stelle keine Antwort, sondern nur wieder eine Frage: „Was ist dieses wundersame Phänomen, dass wir uns manchmal über etwas bewusst werden?“ Und es gibt ein Medikament, an dem sich gut beobachten lässt, was die beiden Haltungen unterscheidet: Ketamin.

Ketamin ist ein ziemlicher Tausendsassa. Seit Jahren wird es als Rauschmittel missbraucht und reüssiert gerade wieder einmal als Modedroge. Außerdem wird es heiß gehandelt als das neue Wundermittel gegen Depression. Eigentlich aber ist Ketamin ein Anästhetikum. Mediziner verwenden es vor allem nach Unfällen, weil der Stoff anders als andere den Blutdruck nicht senkt, die Atmung nicht lahmlegt und außerdem noch gut gegen Schmerzen hilft. Für Bewusstseinsforscher war es jahrelang (und ist es vermutlich heute noch) das Mittel der Wahl, um an der Grenze zwischen wach und bewusstlos herumzuspielen.

Manche Menschen verlieren unter Ketamin nicht das Bewusstsein

Ihren Höhepunkt hatten diese medizinisch fraglichen Experimente in den sechziger Jahren, zur besten Hippie-Zeit. „Vitamin K“ hieß das Ketamin damals auch, und wer sich damit auskannte, so erzählt es der Bewusstseinsforscher Kapellner, konnte damit exakt dosiert auf eine 40-Minuten-Erkundungstour durch seine Bewusstseinsebenen gehen. „Manche Menschen“, sagt Kapellner, „verlieren unter Ketamin nicht das Bewusstsein.“ Sie merkten aber, wie ihr Körper anästhesiert ist. „Wenn man das zufällig erlebt, ist das ein Schock.“

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Tatsächlich ist es für die meisten Menschen ein Schock, wenn sie unter einer Narkose wach werden und sich später daran auch noch erinnern. Diese sogenannte „Awareness“ kommt Narkosearzt Grasshoff zufolge bei etwa zwei von 1000 Narkosen vor. Viel zu oft, findet er, deswegen forsche man auch an den Ursachen. „Das tritt häufig bei Menschen auf, die sich ihre auf Anästhetika sensiblen Rezeptoren heruntergeregelt haben, zum Beispiel Alkoholiker“, sagt Grasshoff.

Manche Patienten erinnern sich an Muster

Für Menschen wie den Bewusstseinsforscher Kapellner ist das nur wieder ein Versuch, der irgendwie göttlichen Frage nach der Beschaffenheit des Bewusstseins auszuweichen. Er erzählt von einem Wiener Anästhesisten, der im OP-Saal eine simple, aber charakteristische Zeichnung so an einem Schrank angebracht habe, dass man sie als Narkotisierter sehen könne. „Der Arzt fragt dann hinterher beiläufig, ob sich die Menschen an etwas erinnern können“, sagt Kapellner. Manche würden dann das Muster beschreiben.

Etwas Ähnliches hat auch ein oft zitiertes Experiment an einer Münchner Klinik in den Neunzigern zutage gefördert. Dort wurden den Patienten in Narkose Kopfhörer aufgesetzt und die Geschichte von Robinson Crusoe abgespielt. Der Seefahrer strandet bekanntlich auf einer Insel und trifft dort auf einen Einheimischen, den er Freitag nennt. Als die Probanden wieder aus der Narkose erwachten, wurden sie gefragt, was sie mit dem Wort Freitag verbanden. Etwa jeder Fünfte linkte das Wort zur Geschichte von Robinson Crusoe – signifikant mehr als die Menschen in einer Kontrollgruppe, denen hauptsächlich der Wochentag einfiel. Konkret daran erinnern, Robinson Crusoe während ihrer Narkose gehört zu haben, konnten sich die Probanden aber nicht.

Auch den Anästhesisten Grasshoff treibt die Frage um, wie es zu solchen Phänomenen kommt. Gerade organisiert er aber an der Uni in Tübingen auch Forschungen zu einem anderen, viel praktischeren Rätsel der Narkose. „Dass, was wir wissen, gilt hauptsächlich für junge und gesunde Menschen“, sagt der Mediziner. Die meisten, die auf den OP-Tischen der Republik landen, sind aber krank. Bei alten Menschen kommt es zudem vor, dass sie nach einer Narkose nicht richtig aufwachen, sondern in ein Delir verfallen. „Dann ist zwar der Oberschenkelhalsbruch geflickt, aber die Menschen sterben Monate später an einer Lungenembolie, weil sie nur noch im Bett liegen“, sagt Grasshoff. Er forscht jetzt daran, was es braucht, damit in solchen Fällen nicht nur die Narkose gelungen ist, sondern es dem Patienten hinterher wieder gutgeht.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Peikert Denise
Denise Peikert
Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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