<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Grand Prix

Neue Zöpfe

Von Julia Schaaf, Riga
 - 16:22

Alles wirkt gut inszeniert. Julia Wolkowa sitzt schmal und aufrecht am Sofarand. Lena Katina ruht auf der Seite und nutzt den mageren Oberschenkel der Freundin als Kopfkissen. Julia dreht aus Lenas roten Locken neue Zöpfe. Der braune Lederdreisitzer rahmt das Idyll wie ein Bilderrahmen eine Renaissance-Madonna mit Kind; eine lebende Statue, fotogen modelliert: So also soll lesbische Liebe aussehen, mädchenhafte Unschuld und der Favorit beim Grand-Prix-Finale 2003 in Riga - die russische Gruppe "Tatu".

Artig beantworten die Achtzehnjährigen Fragen. Dann sagt Lena plötzlich: "Wir sind, wie wir sind. Wir verhalten uns immer so, wie uns zumute ist. So sollen die Menschen uns wahrnehmen. Wir schauspielern nicht." Dabei wirkt der gesamte Auftritt der beiden in Riga, als hätte ein Marketingstratege seinen besten Tag gehabt. Der Ankunft eilen die Gerüchte voraus: Stimmt es, daß "Tatu" zusammen mit einem unbekannten Dritten auf die Bühne gehen wird? Wollen die beiden tatsächlich heiraten, falls sie den Wettbewerb gewinnen? Und werden sie sich auf der Bühne umarmen, küssen, rufen sie womöglich einen Skandal hervor?

Gutdosierte Spannung

Die Spannung steigt in kleinen Dosen. Zunächst kursieren Namen von drei verschiedenen Hotels, in denen die Mädchen absteigen werden. Dann sind zwei Ankunftszeiten im Umlauf. Als sie einen Tag später am Bahnhof eintreffen, wogt eine Welle von Dutzenden Journalisten mit den Sängerinnen den Bahnsteig hinab, zu einem schwarzen Mercedes am Ausgang. Wie klein sie sind! Höchstens so groß wie die zwölf Jahre alten Schülerinnen, die aufgeregt am Gleis gewartet haben! Der Abschiedsschrei der Fans klingt wie das sehnsüchtige Heulen eines Wolfes. Nicht einmal aufgeschaut haben die beiden. Tragen Mützen wie Teekannenwärmer und enge, breit nach oben gekrempelte Jeans. Lena hält die ganze Zeit ihr Handy in der Hand.

Und dann passiert einfach nichts. Wenn Provokation das Gegenteil ist von dem, was gerade erwartet wird, reizt "Tatu" die Grand-Prix-Gemeinde geschickt. Bei ihrer ersten Probe schlendern die Mädchen lustlos auf der Bühne hin und her, singen kaum und performen gar nicht. "Shit", wird der weißbärtige Schwede später sagen, der für Kameraführung, Licht und Ton verantwortlich ist. Während der Pressekonferenz nach der Probe malen die Mädchen Herzen. Die Journalisten nehmen soviel Desinteresse als Ungezogenheit. Die Gören hören nicht zu und geben belanglose Antworten. Als Julia gebeten wird, den Fotografen zuliebe ein bißchen freundlicher zu schauen und den Kopf zu heben, zieht sie nur entnervt die Brauen hoch. Und Lena beantwortet die freundliche Standardfrage nach Bühne, Sound und Licht so: "Alles ist grauenvoll!" Da werden die beiden Stars des Wettbewerbs plötzlich ausgebuht. Lena lacht gelöst, und der "Tatu"-Produzent Iwan Schapowalow reißt die Arme in die Höhe wie ein Sportler auf der Ziellinie. Sieg, schon vor dem Finale: "Tatu" bleibt unberechenbar, und die Spannung steigt weiter.

Tatu wollen die Menschen zu mehr Selbstvertrauen ermutigen

Am nächsten Tag behauptet Schapowalow, es gebe kein Konzept für diesen Auftritt vor den Fernsehkameras Europas, keine Strategie, kein Kalkül. Auch die Mädchen sagen, sie seien bloß müde gewesen von der Zugfahrt. Auf dem Hotelsofa jetzt hätten sie sich nur aus einer Laune heraus so malerisch drapiert. Sie tragen langärmelige Ringelshirts, die Puppengesichter sind entspannt, fast ein bißchen leer. Die rotgelockte, zugänglichere Lena spricht Englisch und übersetzt, was Julia, die Schroffe mit dem dunklen Fransenschnitt, auf russisch einwirft. Zwei fast normale Mädchen aus gutem Haus: Mal abgesehen von 300 Tagen im Jahr, die sie als "Tatu" unterwegs sind, wohnen beide bei ihren Eltern. Julias Vater ist Geschäftsmann, Lenas Komponist; Julias Mutter arbeitet als Stylistin, Lenas ist Hausfrau. Moskau, ihre Heimatstadt, sei für sie der schönste Ort der Welt. Am liebsten sind sie dort mit Familie und Freunden zusammen und gehen aus. "Ich lese ganz gern ein bißchen", sagt Lena, die offiziell Psychologie studiert. Julia hat ihr Gesangsstudium aus Zeitmangel abgebrochen.

Sie sagen, daß ihr Lied für den Grand Prix - in der englischen Übersetzung "Don't Believe, Don't Be Scared, Don't Ask" - die Menschen zu mehr Selbstvertrauen ermutigen solle. Sie sagen, sie seien stolz darauf, ihr Land zu vertreten, Rußland brauche sie. Sie sagen, daß sie über Zukunftspläne nicht sprechen möchten, weil das ihren Träumen schaden könnte. Und läßt man sich hinreißen, sie auf ihr Verhältnis anzusprechen, endet das Frage-und-Antwort-Spiel im Ungefähren: "Natürlich haben wir feste Freunde", sagt Lena. Und Julia zetert: "Das hast du mir nie gesagt!" Bis Lena sagt: "Wir lieben uns."

Favoritenrolle

Welche Botschaft sie vermitteln möchten? Lena: "Jeder hat die Wahl. Wer Mädchen liebt, okay; wer Jungs liebt, auch okay. Die Menschen sollen frei sein." Auch der Produzent des Pop-Phänomens redet am liebsten von der Liebe. Sein Rezept für die Gründung der Mädchenband im Jahr 2000 war es, mit dem Thema "Minderjährigen-Sex" eine Marktlücke zu füllen. Weil aber weder diese Ursprungsidee noch das Motiv der lesbischen Liebe den Welterfolg der Sängerinnen begründen könnten, hat der Kinderpsychologe, der zwischenzeitlich für Werbung und Film arbeitete und sich jetzt als Künstler fühlt, über seine Kreation neu nachgedacht: "Tatu steht für Liebe als Freundschaft, für Liebe jenseits der Funktion der Fortpflanzung, für die reine Beziehung. Das ist sehr wichtig für die Menschheit."

Der unscheinbare, etwas träumerische Mann, dem nicht anzusehen ist, daß er nächste Woche 36 Jahre alt wird, könnte selbst Bassist einer britischen Boygroup sein. Nein, sagt er, er sei nicht religiös. Dann also naiv oder größenwahnsinnig? Der Manager sagt: "Ich glaube, die Welt hat uns erwählt." Die Mädchen jedenfalls versprechen, ihre nächste Probe für das Grand-Prix-Finale ernsthafter zu bestreiten. Und das tun sie am Donnerstag nachmittag auch: Lena baumeln geflochtene Zöpfchen vom Kopf, Julia trägt eine brave Haarspange. Beide singen. Sie halten die Mikrofone fest, und auf den melodischen Einstieg folgt ein Refrain wie ein einziger, energiegeladener Schrei. Die Wetten und Rankings sehen "Tatu" auf Platz eins. Ein Sieg würde Rußland helfen, die Bindung zu Europa zu stärken, sagt Schapowalow. Aber ein Sieg wäre auch für die Veranstaltung eine willkommene Aufwertung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2003, Nr. 119 / Seite 10
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenMadonnaEuropaRiga