Anzeige

Neue Strategie

So wollen die Reformhäuser aus der Krise kommen

Von Lucia Schmidt
 - 12:15
Eine Mitarbeiterin bedient in einem Frankfurter Reformhaus eine Kundin (Archivbild). Bild: Frank Röth, F.A.S.

Das Reformhaus in der Innenstadt von Oberursel, mitten im Taunus, ist das Vorzeigeobjekt, wenn es der Reformhaus-Genossenschaft darum geht, deutlich zu machen, wie ihre Läden in Zukunft wieder Profil und Kunden gewinnen wollen. Es ist modern, hell und weitläufig eingerichtet, lädt den Kunden mit einem kleinen Bistro am Eingang zum Verweilen ein und bietet eine erweiterte Produktpalette an. Mit dem Image des öden Latschenkiefer-Ladens will dieses Geschäft nichts mehr zu tun haben.

Anzeige

Sein Inhaber Rainer Hermann setzt sich mit Marketing im Internet auseinander, reagiert auf die steigende Nachfrage nach Naturkosmetik und hat bereits seine erwachsenen Kinder für eine Übernahme des Ladens begeistern können. Ein Vorzeigeobjekt eben. Denn noch lange nicht alle Reformhäuser in Deutschland sehen so aus und werden so innovativ geführt. Etwa erst ein Drittel der rund 1200 Läden in der Bundesrepublik haben eine solche Modernisierung hinter sich – aber alle definitiv schwere Jahre.

Der moderne Bioliebhaber bei der Konkurrenz gelandet

In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Anzahl der Reformhäuser von etwa 2500 auf ebendiese 1200 reduziert. Erstaunlich: Lange Zeit waren die Reformhäuser die Vorreiter in Sachen Ökoprodukte, Vollwertkost, nachhaltige Produktion, ganzheitliche und gesunde Lebensführung. Das Reformhaus stand für genau diese Haltung im Leben, wie „Tempo“ für Taschentücher und „Pampers“ für Windeln. Doch als die Bio-Vollwert-Welle Ende des letzten Jahrtausends so richtig die Gesellschaft erfasste und eigentlich Kunde um Kunde in die Filialen der Reformhäuser hätte spülen müssen, tauchten die Reformhäuser unter. Die Welle schwappte über sie hinweg.

Stattdessen rannten die Kunden in neu erstandene Biosupermarkt-Ketten, Hofläden und zu kleinen kreativen Einzelhändlern, um gesundheitsbewusst Bioprodukte einzukaufen. Die Reformhäuser hingegen galten als altbacken und fade. Körner und Knäckebrot liebende Menschen in Gesundheitslatschen mit kleinen Wehwehchen und Zucken im Rücken gingen dort vielleicht noch einkaufen, der moderne Bioliebhaber aber zu Alnatura, Basic oder Denn’s.

Anzeige

Die Revolution der Lebensreformer

Und obwohl eine eher fleischlose Ernährung zu den Grundsätzen des Reformhauses gehört, konnte auch die wachsende Zahl an Vegetariern und Veganern in den vergangenen Jahren den Reformhäusern nicht den entscheidenden Aufschwung bringen. Vielmehr machen sich in diesem Markt gerade neben den Supermärkten auch Drogerien und Internetshops mit fleischfreien Produkten und Nahrung ohne tierischen Ursprung breit. Der Pionier Reformhaus blieb auch hier eher hintendran.

Doch das soll sich nun ändern, den nächsten aufkommenden Trend will die Reformhaus-Genossenschaft nicht wieder verpassen. Sie setzt auf gesundheitliche Beratung, den sogenannten „zweiten Gesundheitsmarkt“ und Naturkosmetik und will mitmischen bei gesellschaftlichen Diskussionen – auch digital. Damit will man sich zugleich ein Stück besinnen auf die Ursprünge.

Ihren Namen haben die Reformhäuser von der Lebensreform-Bewegung Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Lebensreformer von damals setzten sich öffentlich für eine gesunde ganzheitliche Lebensweise, fleischlose Nahrung und Naturheilverfahren ein: Ideen, nach denen Reformhausbesitzer auch heute noch streben und die gerade hochaktuell sind. Deshalb ist Ulrich Jentzen, Geschäftsführer der Reformhaus-Fachakademie in Oberursel, davon überzeugt, dass das Reformhaus seinen Kunden und der Welt bis heute etwas mitzuteilen hat. Zu Themen wie etwa den Freihandelsabkommen und Nahrungsmittelzusätzen will man verstärkt Stellung nehmen, die Message der damaligen Reformer in moderne Zeiten übersetzen. 130 Jahre wird das Reformhaus in diesem Jahr. 1887 eröffnete Carl Braun in Berlin ein Einzelhandelsgeschäft mit dem Namen „Gesundheitszentrale“. Das Kauf- und Versandhaus für Reformwaren, in dem es ebenso naturheilkundliche Produkte gab, wird heute von den Reformhäusern als ihre Keimzelle bezeichnet.

„Natürlich gibt es da Grenzen“

Das Jubiläumsjahr will das Unternehmen dazu nutzen, seine neue Ausrichtung publik zu machen – mit Unterstützung von „Vegan-Stars“ und „Life-Coaches“ wie Attila Hildmann und Veit Lindau, die öffentliche Auftritte für das Reformhaus absolvieren. Aber ganz besonders setzt das Unternehmen auf die Beratung. „In digitalen Zeiten, in denen der Kunde anonym im Internet einkauft, wünschen sich Menschen Zuwendung und Beratung im Geschäft“, versichert Jentzen. Beratung ist dabei kein neues Thema im Reformhaus. Man will es jetzt nur besser vermarkten.

Die Fachakademie gibt es schon seit über sechzig Jahren. Generationen von Reformhausmitarbeitern haben dort mehrere Wochen verbracht. Sie wurden und werden geschult in Naturheilkunde, gesundem Kochen, Kosmetik, Veganismus oder Diätetik. Verkäufer im Reformhaus sollen nicht nur die Produkte kennen, sondern den Kunden bei all seinen Fragen zur Seite stehen können. „Natürlich gibt es da Grenzen. Wenn der Kunde ernstzunehmende Symptome zeigt, schulen wir die Mitarbeiter natürlich auch darin, auf die Hilfe eines Arztes zu verweisen“, sagt Rainer Plum, Vorstand der Reformhaus eG. Aber Hilfe zur Selbsthilfe bei kleineren Zipperlein sollen die Verkäufer kompetent beherrschen.

Die rund sechs Wochen Ausbildung schließen die Mitarbeiter als „Reformhaus-Fachberater (IHK)“ mit einem Zertifikat der Industrie- und Handelskammer ab. Wie viel Wert man in dieser Beratung sieht, zeigt sich unter anderem darin, dass die Reformhausbesitzer die Kosten des Lehrgangs komplett übernehmen. „Unsere gut ausgebildeten Verkäufer, die kompetent beraten können, sind auf dem Markt beliebt. Kein anderer unserer Konkurrenten steckt in die Ausbildung so viel Geld“, sagt Plum.

Darauf eine vegane Fruchtschnitte

Am häufigsten durchlaufen Frauen ab etwa 35 Jahren dieses Qualifikationsangebot. „Es sind oft Mütter, die, wenn ihre Kinder aus dem Gröbsten raus sind, einen neuen beruflichen Weg einschlagen“, erläutert Plum. Auch die Stammkunden des Reformhauses seien vor allem weiblich. Für die Zukunft hat er aber eine weitere Zielgruppe im Blick: die sogenannten „Lohas“, die einen „Lifestyle of health and sustainability“ pflegen, also gesund und nachhaltig leben. Eine auf dem Markt heftig umkämpfte Klientel.

Laut Daten, die das Bundeswirtschaftsministerium im Frühjahr veröffentlichte, geben die Deutschen immer mehr Geld für ihre Gesundheit aus. Jeder vierte Euro für Gesundheitsleistungen wird hierzulande mittlerweile privat aufgebracht. Nach der Analyse des Ministeriums haben die Deutschen 2016 rund 432 Milliarden Euro für Produkte und Dienstleistungen rund um die Gesundheit ausgegeben. Runde 25 Prozent davon, also etwa 11 Milliarden Euro, entfielen auf den zweiten Gesundheitsmarkt. Dazu zählen: Angebote in Fitnessstudios, medizinische Körperpflege, Gesundheits-Apps, Naturheilmittel, Wellness, Nahrungsergänzung oder Gesundheitstourismus. Auch der Naturkosmetik-Markt ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Allerdings, so zeigen Zahlen aus der Branche, kaufen die Menschen ihre Cremes und ihre Schminke nicht vorrangig im Biofachhandel oder in Reformhäusern, sondern in Drogerien.

Dem Dinosaurier unter den Gesundheitskaufhäusern kann man angesichts dessen zum runden Ehrentag, der jetzt im Juli mit einem Festival in Berlin gefeiert wird, wünschen, dass durch die neue Ausrichtung die nächste Trendwelle tatsächlich mehr Kunden in die Läden bringt. Darauf eine vegane Fruchtschnitte.

Quelle: F.A.S.
Lucia Schmidt
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAlnatura

Anzeige