Jugend schreibt

Abschied in Würde für die Wissenschaft

Von Danielle Kallenborn, Ludwigsgymnasium Saarbrücken
 - 11:12

Die Kirchengemeinde schweigt, nur ein Student spielt am Klavier in der Mitte der großen Kuppel der Kirche St. Fronleichnam in Homburg an der Saar. Das Stück von Schubert ist andächtig und ein wenig melancholisch. Es passt zum Anlass. Die akademische und ökumenische Trauerfeier richtet sich an alle Studenten und Mitarbeiter der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes (UdS). Ausgerichtet wird sie vom Anatomischen Institut der UdS. Sie findet für die Angehörigen der 68 Körperspender statt, die heute bestattet werden. Etwa 95 Prozent der Anatomieinstitute im deutschsprachigen Raum veranstalten eine solche Gedenkfeier.

„Die Feier ist etwas sehr Individuelles und Spezielles. Oftmals ist es für die Angehörigen schwierig, da zwischen dem Tod und der Bestattung zwei bis drei Jahre liegen“, erklärt Thomas Tschernig. Er leitet die Arbeitsgruppe Körperspende an der Universität. Jeder Medizinstudent steht in seinem 3. Semester vor der Aufgabe, einen menschlichen Körper zu präparieren. Das kann am Anfang belastend sein, ist allerdings eine unverzichtbare Vorbereitung auf die ärztliche Tätigkeit. Dies betrifft insbesondere alle bildgebenden und operativen Fächer. „Jeder Mensch hat seinen eigenen Fingerabdruck. So ist auch die Anatomie jedes Menschen anders“, sagt der Professor. Die Arbeit an Puppen oder an Modellen ist nicht vergleichbar mit der Präparation an einem menschlichen Leichnam.

1100 Euro für die Einäscherung

Tschernig steht am Rednerpult neben dem Altar. Mit bedachten Worten dankt er den Spendern und ihren Angehörigen. Seinen Körper der Wissenschaft zu überlassen ist keine einfache Entscheidung, die man von einem auf den anderen Tag treffen kann. Oft zieht sich der Prozess über mehrere Jahre oder Jahrzehnte. Dennoch liegen der Anatomie in Homburg ungefähr 2500 unterzeichnete Vereinbarungen vor, die das Vermächtnis des Körperspenders an die Universität regeln. Die Intentionen sind dabei ganz unterschiedlich. Einige sehen den wissenschaftlichen Dienst, den sie leisten, als ausschlaggebendes Argument. Andere hingegen wollen ihre Familie finanziell entlasten. Zwar fallen für eine Körperspende in Homburg Kosten für den Spender in Höhe von 1100 Euro für die Einäscherung, Überführung und Bestattung an, dennoch liegen diese weit unter den üblichen Kosten für eine Bestattung. „In der Regel wenden sich eher ältere Menschen an uns. Schließlich denkt man häufig erst dann über den Tod nach“, sagt Tschernig.

Zwischen den einzelnen Ansprachen im Verlauf der Messe singen der Studentenchor der Medizinischen Fakultät und Solisten kurze Stücke. Besonders das christliche Kirchenlied „Cannot keep you“ ist ergreifend. Viele Angehörige wischen sich Tränen fort und lauschen den sanften Klängen der begleitenden Gitarre und den drei Studenten, die das Lied darbieten. Auch Mathias Aan’t Hecks Blick ist auf das Podest vor der Orgel gerichtet. Er ist wie alle anderen schwarz gekleidet. Dennoch wird durch seinen bunten Schal und seine farbigen Socken die künstlerische und lebensfrohe Einstellung des 28-Jährigen deutlich.

Sich vor dem Anblick schützen

Der Student der Hochschule für Bildende Künste Saar arbeitet seit fast einem Jahr an einem Projekt in der Anatomie Homburg. Für seine Diplomarbeit im Studiengang der Freien Kunst zeichnete er Leichen mit akribischer Genauigkeit. Die freie Kunst beinhaltet ein breites Spektrum der künstlerischen Fähigkeiten wie Malerei, Bildhauerei, aber auch Lichtkunst oder Fotografie. „Wenn man stirbt, ist man innerhalb eines Tages aus der Gesellschaft verschwunden. Der Tod wurde unsichtbar. Im Gegensatz zu früher, als man in der Familie noch die Totenwache abhielt, sind viele der Meinung, man müsse sich und insbesondere seine Kinder vor dem Anblick schützen. Dadurch findet eine Entfremdung statt. Mit meiner Arbeit möchte ich eine realistische Darstellung des Todes bieten, ohne die mythologische Überhöhung, wie sie beispielsweise in Kirchen, Subkulturen und Medien geschieht“, erklärt er.

Tatsächlich kennen die meisten Menschen den Anblick eines Toten nur aus Filmen. Special Effekts und schlicht der Punkt, dass es sich um Schauspieler und nicht um echte Tote handelt, schaffen eine breite Kluft zur Realität. Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Nach dem Tod werden Körperspender „fixiert“. Unter anderem durch Formaldehyd werden ihre Körper und innere Organe vor der Verwesung geschützt. Die Haut wird ledrig, und die Körper werden steif. Nach Formaldehyd riecht es auch in den Anatomiesälen der Universität. In dem größten der drei Präpariersäle stehen zehn Bahren, auf ihnen liegen Leichen mit einem blauen Tuch zugedeckt. An den Wänden sind Regale und Schränke mit chirurgischem Werkzeug und Anatomie-Lehrbüchern. An der langen Wand neben dem Eingang hängen Waschbecken, darüber ein Zettel: „Herzen bitte im großen Waschbecken spülen!“ Aan’t Heck hat hier über mehrere Monate nur 30 Zentimeter von den Leichnamen entfernt gesessen und gezeichnet. „Am Anfang war die Situation unglaublich unangenehm. Besonders schwierig war es, die Körper anzufassen, weil das Bild, das man vor sich sieht, plötzlich Realität wird. Mit der Zeit wird es jedoch besser. Den Respekt und die Achtung verliert man nie, jedoch die Furcht“, schildert er seine ersten Arbeitsstunden.

Im Institut arbeiten, ohne ein Fremdkörper zu sein

Auch für die Medizinstudenten kann eine solche Situation überfordernd sein. Zu Beginn des neuen Semesters flüstern die Studenten meist nur. Nach wenigen Kursstunden finden die Gespräche eher in normaler Lautstärke statt, die Studenten machen sogar Scherze miteinander. Man gewöhnt sich an die Atmosphäre.

Aan’t Hecks Zeichnungen sind anatomisch genau und detailgetreu. Allerdings zeigen sie stets den ganzen unversehrten Körper, nie innere Organe oder Muskelgewebe. Gesichter sind nicht zu erkennen, und auch die Namen der Gezeichneten sind nicht genannt, um die Anonymität zu wahren. In den ersten drei Monaten fertigte er nur kleine Skizzen, zum Teil lediglich von Organpräparaten an. Dabei musste er die Leichname oft anfassen, um auch die inneren Organe genauer betrachten zu können. „Ich wollte mich an das Thema ranarbeiten. Ich wollte in dem Institut arbeiten, ohne dort ein Fremdkörper zu sein, deswegen habe ich nicht gleich am Anfang die großen Leinwände mitgebracht.“ Für Bleistiftzeichnungen hat er sich entschieden, da es die pietätvollste Art und Weise der Darstellung sei.

Vielleicht noch ein wenig nachdenken

Die Arbeitsbedingungen waren nicht immer einfach. In den Anatomieräumen ist es enorm kalt. Für seine Diplomarbeit präsentierte er die Zeichnungen in Kästen, die an die Fächer in der Anatomie erinnern sollen, in denen die Leichen aufbewahrt wurden. „Ich will niemandem vorschreiben, wie man darüber denken soll. Wichtig ist mir allerdings, dass man meine Werke anschaut, dann nach Hause geht und vielleicht noch ein wenig drüber nachdenkt.“ Er erzählt von einer Frau, die ihm berichtete, dass sie nach dieser Ausstellung endgültig den Entschluss für eine Körperspende gefasst habe.

Die Bestattungsfeier geht zu Ende. Zwei Studenten lesen die Namen der Körperspender vor, während zwei andere für jeden der Toten eine Kerze anzünden. Es ist das letzte Mal, dass ihre Namen öffentlich genannt werden. 65 der 68 Körperspender haben sich für eine anonyme Bestattung auf dem Gräberfeld der Anatomie auf dem Homburger Hauptfriedhof entschieden. Die Gemeinde steht auf. Einige Angehörige schließen in Gedenken die Augen. Nach einem gemeinsamen Gebet, angeleitet von der evangelischen Pfarrerin, spielt der Student ein Klavierstück, diesmal von Rachmaninow. Thomas Tschernig spricht erneut dankende Worte. Die meisten der anwesenden Studenten fahren nach Hause oder zurück zur Universität. Für die Angehörigen geht es zum Gräberfeld, wo sie noch einmal Abschied nehmen können von ihren Freunden, Verwandten und geliebten Menschen.

Die Autorin nimmt an dem F.A.Z.-Projekt „Jugend schreibt“ teil.

Quelle: F.A.Z.
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