Asturien

Hier spielt die Natur eine glänzende Hauptrolle

Von Elias Kunzweiler, Gymnasium Kenzingen
 - 17:40

Der kahle, graue Gipfel spiegelt sich im klaren Wasser des Bergsees. Eine Kuh trinkt geruhsam am Ufer, Schafe grasen auf dem saftigen Grün der umliegenden Weidefläche, auf der sich eine Steinhütte befindet, und erzeugen mit ihren Glocken eine sanfte Melodie. Durch die hohen Kalkfelsen, die sich über den weiten Wiesen der Umgebung erheben, schimmert der Atlantik, der sich in einem verschwommenen blauen Streifen mit dem Horizont vermischt. Dieses Bild eröffnet Antonio Alonso García seiner Reisegruppe, als er mit ihr eine kleine Anhöhe vor dem Bergsee Lago de Enol im nordspanischen Gebirge der Picos de Europa, auf Deutsch „Gipfel Europas“, erreicht. „Das alles ist ein Diamant“, schwärmt der 71-jährige Touristenführer und legt zufrieden seine Cap mit dem blau-gelben Kreuz, dem Emblem der Autonomen Gemeinschaft Asturias, zur Seite, um sich mit einem Tuch einige Schweißperlen von der Stirn zu wischen. Nach seiner Pensionierung als Verwaltungsbeamter und Stadtrat in seiner asturischen Heimatstadt Cangas de Onis ließ sich der heimatverbundene Ruheständler als Reisebegleiter ausbilden. Seitdem umrahmt Antonio Busfahrten und Wanderungen mit seinem unerschöpflichen Wissensschatz über Asturien, eine der vier autonomen Gemeinschaften in la España Verde, jenem nordwestlichen Teil der iberischen Halbinsel, auf dem ganzjährig ein regenreiches, gemäßigtes ozeanisches Klima herrscht. „Er erklärt es nicht, er lebt es!“, sagt der Busfahrer über Antonio, der die Touristengruppe nach Covadonga, einem tiefer gelegenen Dorf, begleitet.

Katholische Königreiche

„Die Symbiose aus Natur, Religion und Geschichte machen den Nationalpark zu etwas ganz Besonderem“, sagt Antonio Alonso García vor der stattlichen Basilika Covadongas und schildert leidenschaftlich die Geschichte der Region, die unausweichlich mit dem Zielort zusammenhängt: Zu Beginn des achten Jahrhunderts eroberten nordafrikanische Muslime, die Mauren, fast vollständig die Pyrenäenhalbinsel. Im bergigen Gebiet der Picos de Europa startete der westgotische Adlige Pelagius eine Rebellion gegen den maurischen Statthalter der Region, gewann eine entscheidende Schlacht und konnte so seinen Herrschaftsbereich ausbauen, aus dem später das katholische Königreich Asturias wurde. Deshalb werde die Schlacht von Covadonga als Ausgangspunkt der Reconquista bezeichnet, der bis 1492 dauernden Rückeroberung der Iberischen Halbinsel durch katholische Königreiche. In der von grünen Berghängen umschlossenen Ortschaft weist Alonso García die Reisegruppe auf die Töne eines mehrstimmigen Chores hin, der in der prachtvollen Basilika gerade einen Gottesdienst begleitet, an dem zahlreiche Wanderer teilnehmen.

Steinplatten gegen Nager

Vor der Basilika erinnert eine große Statue des als Nationalhelden gefeierten Don Pelayo an die Bedeutung des Ortes. In der für das Dorf namensgebenden Cova Donga (Höhle der Herrin), einer Bergöffnung in Sichtweite der Statue, soll laut Legende die heilige Jungfrau von Covadonga während des Widerstands Pelayo erschienen sein und ihm zum Sieg verholfen haben. Zu ihrem Dank wurde der Schutzherrin Asturiens eine Kapelle in den Berg gebaut, in der auch Alonso García heiratete. Mit glänzenden Augen blickt er zur malerischen Kulisse zurück, als er mit seiner Gruppe den Ort verlässt, um sich dem flachen, weiten Landesteil Asturiens zu nähern. Die Straßen der Fahrtroute werden von vielen Hórreos, kleinen Erntespeichern aus Eichenholz, umsäumt, worin früher Erzeugnisse aus Landwirtschaft und Viehzucht lagerten. Aufgrund der vielen Niederschläge und des feuchten Bodens wurden diese Speicher auf Steinsäulen errichtet, damit der mitunter heftig durchwehende Wind das Eindringen der Feuchtigkeit unterbinden kann. Zusätzlich eingearbeitete Steinplatten am oberen Ende der Säulen machen Nagetieren das Emporklettern unmöglich und gewährleisten den in den für Asturien berühmten Hórreos gelagerten Produkten wie Mais, Kartoffeln, Früchten und Gemüse so eine größtmögliche Haltbarkeit. Früher wie heute werden die Erträge aus Feld- und Viehwirtschaft der Landwirte aus den Dörfern in erster Linie auf traditionellen Märkten in den Handelsstädten wie der Hauptstadt Oviedo verkauft.

Sie fluchen ununterbrochen

Neben Fisch und Meeresfrüchten, die von Fischern der Küstengebiete feilgeboten werden, handelt man auf diesen Märkten vor allem mit der Sidra, einem gerne zum Essen getrunkenen Apfelschaumwein. Auch der chilenische Schriftsteller Luis Sepúlveda, der nach seiner Flucht vor dem Pinochet-Regime in den 70er Jahren nach Jahren des Exils in Deutschland in Asturiens größter Stadt Gijón seine zweite Heimat gefunden hat, liebt den unverwechselbaren Geschmack des Nationalgetränks. Neu in der Stadt wurde er damals von seinen Kollegen zum Sidratrinken eingeladen, die ihn augenzwinkernd aufklärten: „Entweder bist du ein Asturier wie wir oder ein hijo de puta, ein Hurensohn.“ „Die Asturier sind sehr direkt und fluchen ununterbrochen“, schmunzelt Sepúlveda in seinem Schreibatelier, „dabei sind sie aber unglaublich warmherzig und aufgeschlossen.“ Der Autor, der in seinem populärsten Roman, „Der Alte, der Liebesromane las“, die Rückbesinnung des Menschen auf eine ursprüngliche Beziehung zur Natur thematisiert, bewundert ihre Achtsamkeit im Umgang mit der Umwelt, wofür sie viel Stolz, aber auch Demut empfinden.

Sidra anders zu trinken, ist undenkbar

„Wir leben in einer Region, in der die Natur die Hauptrolle spielt!“, sagt Pedro Sanjurjo González, der als Präsident des asturischen Parlaments Besuchergruppen im Plenarsaal persönlich begrüßt. Sepúlveda bestätigt dies scherzhaft, indem er sagt, das wichtigste Lebewesen hier sei ein Baum. Tatsächlich prägen die zur Herstellung der Sidra benötigten Apfelbäume die ländliche Idylle Asturiens entscheidend mit. Sie befinden sich oft auf polykulturellen und kaum intensiv genutzten Anbauflächen, die einen hohen Stellenwert im asturischen Selbstverständnis haben. „Mar, Manzana, Montaña – also Meer, Apfel, Berg –, auf diesen drei Ms ist unsere Region begründet“, lacht Alonso García, der zum Abschluss mit seiner Reisegruppe in seiner Stamm-Sidrería in Cangas de Onís essen geht. Dort wird die Sidra, wie es in Asturien Tradition ist, vom Kellner auf artistische Art und Weise ausgeschenkt: In seiner linken Hand hält er das breite Sidraglas so tief wie möglich, während er mit erhobenem rechten Arm über dem Kopf den Apfelwein in das Glas gießt. Dabei besteht die Kunst darin, den Strahl so aufzufangen, dass er sich am Rand des dünnen Glases bricht. „Die Sidra anders zu trinken ist völlig undenkbar, denn nur so können sich Geschmack und Farbe der Sidra entfalten“, erklärt der Kellner. Trotz des langen Tages gönnt sich Alonso García keine Pause. Abends trifft er sich mit einer weiteren Reisegruppe, mit der er mehrere Tage die asturische Atlantikküste befahren wird, wo grünes Weideland, schroffe Küsten und weiter Ozean, Kuhglocken und Meeresrauschen aufeinandertreffen. „Darum liebe ich diesen Landstrich so!“, verabschiedet sich Alonso García und winkt mit seiner Cap.

Quelle: F.A.Z.
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