Baumkletterer

Wer im Baum hängt, ist der Boss

Von Annika Beckers, Inda-Gymnasium, Aachen
 - 14:44

Wenn dir ein Ast wegbricht und du zwei Meter gestürzt bist, dann schlägt dein Herz ganz schön!“, erklärt Daniel Vondenhoff aus Bardenberg in der Nähe von Aachen. Vor fünf Jahren hat der gelernte Industriekaufmann sein Studium abgebrochen, um als professioneller Baumkletterer einen der riskantesten Berufe auszuüben. Viele Wege können zu dieser Tätigkeit führen. In seinem Fall war es ein guter Freund, der als Baumpfleger arbeitet und sein Interesse weckte. Die Berufsbezeichnung des Baumkletterers genießt keinen gesetzlichen Schutz, da es sich nicht um einen klassischen Lehrberuf handelt. Zu den Aufgaben gehören die professionelle Baumpflege wie die Baumbeurteilung, der Baumschnitt, die Baumfällung und die Kronensicherung. Arbeitseinsätze für Baumkletterer sind dort, wo eine Leiter oder eine Arbeitsbühne nicht ausreicht. Voraussetzung für die Ausübung des Berufes ist der Besitz des Seilklettertechnik-A-Scheins (SKTA). Besitzer dieses Scheins haben in einem mehrtägigen Workshop neben der Klettertechnik Grundlagen für Ersthilfe und die Bergung von Personen gelernt. Neben formellen Aspekten spielen körperliche Fitness und die Fähigkeit zur Einschätzung von Situationen und der eigenen Verfassung eine wichtige Rolle. Natürlich muss ein Baumkletterer schwindelfrei sein.

Seile zur Sicherung im Wurfbeutel

„Wenn du zum ersten Mal deinen Wurfbeutel einbaust und auf 35 Metern stehst, wobei du nur ein kleines Ästchen unter dir hast und die Baumkrone von rechts nach links geht, dann weißt du, ob du für diesen Job gemacht bist oder nicht“, erklärt Vondenhoff. In der Hand hält er dabei einen der 200 Gramm schweren Wurfbeutel aus festem Stoff, mit dem die Seile zur Sicherung der Kletterer in den Baum geworfen werden. Von zehn Workshop-Teilnehmern werden in der Regel nur zwei als Baumkletterer tätig. Nachdem er bei Einsätzen regelmäßig als ungelernter „Groundy“ am Boden arbeiten konnte, wollte er hoch hinaus und in die Bäume steigen. So absolvierte er die erforderlichen Gesundheitsprüfungen und Workshops, um als selbständiger Unternehmer arbeiten zu können.

Zwei Profis müssen mitarbeiten

Die spezifischen botanischen Kenntnisse hat sich der Quereinsteiger bei seinen zahlreichen Einsätzen und im Selbststudium angeeignet. Biologische Kenntnisse für ein ökologisch nachhaltiges Arbeiten sind zwingend erforderlich. Im Gegensatz zu den häufig wechselnden „Groundies“ arbeiten Baumkletterer gerne in bekannten Konstellationen zusammen. Bei Einsätzen müssen immer mindestens zwei Profis mit SKTA-Schein im Team arbeiten. Am luftigen Arbeitsplatz ist Vertrauen im Team unabdingbar. „Der, der im Baum hängt, ist der Boss!“, konstatiert der 36-Jährige. „Ich muss mich hundertprozentig auf den Mann, der unten ist, verlassen können.“ Denn die Arbeit verzeihe keine Fehler. Manchmal habe die Natur ihre Eigenheiten. So berichtet Vondenhoff von einem Auftrag, bei dem es um die Ernte von Tannenzapfen aus Nadelbäumen ging. Die Harzschicht sei so dick gewesen, dass die Arbeitshandschuhe nach kurzer Zeit derart verklebt waren, dass ein Weiterarbeiten unmöglich war. Der Vorrat an Arbeitshandschuhen sei schnell aufgebraucht gewesen, so dass die Arbeit abgebrochen werden musste.

Rauher Umgang, klare Ansagen

Am Einsatzort herrscht untereinander ein direkter, teilweise rauher Umgang mit klaren Ansagen. Auch bei der Ausrüstung für die seilunterstützte Baumklettertechnik steht die Sicherheit an erster Stelle. Akribisch werden die Seile, Sicherungen und Arbeitsgeräte vor jedem Einsatz auf einwandfreie Beschaffenheit geprüft, um Unfälle zu verhindern. „Die persönliche Sicherheitsausrüstung muss immer perfekt sein. Das ist es, was mich in dem Moment am Leben erhält“, sagt Vondenhoff. Der Nervenkitzel und die Freude an der Arbeit in freier Natur seien die Belohnung für die körperlichen Anstrengungen.

Lieber mit einer Handsäge

Über die Jahre hat er sich im Fachkreis als Spezialist für komplizierte Pflegearbeiten in schwindelerregender Höhe etabliert. „Je unschöner die Bäume gewachsen sind, desto mehr habe ich den Anspruch, den Baum vital zu machen und gegen Fehlwüchse anzukämpfen.“ Bei manchen Einsätzen ist Improvisationstalent gefordert. So musste er bei einem Einsatz in mehr als 40 Metern Höhe erst ein ausreichend langes Seil herstellen, um in den Wipfel der Buche klettern zu können. Gerne berichtet er von einem Laubbaum, der den gesamten Innenhof eines verglasten Wohnhauses ausfüllt und mit der Baumkrone teilweise über das Dach hinausragt. Die beim Beschnitt herabfallenden Äste müssen hierbei besonders vorsichtig abgetrennt und aufwendig gesichert werden, um etwaige Beschädigungen am Gebäude zu vermeiden. Generell greift er bei den filigranen Arbeiten in der Baumkrone lieber auf eine Handsäge als auf die Motorsäge zurück. Im Schnitt finden seine Einsätze in ungefähr 25 Metern Höhe statt.

Über soziale Medien bestens vernetzt

In Deutschland sind rund 3000 Personen überhaupt zum Führen von Motorsägen in Bäumen berechtigt. Hierfür ist der Abschluss eines Motorsägenlehrgangs notwendig. Nach fünf Jahren im Baum kann sich Vondenhoff mit der in 21 Ländern anerkannten Zusatzqualifikation des „European Treeworker“ seine Einsatzorte europaweit aussuchen. In der Branche ist man über soziale Medien bestens vernetzt. Hierdurch und durch die Grenznähe erhält er häufig Aufträge in Holland und Belgien, aber auch in der Schweiz oder Spanien. So hatte er schon Einsätze auf Ibiza und in Barcelona. Für die Arbeit im Baum ist eine Höchstdauer von sechs Stunden am Tag vorgegeben. In erster Linie geht es um den Erhalt des vitalen Bestandes. Das Fällen zur Schaffung von besseren Lichtbedingungen soll die Ausnahme darstellen. „Die Natur ist ein Habitat für Tausende von Lebewesen!“

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAachen