Wasserbüffel

Wasserbüffel in Berlin

Von Lukas Barovic, Katholische Schule Liebfrauen, Berlin
 - 11:48

Die Tiefwerder Wiesen sind ein idyllisches Plätzchen in Berlin-Spandau. Umschlossen von Wald und Wasser, findet man hier einen für Berliner Verhältnisse großen Artenreichtum an Tieren und Pflanzen. Vögel zwitschern, Insekten schwirren, und hin und wieder fliegt ein Reiher vorbei. Bei näherer Betrachtung entdeckt der Spaziergänger ein Tier, das eigentlich nicht in diese Umgebung passt. Mitten auf den Feuchtwiesen grasen Asiatische Wasserbüffel. Die massigen, schwarzen Tiere mit ihren großen, geschwungenen Hörnern bieten schon von weitem einen imposanten Anblick. Die Zahlen sprechen für sich: Bis zu 900 Kilo kann ein Wasserbüffel-Bulle schwer werden, die Kühe erreichen ein Gewicht von etwa 700 Kilo.

In Brandenburg verkamen Flächen

Die Tiere gehören Helmut Querhammer und sind seit 2011 Bestandteil eines Projekts der Berliner Senatsverwaltung sowie einiger Bezirksämter zur natürlichen Beweidung von Landschaftsschutzgebieten. „Früher wurden die großen Wiesen gemäht, und das Gras wurde abtransportiert, was einen deutlich größeren Aufwand und entsprechende Kosten bedeutete“, erläutert der Züchter. Die Idee der natürlichen Beweidung entstand vor 25 Jahren. Nach der Wende verkamen in Brandenburg immer mehr Grünflächen. Um diesen Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere zu bewahren, begann man, diese Flächen mit Galloway- Rindern zu beweiden. Querhammer hat heute 45 Kühe samt Nachkommen. Vor sechs Jahren kamen die Wasserbüffel dazu.

In ihren Suhlen leben Amphibien

Zurzeit residiert eine Herde von sechs Tieren auf dem 15 Hektar großen, eingezäunten Areal in Spandau. Franz, der Bulle, und seine fünf Kühe grasen hier seit Beginn des Projekts. Warum Wasserbüffel? Hätten es normale Rinder nicht auch getan? „Die Tiefwerder Wiesen sind als Teil des ehemaligen Flussdeltas der Spree sehr feucht und morastig“, erklärt Querhammer. „Normale Rinder kämen auf diesem Terrain nicht gut voran.“ Sie seien auf anspruchsvolles Futter angewiesen. „Wasserbüffel hingegen, die neben dem Afrikanischen Kaffernbüffel auch die einzigen echten Büffel sind, kennen dieses Problem nicht.“ Die robusten Tiere sind als Wiederkäuer in der Lage, das Gras optimal zu verwerten. Das hat den Vorteil, dass im Sommer kein Zufüttern erforderlich ist: „Sie können sich auch von minderwertigem Futter wie Schilf gut ernähren. Ferner schaffen sie durch Anlage von Suhlen wichtige Lebensräume für Vögel, Insekten und Amphibien.“

Sie kühlen sich im Wasser ab

Zudem entsprechen die Feuchtwiesen ihrem natürlichen Lebensraum. „Der Büffel hat deutlich weniger Schweißdrüsen als ein Rind und muss sich somit, wenn es ihm zu warm wird, regelmäßig im Wasser abkühlen.“ Das passiert häufig schon bei Temperaturen von etwa 20 Grad. Weitere Herden Querhammers weiden in einem anderen Feuchtgebiet, dem Tegeler Fließ in Reinickendorf. Er hat 15 Wasserbüffelkühe, deren Nachkommen und zwei Zuchtbullen. Für den Winter werden die Tiere nach Potsdam-Fahrland umgesiedelt. Dort halten sie sich im Freien auf, können sich aber in Ställe zurückziehen. Diese Option nehmen sie aufgrund ihres dünnen Fells gerne in Anspruch. Zudem werden sie mit Heu gefüttert. Muss man die Büffel für den Transport ruhigstellen? Helmut Querhammer lacht: „Nein. Die Büffel sind mittlerweile so routiniert, dass sie den Ablauf kennen. Wenn wir mit dem Hänger kommen, dann stehen sie schon vorne an.“

Streicheleinheiten kommen gut an

Man müsse nur darauf achten, dass die Tiere zusammen transportiert werden, die sich auch verstehen. „Auch wenn man es nicht vermutet, sie haben jeder für sich eine eigene Persönlichkeit.“ Sie wollten eine persönliche Ansprache. Daher gebe er ihnen Namen, das führe zu einer emotionalen Bindung zu den Tieren, vor allem bei älteren Herden. Wenn er ruft, kommen sie zu ihm. Sie werden gerne gestreichelt, genießen die Nähe vertrauter Personen und sind im Allgemeinen friedfertige Tiere. „Dennoch sollte man als Unbekannter vor allem den Kühen nicht zu nahe kommen, da das den Bullen nur unnötig provozieren würde“, warnt Querhammer. „Zudem sind sie sich ihrer Masse nicht bewusst. Selbst wenn sie also nur neugierig sind, kann es passieren, dass sie einen Menschen verletzen.“

Ihnen steht ein schlimmeres Schicksal bevor

Die in den Tiefwerder Wiesen beheimatete Fauna nimmt keinen Schaden durch das Projekt, ganz im Gegenteil: „In den ersten zwei Jahren war es so, dass den Wildschweinen das etwas unheimlich war mit den Büffeln“, sagt Querhammer. Mittlerweile haben aber auch sie sich an die fremden Nachbarn gewöhnt.“ Um Inzest zu vermeiden, werden die weiblichen Kälber im Alter von einem Jahr von der Herde getrennt, damit sie nicht vom Leitbullen besprungen werden. Sie werden verkauft oder in neue Herden eingegliedert. Ein erwachsenes Tier kostet bis zu 1500 Euro. Den männlichen Kälbern steht ein schlimmeres Schicksal bevor. Wie bei freilebenden Büffeln werden junge Bullen aussortiert: Sind sie groß genug, stellen sie eine Konkurrenz für den Leitbullen dar. Dieser Konflikt endet in der Natur nicht selten tödlich. Einmal aus der Herde herausgenommen, werden die domestizierten Tiere entweder geschlachtet, sobald sie ein gewisses Alter erreicht haben, oder mit ihnen wird eine neue Herde gegründet. Für einen Zuchtbullen zahlt man 2500 Euro.

Sein Motiv sei Idealismus

Das hochwertige Fleisch verkauft Querhammer auf seinem Hof in der Döberitzer Heide. Geschmacklich sei das etwas Besonderes, fett- und cholesterinarm. Die Haltung der Büffel sei zwar verhältnismäßig einfach, doch das entbinde den Halter nicht von täglichen Kontrollen. So müssten die Zäune instand gehalten und die Tiere auf Krankheiten und Verletzungen untersucht werden. Das Projekt in Berlin sei „gerade einmal kostendeckend“, die Haltung der Galloway-Rinder auf den großen Flächen in Brandenburg sei deutlich wirtschaftlicher. Die Büffel halte er aus Idealismus: „Es ist mir wichtig, dem Städter landwirtschaftliche Tierhaltung nahezubringen und dabei kostengünstig und naturschutzfachlich hochwertige natürliche Lebensräume zu pflegen.“

Quelle: F.A.Z.
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