Berliner Industriekultur

Alte Fabriken mit neuem Flair

Von Antonia Selina Breer, Katholische Schule Liebfrauen, Berlin
 - 17:06

Es dampft, zischt und riecht nach Öl – die vorgeführte zweizylindrige Dampfmaschine zieht die Aufmerksamkeit der staunenden Besucher fast magisch an. Das Deutsche Technikmuseum in Berlin bietet bereits in der Eingangshalle einen lebendigen Einblick in die deutsche Technikgeschichte. Der Neubau des Foyers fügt sich mit dem dahinterliegenden historischen Gebäude zu einer spannungsvollen Einheit. „Die besondere Atmosphäre und der besondere Charakter der ehemaligen Industriebauten tragen dazu bei, dass man hier etwas Unverwechselbares vorfindet“, sagt Joseph Hoppe, stellvertretender Direktor der Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin. Hoppe ist ebenso Mitinitiator des Berliner Zentrums für Industriekultur (bzi). „Wir versuchen die Berliner Industriekultur ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.“

Der erste U-Bahn-Tunnel Deutschlands

Berlin war Ende des 19. Jahrhunderts eine der größten Industriemetropolen Europas. Heute ist die Stadt ein wichtiger Standort für Zukunftstechnologien. „Der ehemalige Standort für die Industrie hat vielerorts Spuren hinterlassen: Industrielle Bauten prägen das Stadtbild in allen Bezirken“, erklärt Hoppe. Ob der AEG-Versuchstunnel in Berlin-Mitte, also der erste U-Bahn-Tunnel Deutschlands, der Gasometer Fichtebunker in Kreuzberg oder das Tempelhofer Feld mit dem alten Flughafengebäude – all dies ist Teil einer einmaligen Architekturgeschichte. Für den Fortbestand dieses Erbes setzt sich das bzi ein. „Die Stadt Berlin als Kommune entdeckt gerade erst den Wert dieser besonderen Baulichkeiten“, bemerkt Hoppe. Zahlreiche noch nicht umgenutzte Bauten werden in Zukunft in einem neuen Projekt „Route der Industriekultur“ innerhalb von Führungen öffentlich zugänglich sein. Der AEG-Versuchstunnel, das Haus des Rundfunks, das heute den Rundfunk Berlin Brandenburg beherbergt, oder die KulturBrauerei stehen exemplarisch für die Technik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte Berlins und sind Teil der Route. „Wir versuchen darüber hinaus im Bedarfsfall städtebaulich sinnvolle Nachnutzungen leerstehender Gebäude zu entwickeln, damit die diffizilen Objekte eine neue Zukunft bekommen“, sagt der Professor.

Wo Kabel und Wissen produziert werden

„Bis jetzt wurden diese Locations von vielen Start-ups und für Events genutzt. Allerdings blieb dabei die besondere Geschichte dieser Orte oft im Hintergrund“, bedauert er. Bei der Malzfabrik in Schöneberg ist dies besser berücksichtigt worden: Der sechsstöckige Industriekomplex sticht schon von weitem mit seinen riesigen Schornsteinen ins Auge. Die gründerzeitliche Produktionsstätte ist heute ein Ort der Kreativität und Kultur. So kann man Räume für Veranstaltungen buchen oder auf dem „Malztrödel“ Dinge in historischem Ambiente kaufen oder verkaufen. Außerdem gibt es die Möglichkeit, an Führungen zur Bauwerksgeschichte und zum Ablauf der Mälzerei teilzunehmen. Ein weiteres Beispiel gelungener Nachnutzung stellen für Hoppe das Kabelwerk Oberspree (KWO) und die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) dar. Früher war dies eine hochkomplexe Fabrikanlage und bedeutender Standort der Berliner Elektropolis. Über eine Strecke von drei Kilometern erstrecken sich gelbe Ziegelbauten. Dieses Industrieband wird heute recht unterschiedlich genutzt: Einige Industriekerne sind noch immer in Betrieb, es werden weiterhin Kabel produziert, und neuerdings wird auch Wissen produziert. Finden sich noch an einer Stelle Reste der Kabelindustrie, so ist die HTW an anderer Stelle ansässig. „Der Geist der Geburtsstätte der Elektroindustrie wird mit der Architekturgeschichte weitergetragen und durch die HTW nachgenutzt.“ Die inspirierende Atmosphäre und besondere Szenerie sei Schlüsselpotential für die künftige Entwicklung. Außerdem verändere die Nachnutzung der viergeschossigen Drahtfabrik die Wahrnehmung. Genau dies ist auch eine Chance, die das Projekt der Industriekultur ermöglicht. „Im Zuge der Industriekultur gibt es eine Aufwertung von gewissen Stadtbereichen, die bisher nicht so im Augenmerk des touristischen Besuchers standen“, erklärt Hoppe.

Für ihn ist das fast schon romantisch

„Ich glaube, dass die industriellen Bauten auch eine immense Ressource für ökonomisch interessante Investitionen darstellen“, meint Hoppe. Bekanntermaßen wächst Berlin und braucht dringend neue Wohnungen. Der große Bestand an historischen Industriebauten bietet Raum. Beispielsweise entstanden in der Mälzerei Pankow bei einer Sanierung Eigentumswohnungen. Wohnungen in ehemaligen Industrieanlagen sind durch die besonderen Raumstrukturen, Höhen und die ziegelschichtigen Mauern gekennzeichnet. „Das hat ein besonderes Flair, weil das ja so burgenähnlich aussieht. Dadurch entsteht eine gewisse Ausstrahlung, die fast schon romantisch ist“, schwärmt Erik Rossnagel, Eigentümer und Bewohner einer dieser Wohnungen. Außergewöhnlich sind die zahlreichen Rundbogenfenster und die Farben des roten und gelben Klinkers. „Das bewirkt eine angenehme Atmosphäre, auch bei schlechtem Wetter“, sagt Rossnagel.

Anderen Orten droht der Abriss

Im Gegensatz dazu droht an einigen Orten der zunehmende Verfall oder sogar der Abriss. Der Rundlokschuppen in Pankow-Heinersdorf ist über die Jahre in einen ruinösen Zustand verfallen. Das mächtige, kreisrunde Gebäude fällt von außen nicht mehr durch sein charakteristisches Kuppeldach, sondern durch die löchrige Dachkonstruktion auf. In der riesigen, leeren Rundhalle hört man nur das Pfeifen des Windes durch die kaputten Fenster. Das sei schon irgendwie ein Angriff auf die eigene kulturelle Identität, bedauern einige Nachbarn. Früher wurden in dem markanten Gebäude Loks über die sternförmig abführenden Abstellgleise rangiert. Heute gibt es in ganz Deutschland nur noch zwei Bauten dieser Art. „Bei solchen Objekten ist das ganz große Problem, dass sie sich in privater Eigentümerschaft befinden“, erklärt Hoppe. „Dort hat man von öffentlicher Seite sehr wenige Möglichkeiten, zu beeinflussen, was mit dem Gebäude geschieht.“ Er hofft darauf, dass öffentliche Diskussionen zu einem Umdenken führen.

Quelle: F.A.Z.
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