Bestattungen von Amts wegen

Niemand erweist dem Toten die letzte Ehre

Von Laurenz Gaigl, Asam-Gymnasium, München
 - 11:01

Auf den ersten Blick ist alles so wie immer. Der Priester geht durch die Aussegnungshalle im Münchner Ostfriedhof und verneigt sich vor dem Sarg. Im Hintergrund spielt ein Ave Maria. Nach dem Lied bleibt sein Blick aber weiterhin auf den Verstorbenen gerichtet, anstatt sich wie üblich in den Raum zu wenden. Wen soll er auch begrüßen? Es ist niemand gekommen, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Es ist eine Bestattung von Amts wegen. Im Jahr 2017 musste die Stadt München 605 solcher Bestattungen durchführen. Auftraggeberin ist Sigrid Diether, Leiterin des Sachgebietes „Bestattungen von Amts wegen“ der Städtischen Friedhöfe München. Ihr Büro liegt in einem schönen Altbau in der Innenstadt. Auf ihrem Schreibtisch landen alle Fälle, bei denen in München jemand stirbt und niemand eine Bestattung in Auftrag gibt.

Persönliche oder finanzielle Gründe

Zwischen Stapeln von Akten rekonstruiert die dunkelhaarige, seriös gekleidete Frau mit der unscheinbaren Brille seit 23 Jahren Leben, Wünsche und Netzwerke der Verstorbenen. Mit Hilfe ihrer vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter versucht sie, Angehörige der Verstorbenen ausfindig zu machen, diesen gegebenenfalls die Todesnachricht zu überbringen und sie davon zu überzeugen, eine Bestattung zu organisieren. Finden sich keine Angehörigen oder weigern sie sich aus persönlichen oder finanziellen Gründen, ihrer gesetzlichen Pflicht nachzukommen, kommt es zu einer Bestattung von Amts wegen. Bei dieser Aufgabe kommt Diether mit unterschiedlichsten Menschen in Kontakt: „Die Bestattungen von Amts wegen sind aber nicht auf einen bestimmten Personenkreis festgeschrieben“, betont Diether, „die Bestattungen führen wir in allen Gesellschaftsschichten durch.“

Mit Suchanzeigen in Tageszeitungen

Das Ziel ihrer Arbeit sieht sie darin, den Verstorbenen eine würdevolle Bestattung zu ermöglichen. Außerdem liege es im Interesse der Stadt, die Kosten für das Begräbnis erstattet zu bekommen. Ob ein Angehöriger aus persönlichen Gründen, etwa einem zerbrochenen Familienverhältnis, die Bezahlung der Bestattung verweigern darf, entscheidet der Sozialhilfeträger. Gibt er der Weigerung statt, zahlt der Staat und somit der Steuerzahler. Neben gängigen Kommunikationsmöglichkeiten erweisen sich Suchanzeigen in den Münchner Tageszeitungen als große Hilfe bei der Suche nach Angehörigen. Jeden Dienstag und Donnerstag wird dort nach sachdienlichen Hinweisen zu den genannten Verstorbenen gesucht. Ziel ist es, das soziale Umfeld der Verstorbenen anzusprechen sowie Informationen zu den Verstorbenen zu erhalten.

Anonymität der Metropole macht das komplizierter

In insgesamt dreiundvierzig Prozent der Fälle können laut Diether Angehörige ausfindig gemacht werden, die sich dazu bereit erklären, eine Bestattung zu organisieren. Außerdem kann sich herausstellen, dass bereits zu Lebzeiten Vorsorgeverträge erstellt wurden, in denen sich die Verstorbenen um ihre Bestattung gekümmert haben. Trotz immer besserer Hilfsmittel sei die Anzahl an Bestattungen von Amts wegen in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Dies ist laut Diether verschiedenen Umständen geschuldet. Eine Ursache sei das sogenannte „Großstadtphänomen“. Die Anonymität in der Metropole mache die Suche deutlich komplizierter. Das theoretische Wissen um die Namen helfe bei der praktischen Suche oft auch nicht weiter, wenn die Angehörigen zum Beispiel über die ganze Welt verstreut seien und beispielsweise sprachliche Hürden zu überwinden seien. Andererseits werden die Verstorbenen immer älter, weshalb es in vielen Fällen keine Verwandten mehr gibt. „Das zieht sich durch alle sozialen Schichten“, sagt Diether, „es ist einfach keiner mehr da.“

Einige Schicksale sind im Gedächtnis geblieben

Der Gesellschaft wird das Ausmaß dieser Einsamkeit – wenn überhaupt – erst durch ein Ereignis wie den Tod bewusst. Sie begegnet ihr in Gestalt von zerrütteten Familienverhältnissen, von fehlender Kommunikation, von verzweifelten Alleinerziehenden und entmutigten Alleingelassenen. Einige dieser Schicksale sind Sigrid Diether besonders im Gedächtnis geblieben. Berührt erinnert sie sich an eine junge Mutter, die davon überfordert war, die Bestattung ihres verstorbenen Kindes zu organisieren, an einen Vater, der vom Zigarettenholen nie zurückgekommen ist, oder an Angehörige, die beim Überbringen der Todesnachricht zusammenbrachen.

Sensibler Umgang und ausreichend Zeit

Sofern die Angehörigen im Zuge der Recherche namentlich zugeordnet werden können, wird die Todesnachricht per Brief überbracht. Diether hat die Erfahrung gemacht, dass es den Betroffenen wichtig ist, etwas Handfestes zu erhalten, um die Gewissheit zu haben, dass es sich nicht um einen schlechten Scherz handelt. Wird die Todesnachricht aber per Telefon überbracht, fungieren Diether und ihre Kollegen auch als erste Ansprechpartner. Um seelischen Beistand zu leisten, seien ein sensibler Umgang sowie ausreichend Zeit nötig, die sich Diether und ihr Team auch nehmen. Wirklich nahe gehen Diether die Fälle, in denen Kinder verstorben sind oder als Waisen zurückbleiben. Die Frage, ob sie ihre Arbeit auch nach dem Dienst belaste, verneint sie aber klar. „Zwischen Arbeit und Privatem kann ich gut unterscheiden.“ Zu den schönen Momenten ihrer Arbeit gehört es, wenn sich Angehörige, die von Diether gefunden wurden, selbst um die Bestattung kümmern. Dann wird die Aussegnungshalle auch nicht leer sein.

Quelle: F.A.Z.
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