Jugend schreibt
Braveheartbattle

Im wilden Lauf über Beton und Stroh

Von Elena Glüber, Marienschule, Fulda
© Christopher Fellehner, F.A.Z.

Drei“ – noch einmal überprüfen, ob die Schuhe gebunden sind. „Zwei“ – ein lauter Schrei, um sich und die anderen zu motivieren. „Eins“ – ein letzter nervöser Blick nach vorne auf die Strecke, und dann ertönt der Schuss. Das Startsignal für die über mehr als 2000 Läufer, die sich an diesem sonnigen Frühjahrsmorgen aus ganz Deutschland auf den Weg nach Bischofsheim in der bayrischen Rhön gemacht haben. Unter ihnen ist Daniel Latzel aus Fulda, der die drei Schritte als festes Ritual vor dem Start sieht. Für ihn gehören sie dazu, sind Teil des Wettkampfs. Er geht zum vierten Mal den „Weg durch die Hölle“, wie der Lauf auch genannt wird. Ein 24 Kilometer langer Extrem-Hindernislauf, bei dem die Läufer 32 Hindernisse erwarten. Doch das Braveheartbattle ist viel mehr. Es ist ein Kampf gegen Erschöpfung und Kälte, ein Kampf gegen den eigenen Körper, bei dem die Läufer an ihre Grenzen gehen und auch darüber hinaus.

Er stürzt in den Matsch

Daniel startet an zweiter Position in das Rennen. „Ich will gewinnen oder zumindest einen Podiumsplatz.“ Einen Plan B gibt es nicht. Aber gerade der Anfang macht ihm zu schaffen. Nach dem Wettkampf erklärt der 30-Jährige, dass er die steile Strecke nicht gewohnt ist, die sich quer durch den Wald schlängelt. Die Hindernisse sind für ihn ein kleineres Problem als die 1200 Höhenmeter, die zu bezwingen sind. Schwer atmend erreicht er die Schlammgrube. An Position zwei stürzt er sich wenige Sekunden hinter dem Führenden in den Matsch. Seine Kleidung saugt das Wasser auf. Trotz der Anstrengung beginnt er bei sieben Grad Außentemperatur zu zittern. Zum Anhalten und Kraftschöpfen bleibt keine Zeit. Die Verfolger sind ihm dicht auf den Fersen. Es geht weiter – robbend unterhalb von Stacheldrahtzäunen entlang, schwimmend durch einen eiskalten Fluss und kriechend unter Bundeswehr-Trucks hindurch.

Einige Läufer torkeln

Mit aufgeschürften, blutigen Knien und zerrissenem T-Shirt erreicht Daniel das Zentrum der Kleinstadt Bischofsheim. Dort hat er 15 Kilometer hinter sich und ist nach kurzer Zeit an der Spitze auf den dritten Platz zurückgefallen. Diesen will er unbedingt halten, obwohl er mit seinem Trainingsstand nicht zufrieden ist, wie er hinterher anmerkt. Eine Erkältung hat ihn um Wochen zurückgeworfen; die Angst zu scheitern ist groß. „Doch für Zweifel ist nicht der richtige Zeitpunkt.“

Die Zuschauer am Rand der Strecke jubeln, fotografieren und feuern die Läufer an. Immer mehr Teilnehmer haben Schwierigkeiten, die Hindernisse zu überwinden. Einige torkeln, rutschen aus und fallen hin. Sie haben 79 Euro für den Start ausgegeben, das Ziel können sie nicht mehr erreichen, dazu reicht die Kraft nicht mehr. Anders ist es bei der Spitzengruppe. Die Muskeln, die sich deutlich unter Daniels T-Shirt und seinen zahlreichen Tattoos abzeichnen, zeugen von den zehn Trainingseinheiten, die er neben seinem Beruf als Lagerist wöchentlich absolviert. Hobby und Beruf lassen sich für ihn immer irgendwie vereinbaren. „Der Sport ist für mich eine Lebenseinstellung, ohne geht es nicht.“ Etliche Laufkilometer und Stunden im Fitnessstudio bewähren sich, als er über die Betonmauer am Ortseingang springt.

Klar, ist man dann enttäuscht

Das nächste Hindernis ist eine besondere Herausforderung: Erst geht es durch einen Container mit Wasser, danach durch Sägespäne. Diese fliegen ihm ins Gesicht, verfangen sich in seinen dunkelbraunen Haaren. Er hustet, seine Augen brennen. Ein Zuschauer hält ein Schild hoch, auf dem steht: „Stehen bleiben ist auch keine Lösung.“ Daniel kämpft sich weiter, fällt zurück auf Platz vier, fünf, sechs. Aber er gibt nicht auf. Sein Ziel ist die erneute Teilnahme an der Europameisterschaft. Im vergangenen Jahr konnte er sich qualifizieren, aber beim viertletzten Hindernis verließ ihn die Kraft, so war eine Plazierung in der Hauptwertung nicht mehr möglich. Statt als Finisher auf dem Siegertreppchen zu stehen, musste er sich mit der B-Wertung zufriedengeben, die alle Teilnehmer umfasst, die bei mindestens einem Hindernis gescheitert sind. „Klar ist man enttäuscht. Da kommt man so weit, trainiert wie besessen, und am Ende versagt kurz vor dem Ziel die Kraft.“

Sein Bruder gibt ihm Kraft

In Bischofsheim sind die Regeln weniger streng. Hindernisse dürfen nach einem Scheitern doppelt durchlaufen werden, und einige Läufer umgehen diese, ohne dafür eine Zeitstrafe zu bekommen. Daniel äußert sich darüber mit Empörung. Er ist stets auf einen fairen Wettkampf bedacht. Obwohl die Starter Konkurrenten sind, steht für ihn der Spaß und der Reiz, ans eigene Limit zu gehen, im Vordergrund. Als die Kirchturmuhr 13 Uhr schlägt, springt Daniel gerade über auf dem Boden liegende Autoreifen. Der Duft von Bratwürsten begleitet den Läufer in Richtung des acht Meter hohen Strohbergs, der auf dem Marktplatz aufgebaut ist. Daniel erklimmt diesen mit scheinbarer Leichtigkeit, doch das reicht nicht aus, um den Abstand zwischen ihm und den Führenden zu verringern. Im Publikum entdeckt der mittelgroße Mann seinen Bruder, der ihn anfeuert. Das gibt noch einmal Kraft, der Läufer erhöht die Geschwindigkeit. Diese Unterstützung bedeutet ihm viel, weil die beiden oft auch gemeinsam an den Start gehen.

Er sprintet den letzten Berg hoch

Angefangen hat Daniel mit dem Laufen im Alter von etwa 15 Jahren. Zuvor spielte er Fußball und ging ab und zu zum Leichtathletiktraining. Seit fünf Jahren nimmt er an den Extremläufen teil. Die Variation zwischen Hindernissen und reiner Laufstrecke gefallen ihm: „Die extremen 24 Kilometer beanspruchen den Körper viel mehr, als wenn man ohne Hindernisse oder auf einer ebenen Strecke läuft.“ Daniel hat 20 Kilometer hinter sich. Seine anfängliche Motivation ist dem Gefühl völliger Erschöpfung gewichen. Er spürt seinen Körper kaum noch, wie er später sagt, sammelt letzte Reserven, erhöht noch einmal das Tempo und sprintet den letzten Berg nach oben zum Ziel: Platz 6 in knapp zweieinhalb Stunden. Eigentlich ein super Ergebnis, dennoch ist ihm die Enttäuschung anzusehen. „Ich war dieses Mal so lange Teil der Führungsgruppe, den dritten Platz hätte ich gerne gehalten. Jetzt bin ich einfach nur froh, angekommen zu sein und ohne Verletzungen im Ziel zu stehen.“

Quelle: F.A.Z.
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