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Currywurst

Berliner Currykult

Von Paula Schnauder, Katholische Schule Liebfrauen, Berlin
 - 12:53

Es ist ein regnerischer Tag in Berlin. Auf dem breiten Boulevard am Mehringdamm in Kreuzberg sieht man nur vereinzelt Passanten. Vor der Hausnummer 36 stehen aber viele Menschen Schlange. Unter ihnen ist Helga Bertholdy. „Hier schmeckt’s schon immer und jedes Mal aufs Neue einfach lecker“, schwärmt sie und zeigt auf das Ausgabefenster, durch das Currywürste im Sekundentakt über den Tresen wandern und den Geruch von Fleisch und Fett verbreiten. „Für diesen Geschmack stelle ich mich auch gerne mal im Regen an“, erklärt sie.

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Bei Regen strömen Stammkunden

Curry 36 gilt als Kultimbiss. Kein Reiseführer versäumt es, ihn den Touristen zu empfehlen. An Regentagen wie diesem steht allerdings überwiegend die Stammkundschaft an. 1980 kaufte der studierte Maschinenbauer Lutz Michael Stenschke den Imbisswagen „Wurstmaxe“, der damals vor dem Eingang zum Haus Mehringdamm 36 stand, einem Bekannten ab. Stenschke hatte es imponiert, dass dieser sich von den Einnahmen aus dem Imbiss einen Mercedes leisten konnte. „Für ihn war das ein erstrebenswertes Statussymbol, und so plante er, die Kulinarik der mit Berlin verbundenen Currywurst zu seinem Hauptberuf zu machen“, erklärt Mirko Großmann, studierter Sportwissenschaftler und Stenschkes Schwiegersohn. Als der junge Mann vor sechs Jahren mit seiner Frau nach dem Studium zurück nach Berlin zog, übernahm er einen Teil der Geschäftsleitung. Heute ist er für Kundenkommunikation, Marketing und die Betreuung der knapp 40 Mitarbeiter zuständig. Auch der Catering-Service fällt in seinen Aufgabenbereich.

Wiedererkennungswert auf Festivals

Mittlerweile gibt es den Imbisswagen nicht mehr, der ist am Mehringdamm 36 in das heute 220 Quadratmeter große Gewerbe „hineingewachsen“. Dieses besteht zum einen aus dem mit zwölf Quadratmetern eher kleinen Raum mit dem offenen Tresen zum Mehringdamm, an dem man seine Currywurst bestellt. Hier geht es immer hektisch zu. Zum anderen erstrecken sich nach hinten mehrere Räume, die als Lager- und Trockenräume dienen. Die dort aufbewahrten Utensilien sind alle mit dem Label von Curry 36 versehen, sei es durch Gravur oder Druck, wie etwa auf den Servietten. „Wir legen viel Wert darauf, dass es auf Festivals oder beim Catering zu einem gewissen Wiedererkennungswert kommt“, erklärt Großmann.

Filiale in Charlottenburg

Trotz des Erfolges dachte man lange nicht an Expansion. Erst vor fünf Jahren wurde am Hardenbergplatz in Charlottenburg eine zweite Filiale von Curry 36 in Betrieb genommen. An jedem Stand gehen laut Großmann täglich Wurstzahlen im vierstelligen Bereich über den Tresen. Curry 36 hat von 9 Uhr bis 5 Uhr geöffnet, und das 365 Tage im Jahr. Nur an drei Terminen gibt es eingeschränkte Öffnungszeiten. „Bis Ende 2018 ist noch eine weitere Filiale in Berlin geplant“, sagt Großmann. „Vorerst wollen wir ein Berliner Unternehmen bleiben. Nur wenn es dazu kommen sollte, dass jemand mit Fachwissen unser Konzept genauso, wie es hier der Fall ist, in einem anderen Bundesland Deutschlands vertreten kann, könnten wir uns Curry 36 auch außerhalb Berlins vorstellen.“ Es gibt aber mobile Stände für Veranstaltungen einiger Kooperationspartner wie der Lufthansa, dem Maxim- Gorki-Theater oder dem Bürgerfest des Bundespräsidenten.

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Wurst mit Darm für 1,80 Euro

„Auf diesen Events lernt man auch immer eine gewisse Prominenz aus den diversen Bereichen des öffentlichen Lebens kennen“, sagt Großmann. Auch am Imbiss selbst habe man bereits Klaus Wowereit, Sebastian Vettel oder Joachim Gauck gesehen, wie sie genüsslich ihre Currywurst verzehrten. Die Beliebtheit der Currywurst in Berlin erklärt der Unternehmer mit der besonderen Marktsituation in der Hauptstadt. „Berlin hat deutschlandweit noch die niedrigsten Preise in der Gastronomie, und man kann die Currywurst vergleichsweise günstig bekommen.“ So bietet Curry 36 die Wurst mit Darm für 1,80 Euro und die Pommes Frites dazu für 1,60 Euro an. Außerdem gelte Berlin als die Stadt, in der die Currywurst 1949 von Herta Heuwer erfunden wurde.

Ohne Kokosraspeln und Gourmet-Sauce

Für viele hat inzwischen auch die Wurst von Curry 36 den Charakter eines Originalprodukts, weil sie schon seit 37 Jahren vertrieben wird, so auch für Otto Stahler. „Die Wurst schmeckt, seit ich herkomme – und das sind sicherlich schon 20, 25 Jahre – immer gleich, also natürlich immer gleich gut“, bestätigt der 67-Jährige. Genau das ist laut Großmann ein Teil des Erfolgsrezepts des Unternehmens. „Wir haben immer an den Grundkomponenten festgehalten und diese nur behutsam weiterentwickelt“, erklärt er und beschreibt gleichzeitig das, was er als Problem vieler Quereinsteiger sieht. Diese versuchten oft, ihr Produkt besonders zu machen und sich von anderen Anbietern abzuheben, sei es mit Kokosraspeln, besonderen Gourmet-Saucen oder gar Blattgold. So gehe das Originale verloren. Daher dominiert bei ihm immer noch die ursprüngliche Wurst, die Currywurst mit Darm. Um stets denselben Geschmack zu bewahren, lässt man eigene Gewürzmischungen und Ketchups herstellen. Jede Woche werden etwa zwei Tonnen Ketchup verbraucht.

Seit Frühjahr gibt es eine vegane Currywurst

Ab Ende April 2017 gibt es aber etwas Neues auf der Karte: eine vegane Currywurst, die der echten zum Verwechseln ähnlich schmecken soll. „Wir wissen um die Zunahme der vegetarisch und vegan lebenden Bevölkerung in Deutschland, und es ist uns wichtig, das Sortiment daran anzupassen“, begründet Großmann die Entscheidung.

Wer seine Currywurst nur ungern von Pappe isst, kann seit einiger Zeit für 59 Euro eine Nachbildung der gefältelten Schale aus edlem Porzellan erwerben. Diese stammt aus der Kooperation mit der Königlichen Porzellan Manufaktur, die 2015 zum 225-jährigen Jubiläum der Traditionsfirma entstanden ist. „Die KPM ist da auf uns zugekommen, weil sie etwas an ihrem Image als altbackener Firma machen wollte“, erklärt Großmann. Seitdem werden Currywurstschalen der Kurland-Serie in Geschenkpackungen mit Ketchup von Curry 36 vertrieben. „Es ist für uns eine große Ehre, und wir sind sehr stolz auf die Kooperation, weil die KPM eine typische Berliner Manufaktur ist, die gerade mit dem Königlichen etwas ganz Besonderes hat.“ Die Verbindung der einfachen Currywurst mit dem Königlichen hat beiden Unternehmen nicht geschadet; denn niemand habe damit gerechnet, dass die Currywurstschale nun eines der erfolgreichsten Produkte der KPM seit drei Jahrzehnten sei.

Logo-Print für Shirt und Pulli

Sollte auch ein künftiger Bundespräsident einmal Gelüste auf eine nicht ganz salonfähige Currywurst verspüren, aber keine Lust haben, am Mehringdamm im Regen Schlange zu stehen, kann er die First Lady im Schloss Bellevue zum Candlelight-Dinner bitten. Aus zwei standesgemäßen Kurland-Porzellanschalen mit Platinrand, mit zwei versilberten Piekern von Robbe und Berking zum Paketpreis von 196 Euro zu erstehen, können sie eine eingeweckte Curry-36-Biowurst mit würziger Sauce aus dem Einwegglas für je 2,80 Euro genießen, die der Geschenkpackung beigefügt ist. Auch für die passende Garderobe wäre gesorgt: Für sie das Curry-36-T-Shirt mit Logo-Print für 12 Euro und für ihn der passende Pullover für 20 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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