Dauercamperin

Fünf Liter zum Duschen

Von Lilly Roland, Berufskolleg des Märkischen Kreises, Iserlohn
 - 10:48

Andere träumen von einem halben Jahr Australien, ich habe immer davon geträumt, einmal das minimalistische Leben auszuprobieren.“ Anne Meckmann, die auf einem Campingplatz in Telgte im Münsterland gerade ihren Traum wahr werden lässt, verbringt den freien Nachmittag draußen unter einem grün-weiß gestreiften Pavillon. Dort sitzt sie auf einem Plastikstuhl, vor sich eine Tasse Kaffee auf dem Gartentisch, und häkelt. Ein paar Meter weiter steht ihr sogenanntes Eigenheim: Seit dem 1. März lebt die 31-jährige angehende Lehrerin mit ihrem Jack-Russell-Terrier Remmi in einem zehn Quadratmeter großen Wohnwagen, den sie vor ein paar Jahren von ihrer Cousine geschenkt bekam. Der Wohnwagen, der älter ist als sie selbst, ist Annes „altes Schätzchen“, an dem sie lange gearbeitet hat. Immer, wenn etwas Geld und Zeit übrig war, hat sie innen etwas verändert und ihn so verschönert. „Es hat Bock gemacht, daran herumzuwerkeln.“ Die Wände hat sie gelb gestrichen, das Holz von dunkelbraun auf weiß lackiert und auf dem Boden Kunstrasen verlegt. „Das ist ganz praktisch.“ Vorhänge und Polster für das umbaufähige Bett oder Sofa hat ihre Mutter in den Farben Grün und Orange genäht. Auf dem Sofa liegen bunte, selbstgehäkelte Kissen.

Nach fünf Jahren Power-Studium

An der Mikrowelle, die aus Platzgründen an der Decke hängt, klebt ein von einem Kind gemaltes Bild. Meckmann ist ausgebildete Erzieherin und arbeitet in einem Kindergarten im Ortsteil Westbevern. Die 1,80 Meter große Frau hat Germanistik und Pädagogik studiert, mit dem Ziel, an einer Berufsschule zu unterrichten, und sollte eigentlich im März in ihr Referendariat starten. Aber nach fünf Jahren „Power-Studium“ habe sie sich dazu entschieden, eine Pause einzulegen und erst im November in ihr Referendariat zu gehen. Am 1. März zog sie aus ihrer Wohnung aus, um das Abenteuer Camping zu beginnen. Die Pferdeliebhaberin hat bloß einen kleinen Schrank in ihrem Wohnwagen, in dem sie Kleidung, Schuhe und Getränke verstaut. Es ist eine Kochstelle eingebaut, die Anne aber kaum nutzt. Mittags isst sie im Kindergarten, und abends gehört eine Fünf-Minuten-Terrine bei der begeisterten Camperin einfach dazu. Stolz erzählt sie, dass sie auch einen Toaster und ein Eisfach hat. Mit grünen Plastiktellern und orangem Campingbesteck passt die Kücheneinrichtung perfekt zum bunt eingerichteten Wohnwagen. Es gibt aber auch Porzellangeschirr. Vor dem Wagen ist ein braun-oranges Vorzelt aufgebaut, in dem ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen steht. Um die Stühle etwas aufzupeppen, hat Anne sie mit Zeitung beklebt.

Sie wäscht bei Freunden

Wenn man von dem Weg aus auf Annes 240 Quadratmeter großes Grundstück guckt, sieht man zuerst gar nicht den Wohnwagen, denn davor steht ihr Badehaus, das der Vorpächter errichtet hat. So ein separates Badehaus hat sonst keiner auf dem Campingplatz. Von außen ist es einfach nur schwarz, aber von innen sieht es mit weißen Fliesen und hellem Holz aus wie ein richtiges Badezimmer. „Das ist größer als mein altes WG-Badezimmer“, sagt die mit einer farbenfrohen Bluse bekleidete Frau. Im Badehaus befinden sich Dusche, Toilette und Waschbecken. Ein kleiner Makel ist, dass Anne zum Duschen nur fünf Liter Wasser hat, das soll aber bald verbessert werden. Eine Waschmaschine könnte sie anbringen, aber das hält sie im Moment nicht für nötig. „Waschen kann ich bei Freunden.“ Ihre Freunde unterstützen sie bei ihrem ungewöhnlichen Lebensstil und finden das Leben dort interessant. „Ich werde immer ausgelacht, weil ich den kleinsten Wagen, aber das größte Grundstück habe.“ Wegen des Badehauses, das über die Grenze gebaut wurde, bewohnt Anne zwei Stellplätze. Wenn man jedoch ihren Wohnwagen mit denen der anderen Camper vergleicht, sind alle anderen mindestens doppelt so groß.

Mehr Hunde als Camper

Den typischen Camper gebe es auf dem Campingplatz Sonnenwiese nicht. „Die sind alle aus verschiedenen Gründen hier.“ Viele kommen am Wochenende oder im Sommer, um dort Zeit zu verbringen. Samstags und sonntags sind deutlich mehr Kinder zu sehen. Grundsätzlich leben dort eher ältere Menschen, obwohl Anne gerne sagt: „Hier sind mehr Hunde als Camper.“ Es gibt hier auch Menschen, die der Typ Aussteiger sind. Das heißt, dass sie ohne Internet leben und nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen wollen. So lebt Anne nicht, sie bekommt oft Besuch von Freunden oder fährt zu ihnen. Auch in der Umgebung des Platzes fühlt sich die Frau mit den blonden Haaren, die sie zu einem lockeren Dutt zusammengebunden trägt, wohl. Er liegt nah an der Ems, wo sie gerne mit ihrem Hund spazieren geht, und es ist nicht weit zu dem Pferdestall, in dem ihr Pony steht. Allerdings gibt es keinen Bahnhof in der Nähe, und um mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, ist es zu weit. Daher muss die Camperin meistens auf ihr Auto zurückgreifen. Das ist etwas, was sie vermisst: einfach mal mit dem Drahtesel in die Stadt radeln. Was ihr auch fehlt, ist ein Backofen, denn in ihrer WG hat sie gerne gebacken: „Ich freue mich schon total darauf, wieder einen Backofen zu haben. Aber ansonsten genieße ich es hier total.“ Die Münsterländerin hat eine Wasser-Flatrate, kann also unbegrenzt Wasser nutzen, muss allerdings für den Strom extra bezahlen. Eine Gasheizung gibt es auch, die benutzt sie aber nicht. „Ich hab’ Angst vor Gas. Als ich eingezogen bin, war es nachts schon noch manchmal kalt. Aber dann war das ganz angenehm, wenn der Hund an den Füßen lag.“

Bei Regen ist es „schweinelaut“

Weit gereist ist der Wagen in letzter Zeit nicht mehr. Vor dem Einzug war Anne nur einmal für einige Tage mit ihrem „alten Schätzchen“ in Dänemark. Dennoch hat der Wohnwagen immer noch TÜV, darf also noch auf der Straße fahren. Die bunte Fahrradklingel neben der Tür soll allerdings nicht andere Verkehrsteilnehmer warnen, sondern wurde extra für Besucher angebracht. Benutzt hat sie aber noch keiner. Meistens verbringt Anne ihre Zeit sowieso draußen. Seit die Dauercamperin dort eingezogen ist, gab es auch schon ungemütliche Tage. Wenn der Wind von unten gegen den Wohnwagen drücke, sei das schon ein komisches Gefühl. „Es ist schweinelaut, wenn es regnet.“ Auch ihr Vorzelt ist noch nicht sturmsicher, denn es ist noch nicht richtig im Boden befestigt. Im Moment sei das kein Problem: „Gerade ist alles tutti.“ Auch vor Einbrüchen hat sie keine Angst. Wenn sie tagsüber im Kindergarten ist, bringt sie ihren Hund vorher immer zu ihrem Vater, der in der Nähe ihrer Arbeitsstelle lebt. Im November fängt Annes Referendariat an. Wo genau das sein wird, weiß sie noch nicht. Sicher ist aber, dass sie dann nicht mehr im Wohnwagen leben wird: „Dafür ist hier einfach zu wenig Platz.“ Wenn, dann brauchte sie einen größeren Wagen mit einem richtigen Arbeitsplatz, denn jeden Tag das Bett zum Tisch umzubauen, kommt für sie nicht in Frage.

Korrektur auf der Plastikbank

Um im Wohnwagen zu überwintern, brauchte sie einen Heizlüfter, um es auch an kalten Tagen gemütlich zu haben. Was sich die begeisterte Camperin aber vorstellen kann, ist, den Wohnwagen stehen zu lassen, um am Wochenende dort zu entspannen. „Meine Freunde finden das fast alle cool, wie ich hier lebe.“ Eine gute Freundin, die auch Lehrerin ist, kommt gerne nachmittags vorbei, setzt sich auf die weiße Plastikbank in die Sonne und korrigiert Klausuren.

Quelle: F.A.Z.
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