Jüdische Gemeinde Zagreb

Erzählen, um zu leben

Von Mark Misolić, Ivor Vrdoljak, 18.Gymnasium Zagreb
 - 15:22

Lea Kriesbacher ist nicht groß und doch kaum zu übersehen, denn sie trägt ein geradezu umwerfendes Lächeln im Gesicht. Immer nur ernsthaft zu sein führe zu Depression und Gewalt, sagt sie. „Natürlich sollte man Grundschülern nicht jeden Witz erzählen, aber man sollte bereits jungen Menschen mit Humor begegnen. Humor ist lebenswichtig.“ Lea Kriesbacher muss es wissen. Nicht so sehr, weil sie Witze aus dem Deutschen und Ungarischen ins Kroatische übersetzt. Die 90 Jahre alte Frau jüdischer Abstammung ist nur knapp in Budapest einem Transport ins Vernichtungslager Auschwitz und den Erschießungen am Ufer der Donau entwischt, wie sie lachend erzählt.

Ihre Schulfreundin Ruth Dajč, 91 Jahre alt, hat den Holocaust ebenfalls überlebt. Als Ruth Perl geboren, hieß sie nach der Hochzeit lange Deutsch, bis sie den Namen kroatisieren ließ. Ihr Vater wurde im Konzentrationslager Jasenovac, etwa 90 Kilometer südöstlich von Zagreb, ermordet. Ruth Dajč überlebte, weil sie sich in einer Kirche versteckte, von Nonnen gefunden und vom katholischen Bischof Alojzije Stepinac getauft wurde, um sie in einem Kloster vor weiterer Verfolgung zu schützen. Außer ihr hat nur die Mutter aus der Familie überlebt. „Mein Bruder war bei den Partisanen, deshalb kam meine Mutter ins Gefängnis und war noch dort, als die Deportationen durchgeführt wurden“, erklärt die weißhaarige Frau mit festem Blick. Von 1950 bis 1954 lebte sie in Israel, diente in der Armee, kehrte aber auch wegen ihrer erkrankten Mutter nach Kroatien zurück.

Vor dem unscheinbaren Haus steht ein Polizist

Für ihr Recht kämpfte sie lange vergeblich: „Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Atmosphäre für uns Juden in Jugoslawien auch nicht sehr angenehm.“ 1947 wurde die Fabrik ihres Vaters enteignet und später völlig zerstört. Erst 2012 hat sie das Gelände zurückerhalten. Dabei geht es ihr weniger um materielle Werte. „Man muss bescheiden leben“, sagt sie. „Ich habe als Kind zum Geburtstag Schuhe bekommen, die drei Nummern zu groß waren, damit ich sie lange tragen konnte.“ Dajč trägt einen Davidstern an ihrer Halskette, vor allem ein Ausdruck kultureller Zugehörigkeit, denn sie sieht sich als Atheistin. Das jüdische Gemeindezentrum in Zagreb befindet sich in einem unscheinbaren älteren Reihenhaus im Zentrum. Würde nicht eine dunkelbraune Kabine mit abgedunkelten Fensterscheiben vor der schweren Eingangstür und davor ein Polizist stehen, man würde einfach so vorbeilaufen. Über vier Stockwerke sind hier die Synagoge, Seminar- und Ausstellungsräume, aber auch ein großer, mit bequemen Möbeln ausgestatteter Begegnungsraum untergebracht.

Mit Lea Kriesbacher und Ruth Dajč treffen sich hier montags zwischen 10 und 12 Uhr 20 bis 30 ältere Frauen. „Es ist gleichzeitig ein Freundeskreis und Familienersatz“, sagt die 75-jährige Bojana Hodalić, „wir treffen uns hier, plaudern, und vielleicht einmal pro Monat besuchen wir eine Ausstellung oder machen einen Ausflug.“ In Vinkovci, im Osten Kroatiens hat Hodalić 30 Jahre als Ökonomin gelebt und gearbeitet. Nach dem Tod ihres Mannes, eines katholischen Kroaten, ist sie nach Zagreb gezogen. Ihre eigene Familie war im 19. Jahrhundert aus Deutschland nach Kroatien zugewandert. „Mit meiner Mutter wurde in der Familie Deutsch gesprochen“, erzählt sie. So wie Lea Kriesbacher und Ruth Dajč ist sie spontan bereit, das Gespräch in deutscher Sprache zu führen.

Als schicksalhafte Identität präsent

Bojana Hodalić wurde am 15. April 1941 in Zagreb geboren. „Im Mai 1941 wurden wir nach Belgrad ausgewiesen“, berichtet sie. „Das war für uns ein großes Glück, denn mehr als 50 unserer Familienmitglieder sind im Holocaust ums Leben gekommen. Nur meine Eltern und eine Großmutter haben überlebt.“ 1947 siedelt die Familie nach Osijek in Ostkroatien um. Über den Holocaust wurde in der Familie nicht gesprochen. „Aus Selbstschutz war das Thema tabu“, sagt Hodalić. „Aber jüdisches Leben spielte in der jugoslawischen Gesellschaft Titos auch keine Rolle.“ Ihrer Tochter, heute 52 Jahre alt, habe sie auch deshalb keine jüdische Tradition vermittelt. „Wir wollten sie nicht mit der Familiengeschichte belasten.“ Und doch war der jüdische Kontext in der Familie immer präsent, „aber nicht aus religiösen Gründen, sondern als schicksalhafte Identität“.

Auch deshalb kommt Hodalić montags zu den Clubtreffen in die Gemeinde. „Antisemitismus liegt wieder in der Luft, deshalb setze ich auf die jungen Menschen, die etwas dagegen tun müssten.“ Dann schweigt sie mit skeptischem Blick. Luciano Moše Prelević schweigt nicht. „Antisemitismus kommt zunehmend auch in der Öffentlichkeit vor“, sagt er. „Es gab schon ,Juden raus‘- und Hakenkreuz-Schmierereien.“ Als Nachkomme griechischer und polnischer Juden wurde der kräftig gebaute Mann 1953 in Zagreb geboren. Nach einem Studium als Bauingenieur in Zagreb und Split studierte er mit einem Stipendium der Zagreber Gemeinde von 1999 bis 2007 in Jerusalem und schloss mit einem Diplom als jüdischer Religionslehrer ab.

Überlebende sind nach Israel ausgewandert

Seit 2008 ist er Rabbiner der Gemeinde Zagreb, als erster Kroate nach dem Holocaust. Auch in öffentlichen Veranstaltungen tritt Prelević furchtlos auf und nimmt kein Blatt vor den Mund. Er ist immer wieder mit antijüdischen Klischees konfrontiert und arbeitet dagegen an: „In unserer Shoa-Akademie müssen wir auch schon mal erklären, dass Juden nicht das Blut kleiner Kinder trinken.“ So sieht er sich vor allem als Lehrer und Organisator des geistlichen Lebens der Gemeinde. Diese ist Trägerin eines Kindergartens und eines Altenheims. Außerdem ist Prelević Rabbiner von Montenegro. „Meine Aufgabe ist mehr politisch als religiös“, betont er.
Von 12 000 jüdischen Bürgern, die ehemals in Zagreb lebten, hätten nur etwa 3000 den Holocaust überlebt. Etwa die Hälfte davon sei nach Israel ausgewandert. „Während der sozialistischen Zeit wurde die Tradition dann zunehmend zerstört“, berichtet Prelević. Heute zähle die Gemeinde etwa 1000 Mitglieder, die sich vor allem kulturell zugehörig fühlten. Prelević sieht „keine Zukunft für die jüdische Gemeinde“, weil „die Unterstützung durch den Staat und die Stadt eher symbolisch ist, aber vor allem, weil wir keinen Nachwuchs haben“.

Zur jüngeren Generation, die nach dem Holocaust geboren wurde, gehört Biserka Krsnik. Die alleinerziehende 48-Jährige arbeitet in der Gemeinde, sie bedient Gäste und kümmert sich um die Raumpflege. „Oh, you survived?“, sei sie schon einmal von amerikanischen Touristen angesprochen worden, als ob der Holocaust in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stattgefunden hätte. Europäer, besonders deutsche Touristen, seien besser informiert. Biserka Krsnik selbst habe aber auch erst von ihrer eigenen Geschichte erfahren und nachgefragt, als sie begann, in der Gemeinde zu arbeiten. Die Urgroßmutter habe die Türen verschlossen und Fenster in den Zimmertüren verhängt, bevor sie ihre jüdische Tradition pflegte.

Mit 73 Jahren nach Dachau verschleppt und ermordet

Krsnik schreibt den Namen ihres Großvaters auf: „Josip Schwabenitz“, denn es ist ihr wichtig, den Namen des Vorfahren in richtiger Schreibweise zu dokumentieren. Der Großvater hat den Holocaust überlebt, habe sich aber zeit seines Lebens Vorwürfe gemacht, weil Jüngere vor seinen Augen ums Leben kamen. 40 Verwandte seien ermordet worden, vom acht Monate alten Baby bis hin zu uralten Greisen. Der Urgroßvater sei im Alter von 73 Jahren nach Dachau verschleppt und drei Tage nach der Ankunft ermordet worden. Sie wisse davon, weil sich „die Gefangenen in Dachau gegenseitig versprochen haben, im Falle des Überlebens die Geschichte der Opfer zu erzählen. So hat auch meine Familie vom Schicksal des Urgroßvaters erfahren.“

Als alleinerziehende Mutter braucht Krsnik neben ihrer Arbeit in der Gemeinde noch weitere Jobs, um für sich und ihre Tochter sorgen zu können. Eine Nachbarin habe bei ihr einmal geklagt, dass diese Juden alle so viel Geld hätten. „Ich habe ihr dann versprochen, bei den Nachbarn Geld zu besorgen.“ Auf die Frage, wie sie das denn machen wolle, habe sie geantwortet: „Nun, ich bin selbst Jüdin.“ Die Nachbarin habe daraufhin gesagt, dass sie das doch nicht so gemeint habe. „Deshalb“, sagt Biserka Krsnik, „ist es mir so wichtig, zu reden, weil solche Klischees und Vorurteile noch immer und wieder zunehmend verbreitet sind. Denn die Freiheit zu reden und die eigene Geschichte zu erzählen erleichtert, auch wenn sich dadurch nicht gleich die ganze Menschheit ändern lässt.“

Quelle: F.A.Z.
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