Eselhof

Esel dürfen keine großen Menschen tragen

Von Michael Bischof, Karolinen-Gymnasium, Rosenheim
 - 11:58

Man hört schon von weitem das Schreien der Esel. Bald gibt’s Futter. Mit einem netten „Servus“ wird man von Irmgard Pross-Kohlhofer, die Gummistiefel und eine alte Jeans trägt, in eine große Holzscheune gebeten. Die Esel hausen in einem teils überdachten, teils freien Gehege im oberbayrischen Kolbermoor bei Rosenheim. Mit einem hohen Schritt über die Türschwelle ist man schon im Futterparadies – falls man ein Esel ist. Heuballen stapeln sich, auf dem Boden liegt kein einziger Strohhalm, denn die Urbayerin legt großen Wert auf Sauberkeit.

300 Kilogramm Heu in zehn Tagen

Neben dem Eingang stehen hohe Metallregale mit Leckerlis, Bürsten und Werkzeugen. Schwere Säcke mit Stalleinstreu lehnen an der Wand; sie helfen gegen den beißenden Gestank von Urin. Gegenüber liegt ein zerfallener, halb aufgebrauchter Rundballen. „In zehn Tagen fressen die einen 300 Kilogramm schweren Heuballen“, sagt die Eselfreundin. Morgens gibt es 13 Kilogramm, mittags neun und zum Abendessen nochmal 13 Kilogramm Heu für die zehn teils wuscheligen, teils glatthaarigen Esel.

Zuerst war es ein einziger, einsamer Esel

Es sei nie ein großer Traum von ihr gewesen, eine Eselgemeinschaft zu leiten, das kam alles durch Zufall. Die Kolbermoorerin wurde vor 15 Jahren im Internet auf die Esel & Muli Freunde aufmerksam, so wurde der Traum von einem eigenen Esel geboren. Zuerst war es nur ein einziger, einsamer Esel, in wenigen Jahren wurden es sechs Stück. Weil sie auch anderen Menschen die flauschigen Tiere nahebringen wollte, begann sie 2008 Trekkingtouren und Patenschaften anzubieten. Bis jetzt habe es noch nie Probleme mit den Paten gegeben. Sie nennen sich „Eselfreunde Kolbermoor“ und sind im Internet zu finden. Neben der Leitung des Eselstalls ist Irmgard Pross-Kohlhofer als Verwaltungsfachangestellte tätig. Neben den Eseln hat sie zwei Hunde, die sie mit derselben Liebe behandelt. In ihrer Freizeit geht sie es gerne gemütlich an: entspannt in einem Biergarten oder mit Freunden grillen. Viel Zeit bleibt dafür jedoch nicht.

Touristenattraktionen ignorieren das

Viele haben eine komplett falsche Vorstellung von Eseln, denn sie sind keine Rasenmäher wie Kühe. Bei zu vielem frischen Gras bekommen sie schnell Koliken, die bis zum Tod führen können. Esel sind extrem sensible und komplizierte Tiere. Viele denken zum Beispiel, sie seien Lasttiere, die schwere Ladungen tragen könnten. „Auf gar keinen Fall“, sagt die 44-Jährige. Esel dürfen gerade mal 20 Prozent ihres eigenen Gewichts auf ihrem Rücken schleppen, das heißt auch keine Menschen. Denn bei einem durchschnittlichen Gewicht eines Esels von 150 bis 200 Kilogramm bleibt nicht viel Spielraum für Erwachsene. Das werde jedoch für zahlreiche Touristenattraktionen in südlichen Ländern ignoriert.

Wüstentiere ohne dickes Fell

Durch eine Eisentür gelangt man in einen umzäunten Bereich, den Paddock, der mit Kies befestigt ist. Jedoch sieht man gerade keinen einzigen Esel. „Die verstecken sich alle im Unterstand“, erklärt Irmgard Pross-Kohlhofer lächelnd. Es regnet und ist dazu auch noch kalt. „Das mögen die gar nicht.“ Esel sind eigentlich Wüstentiere, die kein dickes Fell wie Pferde haben, und zudem saugt sich das Fell mit Wasser auf. Das kann nicht angenehm sein. Deswegen ist es immer wichtig, einen Schutz für die Tiere zu haben. Schnell merken die wuscheligen Gesellen aber, dass etwas anders ist. Mit der großen Nase voraus beschnuppern sie neue Besucher zwar noch ein wenig zurückhaltend, aber neugierig: natürlich immer im Hinterkopf, der Neue könnte etwas zu fressen dabei haben.

Nicht den eigenen Willen aufzwingen

„Das ist Cinderella“, sagt Irmgard Pross-Kohlhofer. Ein weißer, etwa 1,20 Meter großer kontaktfreudiger Esel mit gespitzten Ohren tastet sich langsam heran. Er war eines ihrer ersten Tiere. „Ein Esel hat einen eigenen Charakter. Man kann ihm nicht seinen eigenen Willen aufzwingen“, sagt die Tierfreundin. Deswegen kann es länger dauern, bis ein Esel zu einem kommt. Aber genau das interessiere sie. Einen Stall mit zehn Eseln zu pflegen sei nicht leicht: Jeden Tag den Mist wegräumen, die Futtertröge auffüllen und sich Gedanken machen, wo man am besten die nächsten Heuballen kauft. An gutes Heu heranzukommen, das nicht zu nahrhaft ist, ist leichter gesagt als getan. „Am liebsten hätte ich einen eigenen Bauernhof, auf dem ich alles selbst machen kann.“

Regierungsbeamte als Paten

Sie erfreut sich immer wieder daran, wenn sie anderen Menschen den Esel näherbringen und ihnen durch das Tier Freude bereiten kann. Daher kann man eine Eselpatenschaft übernehmen. Das geht aktiv, indem man seinen auserwählten Lieblingsesel so oft man will besuchen kommt, ihn streichelt oder pflegt oder ihn bei Trekkingtouren eigenständig führt. Wem das zu viel Zeitaufwand ist, der kann eine passive Patenschaft übernehmen und seinen Esel nur ab und zu besuchen. Die Paten kommen aus den verschiedensten Schichten: vom Regierungsbeamten bis zum Flughafensicherheitspersonal, meist ab 30 Jahren aufwärts. Manche kommen aus dem Raum München oder aus Kufstein in Österreich. Es gebe genauso viele Männer wie Frauen. Endlich ist Futterzeit. Die gesamte Herde steht in Reih und Glied am Futtertrog und kaut genüsslich das gut riechende Heu. Da vergisst man schnell das schlechte Wetter.

Quelle: F.A.Z.
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