Frankreich-Austausch

Madame Vogel, vous avez une possibilité de loger quelqu’un?

Von Julia Annette Baum, Bayernkolleg Schweinfurt
 - 11:23

Anderthalb Stunden von Paris entfernt liegt Châteaudun, eine malerische Kleinstadt mit 13 000 Einwohnern, die Dunois genannt werden. Seit 1963 unterhält das unterfränkische Schweinfurt eine Partnerschaft mit der französischen Stadt am Loir – nicht zu verwechseln mit der etwas weiter südlich fließenden Loire. Besiegelt wurde die Jumelage 1964, nachdem sich zwei Lehrer aus Schweinfurt und aus Châteaudun im Urlaub kennengelernt hatten. Wegen des am 22. Januar 1963 geschlossenen deutsch-französischen Vertrags war die Euphorie zu Beginn groß, und es gab einen regen Austausch zwischen den Städten.

Jeder ist willkommen

„Nach einiger Zeit ist der Kontakt leider etwas eingeschlafen“, klagt Anna-Margareta Vogel-Jehli, ehemalige Französischlehrerin und Vorsitzende des Freundeskreises Châteaudun e.V. „Die Leute, die in den 60ern davon so begeistert waren, sind ja immer älter geworden, und die Jugend hat das immer weniger interessiert.“ Von den rund 170 Mitgliedern sei ein großer Anteil schon mehr als 60 Jahre alt. Deshalb freut man sich über jeden Eintritt. „Der Mitgliedsbeitrag beträgt bei uns zehn Euro, für Schüler sind es fünf. Und falls sich jemand Gedanken bezüglich der Sprache macht, die muss er nicht haben. Natürlich sprechen bei uns viele Mitglieder Französisch, aber hauptsächlich reden wir Deutsch. Bei uns ist jeder willkommen.“

Für einen Verein braucht man mindestens sieben Leute

Ihr Mann Kurt Vogel, ehemaliger Stadtrat und Schriftführer des Vereins, ergänzt: „Wir sind privat immer wieder nach Châteaudun gereist, 1982 zum Beispiel habe ich eine Radtour organisiert. Bei der Fahrt war auch meine Frau dabei, und da haben wir natürlich intensiver die Stadträte und sonstige Bürger der Stadt kennengelernt. Die damalige Oberbürgermeisterin in Schweinfurt hat mich letztendlich angesprochen, ob ich nicht etwas machen könne.“ Was es für Schweinfurts andere Partnerstädte, North Lanarkshire und Seinäjoki, schon gab, das fehlte für Châteaudun. „Vielleicht hat das ein bisschen an der Sprache gelegen, dass nicht schon früher ein Verein gegründet wurde. Unsere französischen Freunde hatten uns ja immer wieder angesprochen, ob wir nicht ein Pendant zum Verein Amis d’Europe gründen wollen“, berichtet Vogel-Jehli. „Für einen Verein braucht man mindestens sieben Personen. Damals habe ich zuerst in meinem Französischkurs an der VHS nachgefragt. Bei der Gründungsversammlung im März 2009 waren gleich 30 Personen anwesend, wovon 19 sofort Mitglieder geworden sind.“

Bei Rotwein und Baguette steigt die Stimmung

Wieder Kontakt zu knüpfen und diesen auch zu halten sowie den Jugendaustausch zu fördern – das sei die Hauptaufgabe des Vereins. „Beispielsweise hatte unsere Feuerwehr jahrelang engen Kontakt, was dann aber leider aufgrund eines Führungswechsels abgeklungen ist“, sagt ihr Mann. Zurzeit zählt der Verein 172 Mitglieder. Für die wird einiges geboten. Der 14. Juli, der französische Nationalfeiertag, wird traditionell mit einem Gartenfest gefeiert. „Einmal im Jahr veranstalten wir ein Pétanque-Turnier in den Schweinfurter Wehranlagen.“ Der Freundeskreis organisiert viele kulturelle und gesellige Veranstaltungen. Seien es Reisen nach Frankreich, Ausflüge quer durch Deutschland, Picknicke oder ein klassischer Chansonabend mit französischen Künstlern. „Den Chansonabend haben wir jetzt viermal veranstaltet, und es war immer ein großer Erfolg. Aber gleich, was wir auch planen, wir versuchen immer einen Bezug zu Frankreich zu haben“, erklärt Vogel-Jehli. Das anschließende Beisammensein ist ein wichtiger Teil. „Bei uns heißt es: Wo immer wir hingehen, Rotwein, Käse, Baguette! Das gehört dazu und dann steigt die Stimmung“, sagt Kurt Vogel.

Die Großindustrie zieht Praktikanten an

Natürlich sei der Blick auf die Jugend wichtig. „Wir haben immer wieder Schülergruppen zu Besuch, zwar nicht nur aus Châteaudun, aber eben aus Frankreich“, erklärt die gebürtige Schweizerin. „Schweinfurt bedeutet Großindustrie. Das heißt: es gibt immer wieder mal Praktikanten. ,Madame Vogel, vous avez une possibilité de loger quelqu’un?‘ Diesen Satz habe ich schon oft gehört. Dieses Jahr war zum Beispiel eine Wirtschaftsstudentin aus Châteaudun zu Besuch, die ein Praktikum bei der Stadt Schweinfurt absolvierte. Das war ganz toll. Aber wir haben da eigentlich immer Glück und teilweise sogar bis heute noch Kontakt.“

Vogel-Jehli erteilt privat unter anderem einer 95-jährigen Schweinfurterin Französischunterricht. Deren Tochter war beim ersten Austausch in Châteaudun als Schülerin dabei und hat dort ihren jetzigen Ehemann kennengelernt. Ein anderer hat seine Frau während des Austausches kennengelernt, nach dem Abitur geheiratet, ist nach Châteaudun gezogen und lebt heute noch in Frankreich.

Mit 17 als Soldat in der Normandie

Eine Geschichte ist Vogel-Jehli besonders in Erinnerung geblieben. „Ein älterer Herr kam zu mir in den VHS-Kurs, und nach ein paar Wochen erzählte er mir, warum. Mit 17 war er als Soldat in der Normandie in der Nähe von Caen stationiert. Er freundete sich mit den Besitzern eines nahe gelegenen Bauernhofs an, wo er einquartiert war. Nachdem diese jedoch flüchten mussten und er sein Essbesteck verloren hatte, nahm er sich von dem verlassenen Hof Besteck und Teller mit. Nach dem Krieg kehrte er wieder zurück in seine Heimat. Als Rentner hatte er vor, das geliehene Besteck wieder zurückzugeben. Das Ganze hatte ihn einfach nicht losgelassen. Er selbst versuchte Kontakt aufzunehmen, was aber leider missglückte. Also setzten wir uns gemeinsam hin und schickten an rund 20 Gemeinden Briefe mit Zeichnungen des Bauernhauses. Nach ein paar Monaten kam endlich eine Antwort aus der Normandie. Wir sind dann mit einem kompletten Bus aus Schweinfurt nach Frankreich gereist, und er konnte schließlich das Besteck der Tochter der Familie zurückgeben. Das war natürlich sehr emotional.“

Für Kurt Vogel machen es die jüngsten Entwicklungen in Europa wichtig, dass man zusammensteht. „Unser nächster Partner ist einfach Frankreich. Die ganzen Probleme können nur gemeinsam gelöst werden. Die Ideen, die Adenauer und De Gaulle damals gemeinsam ausgesprochen haben, sind wichtig für uns und besitzen ihre Richtigkeit. De Gaulle hat vieles schon früh und weitsichtig erkannt. Es ist also wichtig, dass ein Austausch zwischen Frankreich und Deutschland stattfindet.“

Quelle: F.A.Z.
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