Gefängnis-Sozialarbeit

Frage der Schuld

Von Julia Schiller, Katholische Schule Liebfrauen, Berlin
 - 15:50

In Berlin-Mitte, nur 200 Meter Luftlinie entfernt von den weltbekannten touristischen Attraktionen der Hauptstadt, befindet sich ein Ort, wo niemand freiwillig hinmöchte. Während die Touristen an den „Hotspots“ der Stadt ausgelassen Fotos machen, liegt zwischen Wohnhäusern und Einkaufsmärkten ein großes Gebäude umgeben von hohen Mauern und Stacheldrahtzaun: die Justizvollzugsanstalt in Berlin-Moabit. Hier kommt man als Außenstehender nur nach langen Absprachen und zahlreichen Sicherheitskontrollen hinein. Es ist auch der Arbeitsplatz von Ulrike (alle Namen sind aus Sicherheitsgründen geändert). Die 56-Jährige mit silbernem Haar ist Sozialarbeiterin in der JVA und betreut Männer ab 21 Jahren während der Zeit ihrer Untersuchungshaft. Wird eine Freiheitsstrafe verhängt, wird der Inhaftierte in eine Strafanstalt verlegt. In Berlin gibt es insgesamt acht Justizvollzugsanstalten, zum Beispiel in Tegel und Plötzensee sowie Bereiche des offenen Vollzugs.

Sie informiert Familie und Arbeitgeber

Die JVA Moabit ist nach dem Vollstreckungsplan des Landes Berlin eine Aufnahmeanstalt. Das heißt, alle, die festgenommen wurden, kommen dorthin in Untersuchungshaft, Auslieferungshaft oder Zivilhaft. Von den derzeit 956 Insassen sind 734 in U-Haft. Ulrikes Aufgabe ist es, diese Untersuchungshäftlinge bis zum Gerichtsverfahren zu begleiten. Sie steht den Häftlingen bei allem zur Seite, was nach ihrer Einlieferung geregelt werden muss. Sie informiert je nach Bedarf Familie, Arbeitgeber oder Jobcenter. Wurden den Häftlingen keine haftbeschränkenden Maßnahmen auferlegt, können sie über ein festinstalliertes Telefon im Haftraum selbst Kontakt mit ihren Familien und Freunden aufnehmen.

Über allem steht die Suizidprophylaxe. 2016 gab es trotz vieler Vorsichtsmaßnahmen vier Suizide in der JVA Moabit. Ulrike überlegt mit ihren Kollegen, ob die Person die Verhaftung verkraftet oder ob besondere Maßnahmen ergriffen werden müssen. Die Inhaftierten haben Anspruch auf Unterbringung in einem Einzelhaftraum. In einigen Fällen kann ein Arzt aufgrund psychischer Probleme oder Entzugserscheinungen die Unterbringung in einer Doppelzelle empfehlen. Bei Auffälligkeiten werden Inhaftierte teilweise auch in gesicherte Hafträume verlegt. Dort sind die Wände gefliest und gefährliche Gegenstände, wie zum Beispiel Spiegel, sind nicht angebracht. In Extremfällen kann unter ärztlicher Aufsicht sogar eine körperliche Fixierung am Bett vorgenommen werden.

Die Zellenwände haben Ohren

Anna ist ebenfalls Sozialarbeiterin in der JVA und nennt ihre Arbeit überwiegend „Feuerwehrarbeit“. Sie sagt, dass sie nach dem Prinzip: Aktion – Reaktion tätig ist, das heißt, dass sich die Inhaftierten mit ihrem Anliegen bei den Sozialarbeitern melden, indem sie einen Antrag stellen, und diese dann Probleme, etwa mit dem Arbeitsamt, klären. Dazu nehmen die Sozialarbeiter die Inhaftierten zu sich ins Büro oder suchen sie in ihrer Zelle auf. „In den Zellen haben allerdings die Wände Ohren, und deshalb ist es besser, die Inhaftierten mitzunehmen und die Anliegen in Ruhe zu besprechen“, erklärt Anna.

Die Büros der Sozialarbeiter befinden sich auf demselben Gang wie die Zellen. Sie sind auch genauso geschnitten. Der einzige Unterschied ist, dass statt Bett, Waschbecken und Kleiderschrank dort ein Schreibtisch mit Computer, Akten und eine Topfpflanze stehen. Bilder an der Wand geben dem kleinen Raum mit dem vergitterten Fenster und der niedrigen Decke ein wenig Farbe. Hier wird versucht, eine Vertrauensbasis aufzubauen. „Die Inhaftierten werden sich jedoch hüten, dir alles zu erzählen. Das Verfahren läuft noch nicht, und sie wollen sich nicht selbst belasten“, erklärt Anna, denn die Sozialarbeiter unterliegen nicht der Schweigepflicht. Das heißt, sie könnten vor Gericht als Zeugen geladen werden.

Dort patrouillieren Justizvollzugsbeamte

Ulrike hat sich schon während ihres Studiums der Sozialen Arbeit für Randgruppen interessiert. Durch ein Praktikum lernte sie die Arbeit in der JVA kennen. Ähnlich war es bei Anna. Die 28-Jährige hat während eines Projektsemesters gemerkt, dass sie die Arbeit mit Inhaftierten interessiert. Nach ihrem Studium absolvierte sie ein einjähriges Praktikum in der JVA, um ihre staatliche Anerkennung zu erhalten, und ist seitdem dort tätig.

Das Gebäude der JVA ist groß und verwinkelt. Vom Verwaltungstrakt kommt man in den Bereich, in dem sich die Zellen der Insassen befinden. Diese Trakte sehen den in Filmen dargestellten Bildern ähnlich. Das offene Treppenhaus mit einem dunkelgrünen Geländer lässt einen Blick in die untere Etage zu. Nur das aus Sicherheitsgründen gespannte Netz zwischen den Etagen behindert die Sicht. Auf den verschiedenen Ebenen patrouillieren Justizvollzugsbeamte, um für Ordnung zu sorgen. Was man im Film nicht sieht, sind die Detailinformationen über die Inhaftierten, die an den schweren Zellentüren befestigt sind. Auf einem Schild steht, was der Insasse nicht isst oder in welchem Arbeitsbetrieb er tätig ist, außerdem, ob er noch auf seinen Prozess wartet oder bereits verurteilt wurde. So werden aus den anonymen Insassen individuelle Persönlichkeiten.

Dann sieht er seine Mutter

Auf dem Papier betreut in der JVA jeder Sozialarbeiter 55 Menschen. Die Mitarbeiterzahl ist knapp bemessen, und so kann es vorkommen, dass, wenn krankheitsbedingt jemand ausfällt, plötzlich 110 Menschen betreut werden müssen. In solchen Momenten kann der Beruf, so sagt Ulrike, belastend werden, da man gerne jedem gerecht werden würde.

Aber es gibt auch positive Momente, zum Beispiel wenn man merkt, dass man etwas verändert hat. „Ich habe einmal einen jungen Mann betreut, der suizidal war, der dann aber meinte: ,Ich tue mir nichts mehr an. Wenn ich Sie sehe, sehe ich immer meine Mutter.‘ Die Mutter des Inhaftierten kam aus Gambia. Ich bin weiß“, erzählt Ulrike schmunzelnd. Anna ergänzt: „Ich habe einmal mit einem Häftling gearbeitet, dem selbst das Schreiben von einfachen Briefen schwerfiel. Nach einer Weile fertigte er alle Schreiben selbst an und bat mich am Ende nur, noch einmal darüber zu schauen.“ Leider bekommen die beiden nicht viele positive Veränderungen mit, da die Inhaftierten nur bis zum Gerichtsverfahren von ihnen betreut werden.

Das wirkt sich aufs Privatleben aus

Die Frauen sind vollzeitbeschäftigt und arbeiten in Gleitzeit. Das heißt, die Arbeitszeiten sind nicht komplett festgeschrieben, sondern variabel. Allerdings gibt es eine Kernarbeitszeit von neun bis 15 Uhr. Ein- bis zweimal im Monat sind die beiden zum Spätdienst eingeteilt, der in der Regel bis 18 Uhr dauert. Der Spätdienst betreut die Gefangenen, die in diesem Zeitraum von der Polizei gebracht werden. Aufgenommen werden Inhaftierte jedoch zu jeder Tages- und Nachtzeit. Je nachdem, wie viele es sind, dauert der Spätdienst länger. Eine Rufbereitschaft außerhalb der Arbeitszeiten haben Ulrike und Anna nicht. Trotzdem wirkt sich ihre Tätigkeit auf das Privatleben aus. „Mir wurde einmal gesagt, dass ich, seit ich soziale Arbeit studiert habe, anders diskutiere“, lacht Anna. Zudem wird man als Sozialarbeiter mit schlimmen Schicksalen konfrontiert. „Vielleicht stumpft man deshalb auch ein bisschen ab“, ergänzt Ulrike nachdenklich.

Am falschen Ort, die falschen Freunde

„Wir können nur miteinander reden, so dass die Inhaftierten anfangen zu reflektieren.“ Es geht darum, dass sie aufhören, die Schuldfrage für ihre Situation im Außen zu suchen und sich darüber klar werden, warum sie inhaftiert worden sind. Jedoch sind auch viele in U-Haft, die sagen, dass sie die Tat zwar begangen haben, aber nur, weil sie am falschen Ort waren oder die falschen Freunde hatten und somit alle Schuld von sich weisen. Mit diesen Menschen versuchen die Sozialarbeiter zu reden, da sie sich spätestens nach der Verurteilung mit der Schuldfrage auseinandersetzen sollten. Was für einige unfreundlich klingt, ist für Ulrike eine freundlich gemeinte Verabschiedung von einem Häftling: „Ich werde nicht arbeitslos, wenn Sie nicht wiederkommen“, sagt sie dann, „und einige Insassen lachen auch mit mir darüber.“

Quelle: F.A.Z.
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