Gender-Bibliothek

Es gibt noch viel zu tun

Von Danielle Kallenborn Ludwigsgymnasium, Saarbrücken
 - 15:31

Leipziger Frauenschlacht“ – was für ein Name für die erste große Frauenkonferenz im Jahr 1865 in Leipzig. Trotz dieser öffentlichen Verunglimpfung entstand aus dieser Versammlung der Allgemeine Deutsche Frauenverein. Als Motor der Frauenbewegung setze er sich für die Rechte von Frauen ein: das Recht auf Bildung, auf Selbstbestimmung und auf politische Mitbestimmung. Dennoch konnte das Wahlrecht erst vor knapp 100 Jahren erreicht werden. Im 21. Jahrhundert hat sich einiges geändert. Deutschland hat eine Bundeskanzlerin, die Zahl von Frauen in den Vorständen großer Wirtschaftsunternehmen steigt, und Frauen erzielen bessere Abiturergebnisse. Dennoch gibt es in vielen Bereichen Diskriminierungen. Die FrauenGenderBibliothekSaar, unterstützt durch den Regionalverband Saarbrücken und einen Förderverein, hat den Kampf gegen diese Ungerechtigkeit zu ihrem Programm gemacht. „90 Prozent unserer Besucher sind Frauen. Dazu gehören Leserinnen, Künstlerinnen oder Frauen, die die Bibliothek zu Recherchezwecken nutzen“, erklärt Margarethe Kees. Die Historikerin und Diplombibliothekarin übernimmt neben der Bibliotheksarbeit auch Aufgaben, die das Archiv über Frauenbewegungen betreffen.

Meist spiegelt das den männlichen Blick

Obwohl die Großherzog-Friedrich-Straße eine der meistbefahrenen Straßen der Innenstadt ist, sind die Besucherzahlen bescheiden. Petra Stein macht die Öffentlichkeitsarbeit. Sie hat einen Magister in Komparatistik, Spanisch und Sozialpsychologie, verschickt den Newsletter und leitet Workshops. „Zu uns kommen Menschen, die ihre Wissensbasis erweitern möchten. Meiner Meinung nach hat die Digitalisierung die Bücher nicht in die Versenkung gebracht“, sagt sie. Ab und zu betreten auch Männer die Bibliothek, meist handelt es sich hierbei um einen Irrtum: Eigentlich suchen sie den Eingang des benachbarten Ordnungsamts. „Männer kommen zu uns, um gezielt über ein Thema Nachforschungen anzustellen. Langjährige Nutzer sind sie allerdings nicht“, sagt Margarethe Kees. In der kleinen Bibliothek, kaum größer als der Eingangsbereich großer Nationalbibliotheken, gibt es Fachzeitschriften, Werke über die Frauen- und Genderforschung, etliche Bücher zur Frauenbewegung und ein wenig Belletristik. „Oft kommen Leute und fragen, ob es denn auch eine Männerbibliothek gebe. Tatsächlich spiegelt aber der Sachbestand in den meisten normalen Bibliotheken den männlichen Blick auf das Leben wider.“

Flashmobs in der Stadt und Poetry Slams

Die Genderbibliothek bietet weit mehr als Bücher zu Recherchezwecken und eine angenehme Leseatmosphäre: Workshops, Lesungen, Literaturkreise und Fachvorträge. „Besonders beliebt ist unser FeminisTisch. Das ist eine Inputveranstaltung und offen für alle. Sie lebt vom Austausch und der Kommunikation. Die Besucherinnen kommen aus ganz verschiedenen sozialen Milieus und Altersgruppen“, erklärt Stein. Junge Leute werden durch Flashmobs in der Innenstadt oder Poetry Slams angesprochen. Vorrangig kommen Frauen. „Männer fühlen sich durch bestimmte Formulierungen nicht angesprochen. Ursprünglich war der Name der Bibliothek nur ,Frauenbibliothek Saar‘. Durch die Hinzufügung des Wortes Gender und durch den verstärkten Fokus auf Genderforschung versuchen wir, auch Männer anzusprechen“, sagt Kees.

Nicht schlecht, eine Quotenfrau zu sein

Hier arbeiten ausschließlich Frauen. Das hat einen banalen Grund: „Wir versuchen, Frauen gezielt einen Arbeitsplatz zu bieten. Männer werden in vielen Bereichen auf dem Berufsmarkt bevorzugt. Ich bin eine Verfechterin von Quoten. Meiner Meinung nach ist es nicht schlecht, eine Quotenfrau zu sein. Allerdings würde auch ich nie eine schlecht qualifizierte Frau einem Mann vorziehen.“ Frauen verdienen nach Angaben desSatistischen Bundesamts im Durchschnitt 21 Prozent weniger als Männer. Oftmals sind die Gehaltsunterschiede auf die unterschiedlichen Branchen zurückzuführen, in denen Frauen und Männer tätig sind. Allerdings verdienen Frauen auch bei gleicher Qualifikation und Tätigkeit im Durchschnitt weniger als Männer. Dennoch ist der Begriff Feminismus mit Vorurteilen behaftet. „Oft werden wir Feministinnen als Männerhasser bezeichnet“, sagt Stein. Aber es gehe nicht darum, Männer zu benachteiligen, sondern darum, ein Gleichgewicht, also Gleichberechtigung zu schaffen.

Promovierte Sozialwissenschaftlerin als Küchenhilfe

Überdies gibt es das Projekt „Mentorinnen-Netzwerk für Migrantinnen“, erklärt Mitarbeiterin Julia Fricke. „Einer Mentorin, die fest im Berufsleben steht, wird immer eine Mentee zugeteilt.“ Die souverän auftretende Geisteswissenschaftlerin kommt aus Rumänien und ist für ihr Studium nach Saarbrücken gezogen. „Die Mentorinnen helfen ihren Mentees beim Einstieg in den Arbeitsmarkt. Sie erklären zum Beispiel, welche Rechte man als Bewerberin in einem Vorstellungsgespräch hat. Oft stehen bei den regelmäßigen Treffen der Tandem-Teams kulturelle oder soziale Fragen im Vordergrund.“ Häufig entstehen Freundschaften. So war etwa eine promovierte Sozialwissenschaftlerin zunächst Küchenhilfe und arbeitet nun durch die Hilfe ihrer Mentorin in Vollzeit als Sozialarbeiterin. Kees setzt auf Information, Bildung und Dialog: „Aber selbst wenn es so scheint, als sei die Gleichberechtigung von Mann und Frau erreicht, müssen wir achtsam sein. Bereits Erreichtes kann schnell wieder zur Disposition stehen.“ Sie lächelt: „So schnell sind wir also nicht verzichtbar!“

Quelle: F.A.Z.
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