Anzeige

Generationenhaus

Manchmal springt eine 90-Jährige Trampolin

Von Gian Jenny, Kantonschule Zürcher Oberland, Wetzikon
 - 13:31
Besuch im Generationenhaus in Basel Bild: Claudia Weikert, F.A.Z.

Ein kleiner Junge flitzt mit dem Tretroller durchs Haus, ein fünfjähriges, blondes Mädchen singt so laut vor sich hin, dass der alte, schwerhörige Herr auf dem Hometrainer im Takt dazu mittrampelt. Und drei etwa 85-jährige Frauen schauen sich im Gemeinschaftsraum nach einem vierten Jass-Partner um. Das Generationenhaus Neubad in Basel kombiniert ein Alters- und Pflegeheim mit einer Kindertagestätte. Es ist ein Ort der Begegnung zwischen Alt und Jung.

Anzeige

Ganz anders als in den üblichen Heimen

Gleich neben dem Zoo leben und arbeiten drei Generationen zusammen unter einem Dach: 74 Plätze für Kinder aus der Tagesstätte, 86 Bewohnerinnen und Bewohner des Alters- und Pflegeheims und ihr Team von Pflegern und Betreuern. „Die Idee ist eigentlich nicht neu. Früher war es üblich, dass drei Generationen im selben Haus wohnten. Die Beziehung zwischen Enkeln und Großeltern ging immer mehr verloren“, sagt Hausleiterin Astrid Eberenz, „wir wollen diese natürlichen Strukturen wiederherstellen. In unserem Generationenhaus lebt es sich ganz anders als in üblichen Pflegeheimen und Kindertagesstätten. Wir sind ein lebendiges kleines Dorf und bieten Platz für Begegnungen zwischen Alt und Jung.“

Mehr als 200 Senioren warten auf einen Platz

1970 setzten sich Quartierbewohner für den Bau eines neuen Alters- und Pflegeheims ein, weil es keine solche Institution im Quartier gab. „In unserer Umgebung leben viele alte Leute. Wohin sollen sie ziehen, wenn sie ihre Wohnung oder ihr Haus nicht mehr selber unterhalten können?“, fragte sich der Pfarrer des Quartiers Neubad. Im September 1975 trat der erste Bewohner ins Altersheim Neubad ein. Bereits im Jubiläumsjahr 1985 bot das Heim Platz für 86 Bewohnerinnen und Bewohner. Und mehr als 200 Senioren warteten auf einen Platz in Basel. Vor 14 Jahren wurde eine Kindertagesstätte ins Alters- und Pflegeheim integriert und damit ein großer Schritt in Richtung Generationenhaus gemacht.

Gemeinsam Kochen und in den Zoo

Das Prinzip des Zusammenlebens der verschiedenen Generationen beruht auf gegenseitiger Unterstützung. Die Kontakte zwischen Alt und Jung stehen im Mittelpunkt. Jeden Tag gibt es gemeinsame geplante Aktivitäten wie Kochen, Singen, Tanzen und Ausflüge in den Zoo, bei denen die beiden Altersgruppen in Kontakt kommen. Mehrmals im Monat findet ein gemeinsames Kochen statt. Essen tut man in jedem Alter gerne. Umso mehr Spaß macht es, wenn man gemeinsam plant, vorbereitet und kocht. Die Bewohner müssen dabei Verantwortung übernehmen und können Erfahrungen weitergeben, was sie stolz macht.

Anzeige

Manche werden vom Ehrgeiz gepackt

Neben diesen geplanten Treffen gibt es viele spontane Begegnungen: auf dem Flur, in der Znünipause, beim Trampolinspringen oder auf dem „Dorfplatz“, dem Gemeinschaftsraum, wo sich Bewohner, Kinder, Besucher, aber auch Eltern, die ihre Kinder abholen, begegnen. „Diese spontanen Begegnungen sind mindestens ebenso wertvoll wie die geplanten“, sagt Astrid Eberenz. Die alten Menschen werden von der Fröhlichkeit und der guten Stimmung der Kinder angesteckt. „Die Bewohnerinnen und Bewohner erleben so eine ganz andere Art von Altwerden.“ Oftmals werden sie vom Ehrgeiz gepackt, wenn sie die Kinder beim Spielen sehen, und sie wollen den Kleinen auch zeigen, was sie können. So werden die Menschen, die hier wohnen, ohne Zwang zum Mitmachen angeregt. Es ist keine Seltenheit, dass man auf dem Trampolin eine über 90-jährige Frau springen sieht.

Langeweile ist zum Fremdwort geworden

Die Kinder lernen schon früh den respektvollen Umgang mit der älteren Generation. Bewegung ist ein weiteres Schlüsselwort im Generationenhaus. Denn Bewegung schafft Begegnungen. „Wir versuchen, die Bewohner des Alters- und Pflegeheims aktiv zu halten und sie überall miteinzubeziehen“, sagt Mitarbeiter Steven Kotopoulis. Sie helfen zum Beispiel im Winter beim Salzstreuen mit, indem sie die schweren Salzsäcke auf ihren Rollator packen und transportieren. Oder diejenigen, die noch gut zu Fuß sind, bringen den pflegebedürftigeren Bewohnern jeden Morgen das Frühstück ins Obergeschoss. Eine dieser „Kellner und Kellnerinnen“ ist Elisabeth Keller. „Durch diese Aufgabe beginnt für mich jeder Tag sinnvoll“, erzählt sie. „Ich bin so froh, im Generationenhaus leben zu dürfen, die Leute sind alle so nett, das Essen schmeckt immer hervorragend, und Langeweile ist mir hier zum Fremdwort geworden.“ Auch das Zusammenleben mit den Kindern mag Keller: „Kinder habe ich einfach schrecklich gerne. Leider bin ich schon zu alt, sonst hätte ich heute noch welche“, witzelt die 90-Jährige. Die Kleinen schätzen ihrerseits „Oma“ Keller als passionierte Geschichtenerzählerin.

Treppenlaufen soll die Sturzrate senken

Ein weiteres Ziel, das sich das Personal des Generationenhauses gesteckt hat, ist die Reduktion der Anzahl der Stürze, eine große Problematik im hohen Alter. Zur Folge haben solche Stürze oft schwere Verletzungen und hohe Kosten. Deshalb führte das Team vor drei Jahren das Antisturzprogramm ein: mittels Balance-, Kraft- und Gelenkübungen durch Gymnastik und Treppenlaufen soll die Sturzrate gesenkt werden. Und dies mit Erfolg: Seit der Einführung des Programms stürzen die Bewohner nur noch halb so oft, die Medikamentenmenge konnte erheblich gesenkt werden. Das Haus ist eine lernende Institution und entwickelt sich ständig weiter.

Auf dem Rollator zur Caféteria kutschiert

Obwohl das Gebäude an der Holeestrasse 119 weniger als halb so alt ist wie die meisten der Bewohner, sind ein Abriss und ein Neubau in Planung. Es wird in Etappen gebaut. So müssen weder die Kinder noch die Bewohner verlegt werden. Das Generationenhaus soll größer werden, damit sowohl die Kinder mit ihren Spielgeräten als auch die Bewohner mit ihren Rollatoren größere Runden drehen können. Neu dazu kommen ein Restaurant, Alterswohnungen, ein Wellnessbereich und ein Kindergarten. Ebenfalls geplant ist, dass es auf jedem einzelnen Geschoss eine Kita-Gruppe und Wohnbereiche für die Bewohner geben wird. „Wir wollen noch mehr spontane Begegnungen schaffen“, sagt Steven Kotopoulis. Gerade fahren zwei lachende Kinder vorbei: Sie sitzen auf dem Rollator einer Bewohnerin und werden zur Cafeteria kutschiert. Die Situation spricht für sich: Herzlichkeit, Respekt und Spaß für Alt und Jung.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBaselKita

Anzeige