Gleichberechtigung

Statt Nerds attraktive Frauen mit spannender Arbeit

Von Carla Neubert, Eckener Gymnasium, Berlin
 - 12:32

Es hat meine Kampfeslust geweckt, dass ich das Gefühl bekam, beschissen zu werden“, sagt Evi Poblenz und grinst breit. Sie sitzt an einem von zwei sich gegenüberstehenden, Schreibtischen. Beide sind über und über mit Bergen von Aktenordnern und Unterlagen bedeckt. An den Wänden türmen sich zwei große Aktenschränke. Trotzdem ist in dem winzigen Büro noch Platz für die unzähligen Kübel mit tropischen Farnen und Palmen. Ein süßlicher, pflanzlicher Duft schwebt in der Luft, die von Poblenz’ ruhiger Stimme erfüllt wird. „Ich war geschockt, dass, obwohl es immer schon Gleichberechtigung hieß, Frauen es in bestimmten Studiengängen schwieriger hatten“, sagt die 56-jährige technische Angestellte, die in der Arbeitsgruppe Makromoleküle am Institut für Physik an der Humboldt-Universität (HU) zu Berlin arbeitet. Immer wieder ist sie in ihrem Berufsleben auf das Thema der Gleichberechtigung gestoßen. Jahrelang hat sie deshalb ehrenamtlich als Frauenbeauftragte am Institut gearbeitet.

Sie wollte Kriminalistik studieren

Eigentlich wollte Poblenz Kriminalistik studieren, damals noch in der DDR. „Da wurde mir gesagt, dass sich für die nächsten zwei Jahre keine Frauen bewerben brauchen. Das hat mich damals ziemlich verunsichert“, berichtet sie empört. Ihre goldblonden Haare umrahmen das runde Gesicht, dessen klare Augen sich fest auf ihr Gegenüber richten. Sie wollte dann über den Umweg eines Studiums der Werkstoffwissenschaften doch noch ihren Traumberuf anstreben. Die Frauenquote unter den Studienanfängern in den Ingenieurwissenschaften lag damals laut einer Studie des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit bei etwa 8 Prozent. „Diese Arroganz, Frauen hätten keine Ahnung von Technik, dieses unterschwellige Anzweifeln der Kompetenz hat sich schon bemerkbar gemacht hat.“ Nach ihrem Abschluss ist Poblenz über die Absolventenvermittlung der DDR an das Institut für Physik der HU gekommen. Nach der Wende hat sie in der Arbeitsgruppe der Physik von Makromolekülen eine unbefristete Stelle bekommen, was in der Forschung durchaus eine Rarität ist. „Es ist nie langweilig, weil man hier diesen Überlapp zwischen Physik, Chemie und Biologie hat. Man ist immer am Zahn der Zeit.“

Komplexere Experimente für Schülerinnen

Vor 17 Jahren wurde Poblenz, die zwei Kinder hat, vom damaligen Institutsdirektor gefragt, ob sie nicht Frauenbeauftragte werden wolle, weil sie ja so eine engagierte Frau sei. „Ich habe mich schon immer für Kinder und Frauen auch in meiner Freizeit engagiert.“ Bis 2008 hat sie sich diese Arbeit zeitweise noch mit einer Wissenschaftlerin und einer Doktorandin geteilt. „Das war wirklich eine schwierige Zeit. Wofür wir richtig hart gekämpft haben, wurde teilweise bis ins Lächerliche gezogen.“ Dazu gehörte Poblenz’ Herzensprojekt Club Lise. Es ermöglicht Schülerinnen ab der 10. Klasse, auch komplexere Experimente selbst durchzuführen und Frauen, die Physik studiert haben, an ihrem Arbeitsplatz zu besuchen. „Da soll man nicht nur diesen Nerd im Kopf haben, diese Mädchen mit dicker, fetter Hornbrille, sondern attraktive, hübsche Frauen mit spannender Arbeit von der Bionik bis zur Hirnforschung.“ Dass sie ihre Aufgabe als Frauenbeauftragte so ernst genommen haben, hätte der Institutsleitung dann doch nicht gepasst. „Am liebsten wäre ihnen wohl eine gewesen, die alles einfach nur unterschreibt.“

Viel Kraft investiert, wenig bewirkt

Anfangs sollten zum Beispiel die nichtverbrauchten Mittel, die explizit für Frauenförderung gesperrt waren, wieder in den Institutshaushalt zurückfließen, denn „es gab ja so wenige Frauen, und da wurde gesagt, dass das nicht mehr gebraucht wird. Das hat meine Kampfeslust geweckt.“ Heute können die Mittel auch angespart werden, um größere Projekte, wie Gastaufenthalte von Wissenschaftlerinnen und Professorinnen zu finanzieren. Nach acht Jahren gaben die drei Frauen das Amt dann doch auf, und es gab erst einmal keine Frauenbeauftragte mehr am Institut. „Wir haben viel Kraft reingesteckt und nicht viel bewirkt. Wir haben keine Anerkennung für unsere Arbeit bekommen.“ Dann wurden 2008 Gleichstellungsstandards von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) festgelegt. Ziel war es, durch personelle und strukturelle Reformen die Frauenquote in allen Statusgruppen zu erhöhen. „Dadurch wurde es wirklich besser. Denn jetzt wird auch die Bewilligung von Forschungsprojekten und die Mittelvergabe an das Kriterium der Gleichstellung gebunden. Da wird wirklich geschaut, wie viele Frauen in den Projekten mitarbeiten.“ Deshalb übernahm sie vor fünf Jahren wieder das Amt der Frauenbeauftragten, musste es aber 2016 aus gesundheitlichen Gründen niederlegen. Aber sie könne sich durchaus vorstellen, die Arbeit wiederaufzunehmen. „Es hat mir am Schluss wirklich Spaß gemacht. Ich konnte etwas bewirken.“

Was das größte Problem ist

Durch den finanziellen Anreiz habe ein deutliches Umdenken stattgefunden. Auch die offene Frauenfeindlichkeit sei im Institut verschwunden. „Bei uns ist das kein Thema mehr.“ Einige Projekte wie Club Lise und ein Still- und Wickelraum für Wissenschaftlerinnen sind jetzt fest etabliert. Der damalige Frauenanteil von 10 Prozent unter den Abschlüssen in Physik hat sich seit den neunziger Jahren laut einer Studie der Deutschen Physikalischen Gesellschaft auf etwa 20 Prozent verdoppelt. „Auch in der Wissenschaft sind Frauen in den entsprechenden Arbeitsgruppen vertreten, wenn erst einmal das richtige Arbeitsklima vorhanden ist. Dort, wo schon mal eine Frau ist, wirkt das wie ein kleiner Keim, und immer mehr Frauen siedeln sich auch da an.“

Das wohl größte Problem bei dem Thema Gleichstellung sei die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, betont Poblenz immer wieder. Der Beruf als Wissenschaftler an der Universität sei auch durch die geringe Anzahl der unbefristeten Stellen unattraktiv. „Ich wünsche mir außerdem eine Schwangerschaftsvertretung und eine Verbesserung der Bewertungskriterien bei dem Berufungsverfahren für eine Professur, zum Beispiel die Berücksichtigung, dass im Lebensweg die Anzahl der Publikationen beeinträchtigt wird, wenn eine Frau in den Mutterschutz geht oder Erziehungsarbeit leistet. Solche Richtlinien existieren zwar schon auf dem Papier, aber die Realität sieht leider immer noch anders aus.“

Quelle: F.A.Z.
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