Goaßlschnalzen

Sie haben einen Knall

Von Michael Neumayr, Karolinen-Gymnasium, Rosenheim
 - 12:34

Sonntagabend. Der Innenhof der ehemaligen Friesinger Mühle hallt zu jedem Schlag der Peitschen. Hier trainieren die Goaßlschnalzer des Trachtenvereins Hochstätt im oberbayerischen Kreis Rosenheim. Ein Musikant begleitet die acht jungen Männer, die sich in zwei Reihen gegenüber aufgestellt haben, mit der Ziehharmonika unter der Anleitung von Alfons Altendorfer. Das Tempo wechselt. Teile, die geschnalzt werden, sind langsamer. Nach jedem Stück bespricht die Gruppe ihre Leistungen, die Jüngeren verpassen gelegentlich den Einsatz. „Der Brauch kommt von den Fuhrleuten früher“, erklärt Heizungsbaumeister Altendorfer, „wenn sie in ein Dorf oder eine enge Kurve eingefahren sind, haben sie einen Schnalzer mit der Goaßl gemacht.“ Die Fuhrmänner dachten sich immer speziellere Schlagfolgen mit ihrer Peitsche, der Goaßl, aus. Vor 50 Jahren entstanden erste Schnalzergruppen, die zum Rhythmus der Musik schnalzten. Nach vier Liedern wird pausiert. „Ich habe mich einmal hier herunter mit der Goaßl getroffen“, sagt einer und zeigt über die Stirn zur Backe. „Kleine Streifschüsse“ hinterlassen wegen der hohen Geschwindigkeit meist eine Verbrennung. „Am Bayerischen Hof haben sie einmal ein paar Klunker aus dem Kronleuchter geschnalzt“, erzählt Altendorfer von einem Auftritt im Münchner Luxushotel.

Ein Jahr Training für komplexe Folgen

Die meisten schnalzen mit rechts, die andere Hand in der Hosentasche, der 57-jährige Leiter der Schnalzergruppe kennt aber auch besondere Talente: „Ein Bekannter von mir kann sogar beidhändig schnalzen.“ Das erfordert eine außerordentliche Koordination. Schon die Anfänger brauchen meist ein Jahr, um komplexere Schlagfolgen zu beherrschen. Im Gegensatz zum Goaßlschnalzen zum Rhythmus der Musik gibt es auch das Aperschnalzen mit kurzstieligen Geißeln und langem Seil, das zwischen Weihnachten und Fasching gepflegt wird. Mittlerweile gibt es eine bayerische Meisterschaft im Gruppenschnalzen und Wettbewerbe im Paar- oder Einzelschnalzen.

Perfektes Timing beim Triangelschlag

Eine Bewertung erfolgt durch die „Miesbacher Richtlinien“, man bewertet den Gesamt- und den musikalischen Eindruck und den Schwierigkeitsgrad. Je größer die Gruppe, desto schwieriger ist das saubere Zusammenspiel. Es kommt aber auch auf die meist selbstausgedachten Schlagfolgen an. „Bei den Spitzengruppen sind auch Sechzehntel üblich.“ Altendorfer, der Vorsitzende des Trachtenvereins, führt den Triangelschlag vor. Dazu schwingt er die Fuhrmannspeitsche von hinten über die Schulter und schnalzt dreimal kurz im Dreieck auf und ab. „Da kommt es auf das perfekte Timing von mehreren Schnalzern an, die immer einen Triangelschlag versetzt schlagen.“ Eine Stufe leichter ist die liegende Acht, mit der jeder Anfänger beginnt. Durch die Form der Acht kann man einen Schlag ausführen, indem man kurz nach unten schlägt, schnell zurückzieht und in den Rhythmus der Musik findet. „Gefährlich ist, dass man einen Knoten hineinbekommt.“

Auf Oktoberfesttournee nach Malaysia

Die Geißeln messen bis zu 1,40 Meter, und der handgeflochtene Strick mit der Spitze ist oft genauso lang. „Die alten Goaßln bestehen aus Holz, bei den Neuen nimmt man Fiberglas, wie bei einer Angel.“ Auch das dünne Seil an der Spitze der Peitschen, die „Schmitzn“, wie viele sagen, verbraucht sich mit jedem Schlag, da der Überschallknall nur mit einer hohen Geschwindigkeit entstehen kann. Wie bei den „Plattlern“ finden die Auftritte in der regionalen Tracht und Lederhose statt. „Wir haben auch schon auf einem Golfplatz geschnalzt“, sagt Altendorfer, oft aber stehen die Männer in Bierzelten auf den Tischen. Bei internationalen Auftritten ermahnt der Veranstalter wegen der Verletzungsgefahr. Altendorfer hat das Goaßlschnalzen erst gelernt, als er bei einer Oktoberfesttournee in Malaysia mitreisen sollte. Auftritte in Fernost bleiben ihm besonders in Erinnerung: „Die Asiaten haben in der Goaßl immer nach dem Schwarzpulver gesucht, weil sie nicht geglaubt haben, dass das so laut knallt.“

Quelle: F.A.Z.
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