Grenzregion Saarland

Croissants und ebbes zum Frühstück

Von Danielle Kallenborn, Ludwigsgymnasium, Saarbrücken
 - 11:35

Du hast überhaupt keinen französischen Akzent? Das überrascht mich aber.“ „Sind deine Eltern eigentlich aus Frankreich?“ Immer häufiger wird man als Saarländer mit solchen Fragen oder Aussagen konfrontiert. Das Klischee vom saarländischen Franzosen bedient das Saarland allerdings auch selbst allzu gerne in der Außenwerbung mit dem Hinweis auf das „saarvoir vivre“, die französische Lebensart auf saarländische Art und Weise, oder den daran angelehnten Grundsatz: „Hauptsach gudd gess“.

„In unserer Gesinnung waren wir immer Deutsche“, erklärt Karin Michels freundlich. Die schlanke fast 80-Jährige sitzt entspannt beim Kaffeeklatsch auf der Gartenterrasse ihrer Nachbarin in Güdingen, einem 1974 eingemeindeten Stadtteil von Saarbrücken. Die ehemalige Gynäkologin erzählt bei Kaffee und selbstgebackenem Tante-Erna-Kuchen, einem aus schneckenförmig aufgerollten Kringeln bestehenden Hefegebäck mit viel Butter und Zucker obendrauf, von ihrer Jugend. Sie wurde 1937 geboren, in einer Zeit, in der das Saarland an das Reich angeschlossen war. Davor war das Deutsche Saarland mal französisch, mal deutsch und für kurze Zeit sogar unabhängig.

Mix aus drei Sprachen

Von der Terrasse sieht man nach Westen über die bewaldeten Hügel bis nach Frankreich. Wo Deutschland aufhört und wo Frankreich anfängt, kann man nur vage bestimmen; eine markierte Grenzlinie gibt es schon lange nicht mehr. Am Wochenende fährt man über die Grenze, um Baguette, Croissants und „ebbes“ zum Frühstück zu kaufen. Die Kassiererinnen im Supermarkt begrüßen ihre Kunden in einem Mix aus Französisch, Deutsch und Saarländisch. Nicht selten trifft man hier am Wochenende auf mehr Deutsche als Franzosen. Auch umgekehrt kommen viele Franzosen nach Saarbrücken, um einzukaufen oder zu arbeiten. Täglich pendeln 18 000 Franzosen in die Hauptstadt des Saarlandes. Deutlich erkennbar sind die französischen Feiertage. Die Stadtautobahn, die parallel zur Saar läuft, ist überfüllt, und auf den Hinweisschildern steht „Feiertag in France“ geschrieben.

Sie schickten ihre Kinder „rüber zu den Feinden“

Das Verhältnis zwischen den beiden Ländern war nicht immer so gut. „Vieles an der Zusammenarbeit scheiterte an der Sprachbarriere“, sagt Karin Michels, „erst Anfang der 60er Jahre endeten die Feindseligkeiten.“ Sie nahm als junges Mädchen an einem Austausch nach Frankreich teil, heute für junge Saarländer fast alltäglich, damals ungewöhnlich. „Mein Vater gab mir einen Brief mit für die Gasteltern, in dem er darum bat, die Feindseligkeiten zu beenden. Sie müssen sich das vorstellen, unsere Eltern schickten ihre Kinder rüber zu den Feinden.“ Seit den 70er Jahren finden vermehrt gemeinsame Projekte in den Bereichen Kunst, Kultur und Bildung statt. Grundsteine dafür legten Konrad Adenauer und Charles de Gaulle mit dem Elysée-Vertrag 1963. Das Festival Perspectives, ein deutsch-französisches Festival für zeitgenössische Bühnenkunst, das 1978 ins Leben gerufen wurde, ist eines der besten Beispiele. Die Aufführungsorte liegen sowohl im Saarland als auch in der französischen Grenzregion.

Arbeit am Jean-Monnet-Lehrstuhl

Im Bildungsbereich wird großer Wert auf Bilingualität gelegt. Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer stellte 2003 die „Frankreich-Strategie“ vor; ein Konzept zur Stärkung der grenzübergreifenden Zusammenarbeit. Und die entscheidende Voraussetzung dafür ist, dass die Menschen miteinander sprechen können: auf Deutsch und auf Französisch. „Die Frankreich-Strategie sieht nicht, dass so was auf Freiwilligkeit beruhen muss“, wirft Karoline Schmidt ein. Sie hat 2015 ihren Master of European Law in Lille gemacht und steckt jetzt im Ersten juristischen Staatsexamen. Als studentische Hilfskraft arbeitet sie am Jean-Monnet-Lehrstuhl der Universität des Saarlandes. Karoline Schmidt lernte bereits als Kindergartenkind Französisch von ihrer französischen Tagesmutter. „Die ersten Lieder, die ich gelernt habe, waren auf Französisch. Dieser frühe Kontakt hat auf jeden Fall meine Aussprache verbessert und mir den Zugang zur Sprache erleichtert.“

Was Makrele und Zuhälter heißt

Die Hälfte aller saarländischen Kitas soll in Zukunft von französischen Fachkräften unterstützt werden, um so einen frühen Kontakt mit der Sprache des Nachbarlandes zu fördern. Auch in den Grundschulen soll der Kompetenzerwerb mit dem DELF Prim-Zertifikat weiter gesteigert werden. Das Diplom ist international anerkannt und weist die Sprachkenntnisse für die Primarstufe nach. Wie wichtig gute Sprachkenntnisse und die Aussprache ist, weiß Karoline Schmidt aus eigener Erfahrung. „Als Vierzehnjährige war ich in Villeneuve d’Ascq im Austausch, und eine Freundin wollte ein Macaron, eine französische Spezialität, in der Bäckerei kaufen und bestellte kühn ,un maquereau‘, sprich ön makro, was sowohl Makrele als auch Zuhälter heißt. Das Gesicht der Verkäuferin werde ich nie vergessen“, lacht Karoline. „Aber es war uns schon superpeinlich, als unsere französischen Austauschschüler uns über den Fauxpas aufgeklärt haben.“

Lieber als Backpacker nach Australien

Trotz der intensiven Bemühungen der saarländischen Schulen um deutsch-französische Austauschprogramme ist bei einigen Schülern ein veritables Desinteresse, ja sogar eine Abneigung an der französischen Sprache zu erkennen. Schon nach weniger als einem Schuljahr hegen viele den Wunsch, die recht komplizierte Sprache zum frühestmöglichen Zeitpunkt abzuwählen. Diese sprachliche Abneigung überträgt sich häufig auch auf das Bild der Franzosen im Allgemeinen. „Die Wünsche sind Backpacking nach Australien oder ein Auslandsjahr in die USA“, sagt Karoline Schmidt. „Allerdings öffnet das Englische nicht immer alle Türen.“ Sie erzählt von ihrem Erasmus-Jahr in Frankreich: „In unserer WG lebten viele internationale Studenten. Die Gastgeberin war eine französische Künstlerin und völlig durch den Wind. Ständig rannte sie durch ihr altes, im historistischen Stil erbautes Haus und versuchte, uns für ihre verrückten Renovierungsideen zu begeistern. Im ganzen Haus durfte nur Französisch gesprochen werden, sogar als meine Mutter zu Besuch war. Aber die Abendessen waren phantastisch, und ich habe viel gelernt.“

Die Schüler mögen den Klang nicht

In Frankreich wird ebenfalls durch sprachliche Förderung an der Beziehung gearbeitet. Odile Brandmüller ist Deutschlehrerin an einem Gymnasium in Sarreguemines. Die gebürtige Französin spricht fließend Deutsch. „Bei den Schülern merkt man direkt, wer deutsche Wurzeln hat oder zu Hause Platt redet. Ihnen fällt es leichter, die Sprache zu lernen, und sie sind der deutschen Kultur gegenüber offener.“ Allerdings gebe es bei einigen Schülern immer noch eine gewisse Ablehnung der Sprache. „Die Schüler mögen den Klang nicht. Manche erinnern sich dadurch an Filme über den Nationalsozialismus. Außerdem ist sowohl die Grammatik als auch die Aussprache des Deutschen schwierig. Man muss sich anstrengen, um einen korrekten Satz zu produzieren, im Englischen hingegen kann man bereits nach zwei Wochen kleine Sätze sprechen.“

Die kann man ohne Deutschkenntnisse kaum aussprechen

Oft wählen nur sehr gute Schüler Deutsch als Fremdsprache. Allerdings sind auch im Französischen und in den Dialekten der Grenzregion deutsche Einflüsse wiederzufinden. „Viele Lothringer verwenden Germanismen. Sie sagen zum Beispiel ,J’ai mon anniversaire‘, abgeleitet vom Deutschen ,Ich habe Geburtstag‘. Einige Ortsnamen wie Grosbliederstroff oder Bliesbruck kann man ohne Deutschkenntnisse kaum aussprechen“, sagt Odile Brandmüller. Mittlerweile ist es fast 19 Uhr. Die Gastgeberin bringt fünf Gläser und schenkt Crémant ein, der hier mit Betonung auf der ersten Silbe „Kremmang“ genannt wird. Das Saarland ist auch im kulinarischen Bereich vom Nachbarland geprägt. Viele Restaurants im Stadtzentrum Saarbrückens bieten französische Spezialitäten an wie Garnelen und Crème brûlée. Dennoch hat das Saarland auch eine eigene kulinarische Identität vorzuweisen, zum Beispiel Hoorische oder Dibbelabbes, rohe Kartoffelklöße und eine Art Kartoffelauflauf. Zu Franzosen sind die Saarländer also noch nicht geworden.

Quelle: F.A.Z.
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