Alaska

Abenteuer Alaska

Von Jana Bosch, Max-Weber-Schule, Freiburg im Breisgau
 - 14:05

Das silbergraue Aluminiumangelboot von Harry Boos gleitet früh morgens durch die Bucht von Edna Bay im Südosten Alaskas. Angelrouten und ein großer Kescher sind an Bord. Die Luft ist klar und rein. Erste Sonnenstrahlen kommen hinter den Gebirgen der Nachbarinseln zum Vorschein und bringen das Wasser zum Glitzern. Nadelbäume säumen das Ufer. Boos ist auf dem Weg zu seinen bevorzugten Angelplätzen. Der 1,70 große Mann mit sonnengebräunter Haut trägt eine Regenjacke und eine abgewetzte Baseball Cap, unter der ergraute Haare zum Vorschein kommen. Seine Augen leuchten hinter der Brille. Wer weiß schon, was für einen Fang ihn heute erwartet. „Wie ein Lottospieler, der an die nächste Ziehung glaubt, so glaube ich an den Fisch meines Lebens, sobald ich den Motor starte und meine Blicke die Unendlichkeit des Horizonts erfassen.“ So beginnt der Tag des 60-Jährigen oft, wenn er wie jedes Jahr den Sommer in Alaska, seiner zweiten Heimat, verbringt.

Nur mit dem Wasserflugzeug erreichbar

Gerade ist der alleinstehende Mann aber noch in seiner Dachgeschosswohnung im Heimatort Riegel am Fuße des Kaiserstuhls, etwa 18 Kilometer von Freiburg entfernt, mitten in den Vorbereitungen. Sein Flug nach Ketchikan im Südosten Alaskas geht in vier Tagen. Von dort führt der Weg in die abgelegene Gemeinde Edna Bay, die 43 Einwohner zählt und neben Cape Pol zu den einzigen bewohnten Orten auf Kosciusko Island gehört. „Edna Bay liegt etwa eine Flugstunde von Ketchikan entfernt. Ich rechne deshalb in Flugstunden, weil die Gemeinde nur mit dem Wasserflugzeug oder mit dem Boot erreichbar ist. Straßenverbindungen mit dem Festland existieren bis heute nicht“, betont Boos. Seine eigene Holzhütte im Ort nennt er seit 25 Jahren sein „saisonales Zuhause“.

Trockenhefe und Nudeln in der Kühlbox

Mit auf die Reise wird die Kühlbox gehen, die neben der Ledercouch steht. „Ich habe dort zum Teil schon Lebensmittel drinnen. Vor allem Dinge, die ich drüben nicht bekommen kann, wie Kaffee, Trockenhefe und Nudeln“, erklärt er. „Ich beginne schon etwa vier Wochen vor der Abreise Pakete postlagernd vorauszuschicken. Die brauchen vier bis sechs Wochen bis sie in Edna Bay ankommen. Es ist jedes Mal wie an Weihnachten, wenn ich später eines meiner Pakete in Empfang nehmen darf und Nudeln, Schokolade und Kaffee ein Stück Heimatgefühl vermitteln.“ Diese Möglichkeit haben die Einheimischen nicht. Sie müssen sich auf die wenigen, meist teuren Lebensmittel, die den Weg in ihre abgelegenen Communities finden, beschränken. In Edna Bay betreibt die immer fröhliche Myla mit ihren Söhnen Brian und Tyler einen kleinen Krämerladen mit Postamt. „Leider ist die Auswahl an hochwertigen Lebensmitteln dort beschränkt. Da ist mehr oder weniger nur Junkfood vorhanden.“

Einen verlorenen Tag für Schrauben

Nur in Städten wie Ketchikan gebe es eine größere und preiswerte Auswahl an Lebensmitteln. Dort geht Boos direkt nach der Ankunft im großen Stil einkaufen, denn nach Ketchikan kommt er meist erst wieder am Tag des Abflugs. „Ich muss mir natürlich immer genau überlegen, was ich die nächsten vier Monate brauche. Wenn mir etwas ausgeht, kann ich nicht einfach sagen: ,Ich gehe um die Ecke und kaufe mir das.‘ Man muss immer vorausschauend denken und Einkaufslisten machen. Das gilt für Lebensmittel, aber auch für Kleinigkeiten wie Nägel“, erklärt er ernst. Falls ihm wirklich mal etwas ausgeht, muss er es bestellen – seit zwei Jahren verfügt die Gemeinde über einen Internetanschluss – oder mit dem kleinen Boot den 50 Kilometer langen Weg nach Craig auf Prince of Wales Island in Kauf nehmen. „Da braucht man in etwa zweieinhalb bis drei Stunden für einen Weg. Mit vollem Boot kann der Rückweg je nach Wetterlage aber auch sechs Stunden dauern. Das bedeutet dann für mich einen ganzen verlorenen Tag, nur für ein paar Schrauben oder sonst etwas.“

Unvorbereitet und naiv

Die Freude am Angeln und die Abenteuerlust waren es, die ihn vor 35 Jahren das erste Mal nach Alaska trieben. „Ich habe mich damals allein und ohne größere Lebensmittelvorräte mit einem Buschflugzeug in der Wildnis absetzen lassen. Meine Hoffnung war es, mich allein von Fisch, insbesondere Lachs, ernähren zu können. Der Nushagak River hat einen legendären Ruf, aber ich war leider zu früh. Im Fluss war noch kein einziger Lachs, und Tommy Tucker, mein Buschpilot, sollte mich erst in 14 Tagen wieder abholen.“ Der Ausflug wurde für Boos zum Überlebenstraining: „Ich hatte fast eine Woche nichts Richtiges zu essen.“ Glücklicherweise traf er auf Einheimische. „Die haben mir spontan mit Lebensmitteln ausgeholfen und mich mit zu ihnen nach Haus genommen. Im Nachhinein muss ich auch sagen, dass ich doch ziemlich unvorbereitet und naiv war.“ Ein Jahr später saß er wieder im Flugzeug in Richtung Alaska. „Ab 1983 bin ich dann jedes Jahr nach Alaska gegangen. Ich wollte auch die Leute wieder besuchen, die mir damals aus der Patsche geholfen haben. Ich wollte noch mehr entdecken“, schwärmt er.

Behutsamer Umgang mit Regenwasser

Aufgrund rarer und teurer Übernachtungsmöglichkeiten entschied er sich 1993 spontan, eine kleine Holzhütte, die er liebevoll „meine Cabin“ nennt, in Edna Bay zu erwerben. „John Besse, mein nächster Nachbar, wohnt etwa zwei Kilometer entfernt. Er stammt aus New Mexiko und kommt manchmal in den Sommermonaten. Wer es sich leisten kann, entflieht im Winter in wärmere Gefilde nach Californien, Mexico oder Hawaii.“ So verbringt der seit geraumer Zeit pensionierte Beamte in der Regel von Mai bis September dort den Sommer. Ein Problem stellt die Wasserversorgung dar. Viele Haushalte sind nicht an eine Wasserleitung angeschlossen. „Wer Glück hat, wohnt in der Nähe eines Baches. Die Mehrheit sammelt Regenwasser mit der ungewohnten Konsequenz eines akribisch sparsamen und behutsamen Umgangs mit dem kostbaren Nass“, berichtet er.

Seine Fahrradtouren vermisst er

„Ich bin für die ganze Grundversorgung selbst verantwortlich, auch für den Strom. Benzin für die Generatoren muss ich mir zum Teil mühselig auf anderen Inseln besorgen. Ich muss mich auch um das Feuerholz kümmern, damit ich es in meiner Hütte warm habe. Meistens reicht mir da das Holz vom Sturmbruch aus.“ In einer Welt ohne Kino, Theater, Bars oder Restaurants biete die Kirche eine willkommene Abwechslung zum Alltag. Auch Feierlichkeiten wie der Independence Day werden zusammen gefeiert. Trotzdem vermisst Boos einiges, allen voran natürlich seine Familienangehörigen, die Freunde und Vereinskollegen aus dem Angelverein Riegel wie ausgedehnte Fahrradtouren um den Kaiserstuhl. „Wenn ich wieder daheim bin, freu ich mich besonders auf das gute badische Essen. An das muss ich schon oft denken, wenn ich in Alaska sitze“, erzählt er lachend. „Manche Dinge lernt man eben erst dann zu schätzen, wenn man sie nicht mehr hat.“

Quelle: F.A.Z.
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