Jugend schreibt

Als Erstsemester schikaniert und froh

Von Sara Alves, Deutsche Schule zu Porto
 - 12:26

Aufruhr im Schnellrestaurant: Dutzende unheimlicher Menschen in schwarzen Kapuzen drängen schreiend herein. Jeder weiß sofort: Es ist kein Angriff, es ist der Beginn der Praxe. Als ein dunkel gekleideter Mann brüllt: „Frischlinge, wer mitmachen will, kommt jetzt mit!“, stehen an die hundert der hier versammelten Medizin-Studenten des ersten Studienjahrs auf. Unter ihnen ist Inês Rocha Ferreira. Die 18-Jährige studiert seit September an der Medizinischen Fakultät der Universidade da Beira Interior (UBI) in Covilhã im nordöstlichen Portugal. „Es war der Sonntag vor dem Schulanfang. Wir wollten zusammen zum Abendessen gehen, also haben wir im Facebook abgemacht, uns im McDonald’s im Serra Shopping zu treffen.“ Sie hatten nicht erwartet, dass die Studenten aus dem vierten Jahr auf einmal in Schwarz auftauchen würden.

Die Praxe ist eine alte Tradition der portugiesischen Universitäten, die grundsätzlich darin besteht, die Erstsemester zu schikanieren. Ihren Ursprung hat sie im 17. Jahrhundert, obwohl es damals eher um Verbrechen als um Streiche ging. „Es gibt strikte Regeln. Man muss nicht nur die Veteranen respektieren, sondern ihnen auch gehorchen“, erklärt Inês. Auf Kommando sagt sie die acht Grundgesetze auf: Erste Regel: Frischling ist nur einer (Caloiro é só um). Zweite Regel: Herdengeist (Espírito de manada). Dritte Regel: Sich immer durchschlagen. Vierte Regel: Respekt ist sehr schön. Fünfte Regel: Entlassen heißt nicht gelassen. Sechste Regel: Der Frischling ist asexuell. Siebte Regel: Frischling verrät keinen Veteranen. Achte Regel: Schwarz brennt. Jeder, der teilnehme, müsse die Regeln im Schlaf können.

Imperatorum mit absoluter Macht

Manche Regeln verstehen sich von selbst, andere nicht. Das erste Gesetz handelt von der Einheit der Neulinge: „Wenn einer etwas Falsches macht, müssen alle leiden.“ Oder das achte, das mit „Schwarz brennt“, meint, dass die Erstsemester die Älteren in ihrer typischen schwarzen Studententracht nicht einmal berühren dürfen. Es gibt „genauso wie im Militär“ eine feste Hierarchie. Die Gesetze und Titel unterscheiden sich je nach Universität. In Covilhã gilt zum Beispiel: „Die im ersten Studienjahr – in Portugal spricht man stets von Studienjahren statt Semestern – sind die Frischlinge, die im zweiten Jahr sind die Meister, im dritten Jahr sind Großmeister, im vierten die Veterane, im fünften die Konsule, und ab dem sechsten heißt man Senadorum.“ Die absolute Macht hat der Imperatorum, der mit der höchsten Anzahl an Semestern.

Bei gewissen harten Aufnahmeriten gibt es manchmal Unfälle, die zur Debatte über die Abschaffung der Praxe führten. So sind am 15. Dezember 2013 sechs Studenten der Universidade Lusófona de Lisboa ertrunken, als sie bei einer Mutprobe nachts ins kalte Meer an der Praia do Meco baden gegangen sind. „Bei uns gab es noch keinen einzigen Unfall. Natürlich wird es manchen übel, wenn sie etwas Anstrengendes machen, aber man darf zu jeder Zeit aufhören. Die meisten älteren Studenten sind sehr vorsichtig und zwingen uns sogar abzubrechen, wenn wir es selbst nicht wollten. Und sie wissen von unseren gesundheitlichen Problemen. Schon am ersten Tag mussten wir ein von ihnen konzipiertes Formular ausfüllen, sowohl mit unseren Kontaktinformationen als auch mit unseren Allergien und solchen Sachen, damit sie sicher sind, dass nichts passieren kann“, erklärt die zierliche Inês.

Mit dem Kopf Richtung Boden

Trotzdem verweigern die Universitäten die Übernahme der Verantwortung und viele, wie die UBI, verbieten solche Riten innerhalb des Campus. „Es kommt auf die Uni an. In manchen gibt es keine Praxe, in anderen eine sehr weiche, und in den älteren Studentenstädten wie Porto oder Coimbra geht es richtig ab. In Braga gibt es das ganze Jahr über die Praxe. Das letzte Wort hat aber immer der einzelne Student. Alles ist freiwillig“, stöhnt die zukünftige Ärztin nach ihrem sechsten Lauf um den steilen Berg, während sie ihre glatten, blonden Haare aus dem hohen Zopf löst, den sie laut Befehl eines Veterans immer tragen muss. „Es ist ein Zeitfresser. 24 Stunden am Tag. Entweder man hat Unterricht oder man ist bei der Praxe“, sagt Inês. „Manche Sachen sind hart. Stundenlang auf allen vieren stehen, den Kopf auf den Boden gerichtet. Man darf die Praxantes, die Älteren, nie direkt anschauen. Da bin ich danach fix und fertig.“

Um mitzumachen, müsse man sich den Älteren ganz und völlig unterordnen. Es gebe Leute, die mit einer solchen Macht überhaupt nicht umgehen könnten. Sie habe schon mal gedacht, einfach aufzugeben. Tatsächlich stecken viele auf. Nach einem Monat nehmen nur noch ungefähr sechzig teil. „Viele aus meinem Kurs haben schon zu Beginn abgesagt.“ Wer hat schon Lust, herumkommandiert zu werden? Viele haben Angst vor der Demütigung, manchen mangelt es an körperlichem und psychischem Durchhaltevermögen. Es sei letztendlich nicht wirklich angenehm, drei Monate lang im Extremfall 24 Stunden am Tag angeschrien zu werden. Die Studentin sitzt auf den Schultern eines Freundes in der Mitte einer Menge anderer Studenten. Ihre Lungen brennen vor Schmerz. Ihr T-Shirt riecht nach Schweiß. Ihre Haare wehen wild im Wind. Sie singt oder besser schreit die Lieder des Medizinstudiengangs. Die Ehre der Medizin steht auf dem Spiel. Jeder Studiengang kämpft gegen den anderen, denn gewonnen hat der, der den höchsten Dezibelwert erreicht. Die Stimmen sind in der ganzen Stadt zu hören. Die meisten lächeln glücklich. „Es gibt zwar Augenblicke, wo man keine Kraft mehr hat. Aber die Praxe bedeutet drei Monate Spaß, Vergnügen und Ausgelassen-Sein. Ein paar Augenblicke Ärger und Wut sind sehr wenig im Vergleich dazu.“

Knackende Eier auf den Köpfen

Nun werden alle in Gruppen aufgeteilt für ein Spiel: Eine Spielshow, nur sind die üblichen Button durch Eier ersetzt und die Tische durch kniende Neulinge. Manche ekeln sich, Inês freut sich. „Ich liebe solche Spiele. Es passiert immer etwas Lustiges.“ Eine Frage wird gestellt, auf die es keine Antwort gibt. Die Zeit ist um, alle müssen ihre Eier drücken. Man hört das Knacken der Eier auf den Köpfen der Studenten. Zu den wichtigsten Riten dieser Universität zählt auch die Taufe. „Wir bekommen einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet, und jemand flüstert unseren neuen Namen ins Ohr. Mein Name ist Frischling Wiggle. Dann muss man aufstehen und sich vorstellen.“

Die Latada ist der Marsch mit dem Motivwagen jedes Studiengangs, der das Ende der Praxe markiert. Stolz arbeitet die Studentin mit anderen an ihrem gigantischen, vier Meter hohen Wagen. „Wir dürfen nur die Farben unserer Fakultät benutzen. Für Medizin ist das Gelb und als Ausnahme Schwarz. Jeder Wagen übt Kritik. Unserer soll die mangelnde Tradition der Serenata darstellen, bei der singen die Tunas, die Studentenchöre, ihren Geliebten Ständchen oder Lieder über die Universität und die Stadt.“ Der Wagen darf nicht motorisiert sein. Er besteht aus einer Holzplatte mit Fässern als Räder. Darauf steht ein handgefertigter gelber Mann aus Draht in einer zerrissenen Tracht. Andere arbeiten an Plakaten und hängen gelbe Dosen auf. Warum hat Inês mitgemacht? „Ich musste aus meiner Heimatsstadt Porto, die 251 Kilometer entfernt ist, umziehen und kannte hier niemanden. Man kommt aus einer kleinen Schule, und plötzlich ist man in einer großen Uni mit Tausenden von Leuten. Deswegen ist die Praxe da. Alle meine Freunde habe ich während dieser drei Monate kennengelernt“, erklärt sie mit heiserer Stimme.

Die Autorin nimmt an dem F.A.Z.-Schulprojekt „Jugend schreibt“ teil.

Quelle: F.A.Z.
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