Hebamme

Intime Momente

Von Henrike Klose, Katholische Schule Liebfrauen, Berlin
 - 14:46

Arbeiten im Schichtdienst, selten ein pünktlicher Dienstschluss, ständige Erreichbarkeit – das alles gehört zu Janika Schätzles Berufsalltag. Die 27-Jährige wusste bereits mit 17 Jahren, was sie werden möchte: Hebamme. „Schon in der Schulzeit war mir klar, dass ich später in den sozialen Bereich gehen möchte. In der 11. Klasse absolvierte ich ein Praktikum bei einer Hebamme und bewarb mich nach dem Abitur für die Ausbildung“, erzählt sie lächelnd. Nachdem die Berlinerin ihre Ausbildung abgeschlossen hatte, arbeitete sie zunächst im Krankenhaus. Nach zwei Jahren klinischer Arbeit entschied sie sich, darüber hinaus freiberuflich als Hebamme zu arbeiten. Das bedeutet, dass sie Frauen zu Hause, überwiegend nach der Geburt im sogenannten Wochenbett betreut. „Ich bin dabei, wenn aus Paaren eine Familie zusammenwächst, begleite und unterstütze sie.“

Freiheit oder Schutz des Arbeitgebers

Doch birgt dieser Beruf auch einige Tücken. Es gibt oft keinen geregelten, planbaren Alltag. „Vor allem als Freiberufliche muss man organisiert sein, da man sich beispielsweise selbst versichern muss.“ Da die Berufsgruppe der Hebammen verhältnismäßig klein ist, ist sie nicht sonderlich attraktiv für Versicherungen. Die Versicherungsbeiträge steigen stetig, so dass im Endeffekt auch die Behandlung immer teurer wird. Als Hebamme im Krankenhaus arbeitet man im Angestelltenverhältnis und bezieht ein regelmäßiges Einkommen. Dies bietet einem eine gewisse finanzielle Sicherheit und den Schutz des Arbeitgebers. Gleichzeitig ist man jedoch dem Arbeitgeber verpflichtet. Als freiberufliche Hebamme kann man seinen Arbeitstag hingegen weitgehend frei gestalten. Man kann entscheiden, wie viele Frauen man betreuen möchte, muss aber gleichzeitig alles selbst verwalten und organisieren. Schätzle entschied sich für eine zusätzliche Freiberuflichkeit neben ihrer Tätigkeit als Angestellte, als eine Freundin schwanger wurde. „Sie hatte mich gefragt, ob ich sie im Wochenbett betreuen kann. Ich stimmte zu und musste mir dann alles Notwendige dafür anschaffen und mich versichern. Nachdem ich das alles gemacht hatte, wollte ich diesen Weg weitergehen und reduzierte meine Arbeit in der Klinik.“

Plötzlich verstummen die Herztöne

Hebamme zu sein bedeute, viel Geduld und Einfühlungsvermögen aufzubringen, stressresistent und teamfähig zu sein, erklärt sie. Der Beruf werde nicht langweilig: „Die Geburt läuft natürlich immer nach einem ähnlichen Schema ab, und es sind auch oft die gleichen Fragen, die mir am Anfang gestellt werden. Jedoch ist jede einzigartig und besonders, vor allem für die werdenden Eltern, was man niemals aus den Augen verlieren darf. Ich darf das Wunder des Lebens täglich hautnah erleben.“ Bisher hat sie rund 800 Geburten betreut. Auch Fehl- und Totgeburten gehören dazu. „Es passiert, dass beim Termin plötzlich während des Ultraschalls keine Herztöne beim Kind festgestellt werden und die Frau ihr Kind leblos auf die Welt bringen muss. Natürlich berührt mich so etwas, jedoch muss man die Professionalität wahren. Wichtig ist es auch, Mitgefühl zu zeigen sowie viel und offen mit den Frauen darüber zu reden.“ Solche Schicksalsschläge erleben viele Frauen, doch meist wird darüber nicht einmal im Freundeskreis gesprochen. „Oft höre ich von Frauen, dass, als sie sich Freunden anvertraut haben, sie dadurch erfahren haben, dass es auch schon anderen passiert ist.“

Tiefe Dankbarkeit erfahren

Glücklicherweise überwiegen die positiven Momente. An eine besonders schöne Geburt erinnert sich Janika Schätzle lebhaft: „Die Frau hat damals ihr erstes Kind auf dem Boden des Kreißsaals hockend bekommen, da ihr diese alternative Position die Geburt erleichterte. Als das Kind geboren war und auf der Matte lag, haben sich die frischgebackenen Eltern mit Tränen in den Augen angeschaut. Ein total emotionaler und intimer Moment, an dem ich teilhaben durfte und wo ich die tiefe Dankbarkeit insbesondere der Frau erfahren durfte. Sie hat ihren Kopf auf meine Schulter gelegt und Danke gesagt, was mich sehr berührt hat.“ Als freiberufliche Hebamme ist man ein besonderer Ansprechpartner für die zu betreuenden Frauen. „Man muss eigentlich jederzeit erreichbar sein und das erschwert das komplette Abschalten nach einem anstrengenden Arbeitstag im Schichtdienst natürlich.“

Überall gibt es offene Stellen

Demnach gehört auch Spontanität zum Berufsalltag dazu, denn ungeborene Kinder halten sich nicht an festgelegte Dienstzeiten. „Es kommt oft vor, dass ich eigentlich nach meinem Frühdienst um 14.30 Uhr Schluss hätte, jedoch um 14.15 Uhr das Kind geboren wird. Da kann man nicht eine Viertelstunde später sagen, dass man jetzt geht. Erst kümmert man sich darum, dass alles geregelt und die Dokumentation gemacht ist.“ Schätzles klinischer Arbeitsalltag besteht aus viel Hin-und-her-Gerenne zwischen den Kreißsälen, denn irgendwo wird immer eine Hebamme benötigt. Auch im Sankt- Joseph-Krankenhaus in Berlin-Tempelhof, in dem Schätzle seit fünf Jahren angestellt ist und nun in Teilzeit arbeitet, spürt man manchmal den herrschenden Personalmangel. Es gibt in ganz Deutschland offene Stellen. „Darunter leidet auch die Betreuung der Frauen. Man lernt in der Ausbildung das Optimum: eine Eins-zu-eins-Betreuung, die für die Frauen am besten ist. Das kann man in der Realität momentan nicht immer umsetzen.“

Mehr als 14 Stunden in den Wehen

Immer wieder kommt es zu dramatischen Situationen. „Einmal hatte ich Nachtdienst, war etwas übermüdet und stand noch vor der Tür mit einer Kollegin. Ein Auto kam mit 60 Stundenkilometern angerast und der Fahrer fragte uns, wo der Kreißsaal sei, da seine Frau das fünfte Kind erwarte. Er verlangte nach einem Rollstuhl für seine Frau, doch die Zeit war so knapp, dass wir das nicht mehr geschafft hätten. Wir nahmen die Frau rechts und links unterm Arm und zogen sie in den Kreißsaal. Währenddessen schrie die Frau, dass sie pressen müsse. Wir haben sie dann schnell auf ein abgedecktes Bett gelegt, die Hose runtergezogen und konnten bereits den Kopf des Kindes sehen. Das war eine schnelle Geburt“, erinnert sie sich lachend. Das andere Extrem sind lang andauernde Geburten. „Auch solche erlebt man immer wieder. Ich habe einmal eine Frau betreut, die mehr als 14 Stunden im Kreißsaal in den Wehen lag. Der Muttermund war bereits seit vier Stunden geöffnet, jedoch kam der Kopf nicht hindurch. Als ich der Frau vorschlug, mit einer Saugglocke zu helfen, drehte sie sich um und presste, bis der Kopf kam. Das ging plötzlich so schnell, dass ich es fast nicht in die Handschuhe geschafft hätte.“

Später reichte eine SMS

Freiberuflich betreut sie gegenwärtig in ihrer dienstfreien Zeit etwa 20 Frauen. Einige davon sind noch schwanger, bei den anderen macht Schätzle die Nachsorge oder die Wochenbettbetreuung. „In der ersten Woche nach der Geburt besuche ich die Frauen täglich. Das wird dann mit der Zeit weniger und dauert in der Regel circa zwölf Wochen. Manchmal reicht dann zwischen den Besuchen auch eine kurze Beruhigungs-SMS.“

Quelle: F.A.Z.
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