Holocaust

Immer wieder kam die Gestapo in die Villa

Von Lisa Weickert, Katharina Filla, Katholische Schule Liebfrauen, Berlin
 - 10:17

Dunkelheit, muffiger Geruch, knarrende Holzdielen, die an ein verfallenes Haus, das lange nicht mehr bewohnt wurde, erinnern. Zwei mächtige Schornsteine, hinter einem liegt eine fast wie ein Zimmer abgeteilte Empore, zu der eine wackelige Holzstiege hinaufführt. Heute wirkt der weitläufige Dachboden der Villa in der Berliner Ahornallee verlassen und angsteinflößend, zugleich aber auch anziehend und geheimnisvoll, denn es ist kein gewöhnlicher Dachboden. Zur Zeit des Nationalsozialismus versteckten hier Ordensschwestern Menschen, die vom Regime verfolgt wurden, und halfen, sie vor dem sicheren Tod zu retten. Ursprünglich gehörte die 1910 erbaute Villa dem jüdischen Patentanwalt Felix Kallmann. Er verkaufte sie 1934 an die Kongregation der Schwestern Unserer Lieben Frau. Die Schwestern führten hier das Schülerinnenheim „Maria Regina“ und gaben jungen Mädchen, die meist die nahe Liebfrauenschule besuchten, ein Zuhause. Eines dieser Mädchen war die 1930 geborene Margrit Metzmacher, heute Margrit Korge. Sie fand im Alter von sieben Jahren Zuflucht bei den Schwestern, als ihre jüdische Mutter Deutschland verließ. Den Schwestern gelang es, die Herkunft des Mädchens vor den Nationalsozialisten zu verbergen.

Wer schweigt, der überlebt

Vor einigen Jahren besuchte Margrit Korge nach vielen Jahrzehnten das Haus. „Frau Korge war äußerst ergriffen, da sie alle Räumlichkeiten wiedererkannte. Sie raste förmlich durch die Villa und erzählte über jeden Raum ihre persönlichen Eindrücke und Erinnerungen“, sagt Rupert von Stülpnagel, Leiter des Beratungs- und Bildungszentrums des Berliner Erzbistums, das heute in der Villa untergebracht ist. Er hat sich intensiv mit der Geschichte der Liebfrauen-Villa und dem Schicksal Korges beschäftigt. So erfuhr er, dass das Schlafzimmer der kleinen Margrit auf einen Gang führte, von dem ein Aufgang zum Dachboden ausging. Den Kindern war es streng verboten, diesen Aufgang zu betreten. Margrit beobachtete öfter, wie eine Schwester mit einem Tablett voll Essen in diesem Aufgang die Treppe zum Dachboden hoch- und runterlief. Dort oben wohnte jedoch nach dem Wissen der Kinder niemand. „Obwohl sie sich auf die Schwester mit dem Tablett keinen Reim machen konnte, fragte Margrit nicht nach. Das Motto zu dieser Zeit war: Wer schweigt, der überlebt“, erklärt von Stülpnagel. Später wurde Margrit Korge klar, dass weitere von den Nationalsozialisten verfolgte Menschen dort versteckt wurden.

Die Gestapo zählte die Kinder ab

Das wichtigste Gesetz in dem Heim, das aber unausgesprochen blieb, war die Verschwiegenheit. Keines der Kinder wusste etwas über die anderen und auch nicht über die Gäste, die sich hier hin und wieder aufhielten. „Dadurch, dass man nichts wusste, konnte man auch draußen nichts ausplaudern“, sagt von Stülpnagel. „Noch im hohen Alter hat Margrit Korge Probleme damit gehabt, über die damalige Zeit und die Geschehnisse zu sprechen.“ Dennoch erfuhr er Details. Etwa, dass die Gestapo dem Heim immer wieder unangekündigte Besuche abstattete. Obwohl es eine christliche Einrichtung war, vermutete sie, dass dort Juden versteckt wurden. Alle Kinder mussten sich im leeren Schwimmbad im Keller versammeln, wo sie von der Gestapo gezählt wurden. Die Schwestern versuchten, die Männer aufzuhalten, scheiterten aber. Korge erinnerte sich an die schwarzen Stiefel und Ledermäntel der Männer. Auch nach der Hausdurchsuchung habe der Schock bei den Kindern wie auch bei den Schwestern noch tief gesessen. Entdeckt wurde dabei niemand.

Von da an lebte sie im Untergrund

Margrit Korge hatte nur die Möglichkeit, in dem Heim zu leben, weil ihre vermögenden jüdischen Großeltern die Heimkosten aufgebracht haben, um ihrer Enkelin eine Chance zum Überleben zu geben. Als 1939 alle Juden aufgefordert waren, ihr Vermögen dem Staat zu überlassen, hielten Margrits Großeltern ihren Geldbesitz zurück aus Angst, so ihre Enkelin zu verlieren. Jedoch wurde ihnen genau diese Handlung zum Verhängnis. „Am 24. Oktober 1941 wurden Margrits Großeltern deportiert“, berichtet von Stülpnagel erschüttert. Ende 1941 wurde Margrit von ihren Verwandten väterlicherseits, die nicht jüdisch waren, aus dem Heim geholt. Da die Überwachung durch die Gestapo immer gefährlicher für Margrit war, musste sie sich verstecken. Dennoch wurde sie bei einem Luftangriff von der Gestapo entdeckt und registriert. Aber es gelang ihr unterzutauchen. Von da an lebte sie im Untergrund. Immer wieder fand sie Menschen, die ihr dabei halfen. Margrit Korge überlebte und blieb nach Kriegsende in Deutschland. Sie wollte gegen diese Art der Gewalt vorgehen, doch ihr wurde bewusst, dass man die menschliche Grausamkeit nicht mit dem Wirken im Kleinen bekämpfen kann. Daraus entwickelte sich ihre Berufung. Sie wurde Lehrerin um den Kindern ein Vorbild zu sein. „Frau Korge bewundert die Schwestern, die sie während ihrer Kindheit betreut haben sehr, da sie sich aus ihrem Glauben heraus treu im Widerstand gegen die Verfolger gewehrt haben.“

Margot Friedlander berichtet als Zeitzeugin

Auch heute wird in der Villa an die Gewalt des Nationalsozialismus erinnert. Auf Initiative Margrit Korges gibt es eine Gedenktafel. Die Schulgemeinschaft der Katholischen Schule Liebfrauen, die die Villa mitnutzt, hat ein Projekt zur Stolpersteinverlegung ins Leben gerufen: Schüler haben die Geschichten von neun jüdischen Bewohnern der Ahornallee, die deportiert und umgebracht wurden, aufgearbeitet. Als Zeitzeugin berichtete Margot Friedlander mehrfach über ihr Schicksal als Jüdin in Berlin während der NS-Zeit. Seit 20 Jahren gibt es einen Schüleraustausch mit Jerusalem. Margrit Korge ist bis heute als Zeitzeugin aktiv. „Die Liebfrauenschule und die Villa in der Ahornallee sind für mich das Synonym der Hoffnung geworden“, sagt sie.

Quelle: F.A.Z.
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