Holocaustopfer

Das Kind wusste nicht, dass der Zug nach Auschwitz fuhr

Von Vanessa Reuß-Morel, Bayernkolleg Schweinfurt
 - 14:41

Eva Szepesi hatte eine glückliche Kindheit – bis zu ihrem zehnten Lebensjahr. Die in Budapest aufgewachsene Jüdin war vom 2. November 1944 bis zum 27. Januar 1945 Gefangene im Konzentrationslager von Auschwitz. Mehr als 50 Jahre hat sie über das Erlebte geschwiegen. Seitdem möchte sie über die schrecklichen Ereignisse erzählen, „denn so etwas darf nie wieder passieren“. Die 85-Jährige hält im Rahmen der Reihe „Zeitzeugen berichten“ einen Vortrag im Bayernkolleg Schweinfurt. Sie liest aus ihrem Buch „Ein Mädchen allein auf der Flucht“ und beantwortet Fragen des betroffenen Publikums.

Das letzte Mal, dass sie ihre Mutter sah

Ab dem 5. April 1944 war die Familie dazu verpflichtet, den Judenstern zu tragen. Eva ging nicht mehr zur Schule, verließ nur noch selten das Haus. Der Vater musste zum Arbeitsdienst nach Weißrussland, man hörte nie wieder etwas von ihm. Den eigenen Laden der Familie musste die Mutter schließen. Ich bemerkte, dass Mutter und Tante nun öfters am Tisch saßen und miteinander tuschelten.“ Wenige Tage später erklärte ihr die Mutter, dass Eva Szepesi mit ihrer Tante eine „kleine Reise“ machen solle. Ein kleiner Koffer und eine Fahrkarte lagen bereits auf dem Bett des Mädchens. Die Mutter versprach, mit Evas Bruder nachzureisen. Das war das letzte Mal, dass Eva Szepesi ihre Mutter sah.

Sie und ihre Tante flohen nachts durch einen Wald, im Morgengrauen erreichten sie die ungarisch-slowakische Grenze und kamen bei mehreren Familien unter. „Sie sagten mir, dass ich irgendwie mit ihnen verwandt sei.“ Eva Szepesi wird liebevoll behandelt, jedoch ist ihr Aufenthalt immer von kurzer Dauer. „Ich fragte mich immer wieder, wann meine Mutter endlich nachkommen würde.“ Eines Nachts hämmerte es an die Tür. NS-Männer stürmten in das Haus und zwangen das Mädchen dazu, mit ihnen zu gehen. Ihre liebgewonnene Puppe musste sie zurücklassen. Sie erreichten einen Bus voller ängstlicher Insassen. Nach mehreren Umstiegen wurde sie in Sered in einen Waggon voller Menschen gezerrt. „Damals wusste ich noch nicht, dass der Zug mich nach Auschwitz fahren würde.“

Gestank, Gebrüll, Geschrei

Auf dicht gedrängtem Raum fuhren die Insassen stundenlang ins Ungewisse. „Die Luft war unerträglich knapp, und mit der Zeit verbreitete sich ein schrecklicher Gestank im Waggon. Einige mussten sich übergeben.“ Sie erreichten an einem späten Nachmittag Auschwitz, als die Türen des Waggons aufgerissen wurden. „Von Scheinwerfern geblendet, stolperten wir aus dem Waggon, als man uns mit Gebrüll und Geschrei empfing.“ Um sie herum standen deutsche SS-Männer, die teilweise Hunde und Lederpeitschen bei sich hatten. Die Männer brachten die Gefangenen in ein Gebäude, in dem sie persönliche Gegenstände abgeben und sich entkleiden mussten. „Ich trug die Fahrt über eine blaue Kostümjacke, die meine Mutter gestrickt hatte. Sie gab mir ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.“ Das Mädchen verlor in diesem Moment das letzte Andenken an ihre Mutter. Es soll noch schlimmer kommen: Eine Aufseherin mit einer Schere in den Händen ging auf Eva Szepesi zu und schnitt ihr das Haar ab. „Sie schmiss meine geliebten Zöpfe auf einen Haufen voller Haare. Ich wurde vollkommen kahl geschoren.“

Mädchen unter 15 Jahren wurden sofort vergast

Nach einer Dusche im Duschraum bekam sie ein gestreiftes Hemd und Holzpantinen zugeteilt. Sie wurde fotografiert und zu einer Waage gebracht. Als sie um sich sah, erschrak das Mädchen. „Ich war schockiert. Um mich herum lagen völlig abgemagerte und in Lumpen gehüllte Gestalten.“ Viele von ihnen zu schwach, um die Neuankömmlinge zu erkennen.

Am nächsten Morgen wurden Eva Szepesi und die anderen Gefangenen in die Baracken getrieben. Sie mussten sich in einer langen Reihe anstellen, um sie herum standen überall Tische. Noch bevor Eva an der Reihe war, beugte sich eine Aufseherin zu ihr und befahl ihr auf Slowakisch: „Du bist 16. Versuche ja nicht, dich jünger zu stellen.“ Als sie an der Reihe ist, gab Szepesi das falsche Alter an, daraufhin wurde sie mit der Nummer A26877 am linken Unterarm tätowiert. „Ich wusste nicht, was diese Frau von mir wollte. Sie sah mich anders an als die anderen Aufseherinnen, deshalb habe ich getan, was sie gesagt hat.“ Heute weiß Szepesi, dass die Frau ihr damals das Leben gerettet hat. Denn das Mädchen ist zu diesem Zeitpunkt erst zwölf Jahre alt, und Mädchen unter 15 wurden sofort vergast. „Nicht alle Aufseherinnen waren schlecht. Aber viele von ihnen hatten bereits Jahre dort gearbeitet. Das waren keine Menschen mehr, das waren Tiere“, ergänzt die Zeitzeugin.

„Du musst leben, leben, leben“

Das Verhältnis zwischen den Gefangenen war nicht leicht. „Wir alle litten großen Hunger. Oft wurden Mitgefangene beklaut, oder man stritt sich um ein letztes Stück Brot.“ Stella, eine Gefangene, deren Tochter man vor ihren Augen erschossen hatte, teilte das Essen bedingungslos mit dem Mädchen. „Ich glaube, ich habe sie an ihre verstorbene Tochter erinnert.“ Eva Szepesi wollte leben. „Der Gedanke, meine Familie wiedersehen zu müssen, gab mir Kraft. Immer wieder sagte ich mir selbst: Du musst leben, leben, leben.“ Erst Jahre später erfuhr sie, dass ihre Familie mit 500 000 anderen ungarischen Juden in die Konzentrationslager deportiert worden war.

Als sie einmal unbefugt in den Duschraum ging, wurde sie von einer Aufseherin ausgepeitscht. „Ich habe schnell gelernt, den Mund zu halten und nicht aufzufallen.“ Tagsüber wurde sie zur Arbeit gezwungen. „Ich musste Ziegel schleppen und Kieselsteine in einem Korb sammeln.“ Sie magerte rasch ab, verlor an Kraft, und es fiel ihr schwer, das Geschehen um sie herum wahrzunehmen.

Das Weinen der Frauen, das Schreien der Aufseher

Mitte Januar 1945 räumten die Deutschen das Lager, als sich die Rote Armee näherte. Die NS-Männer riefen alle bewegungsfähigen Juden zusammen für den Todesmarsch. „Ich hörte das Weinen der Frauen und das Schreien der Aufseher. Einige Frauen neben mir rafften sich mühsam auf und gehorchten den Befehlen.“ Unter ihnen auch Stella, der einzige Halt des Mädchens. „Sie verabschiedete sich von mir. Ich wollte ihre Hand nicht loslassen. Aber ich war zu schwach, um zu rebellieren.“ Neben ihr lagen regungslose Frauen. Sie waren alle tot. „Die Toten wurden zurückgelassen, man hat sie nicht begraben. Die Kranken hat man sich selbst überlassen.“ Auch Eva Szepesi blieb zurück. Die Soldaten glaubten, sie würde ohnehin bald sterben.

Die Kranken waren ohne Nahrung und Wasser und zu schwach, um nach Essen zu suchen. Das Mädchen verlor allmählich das Bewusstsein. „Ich träumte von Wassersuppe und altem Brot.“ Eva Szepesi wusste nicht, wie viel Zeit verging, bis ein russischer Soldat sich über sie beugte. Die Rote Armee brachte die Überlebenden in ein Lazarett, wo sie gepflegt und versorgt wurden. Als sie wieder bei Kräften war, kehrte sie zu ihrer Tante und ihrem Onkel nach Budapest zurück. Nicht einmal mit ihrem Mann hat sie über diese Zeit gesprochen. Sie hoffte, das Geschehene vergessen zu können, wenn sie es für sich bewahren würde. „Er wusste davon, aber stellte mir nie Fragen.“ 1995 erhielt Eva Szepesi eine Einladung zur Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Ihre Töchter überredeten sie zu einer Fahrt nach Auschwitz, wo sie zum ersten Mal interviewt wurde. „Das hat mich zum Nachdenken gebracht, und ich merkte, dass ich nicht länger schweigen wollte. Ich fing an, über meine Vergangenheit zu sprechen und darüber zu schreiben.“ Das Schreiben half ihr, das Erlebte und den Verlust ihres Bruders und ihrer Eltern zu verarbeiten. „Es gibt keinen Friedhof, auf den ich gehen könnte, um um meine Familie zu trauern. Wenn ich schreibe, habe ich das Gefühl, trauern zu können.“

Darüber ist sie fassungslos

Sie möchte für die sprechen, die es nicht mehr können: für ihren Bruder, für die Mutter, für all diejenigen, die in Auschwitz ums Leben gekommen sind. Sie ist fassungslos, wenn sie hört, dass es Menschen gibt, die den Holocaust leugnen: „Ich war dort, ich habe gelitten, und ich weiß, dass der Holocaust keine Lüge ist.“ Die Erkennungsnummer A26877 ist noch heute auf ihrem linken Unterarm sichtbar. „Die Tätowierung gehört irgendwie zu mir. Ich wollte es nicht entfernen lassen. Damals wurden alle, die nicht tätowiert waren, gleich getötet oder vergast. Eine Tätowierung versprach Leben – wenn auch nur vorläufig.“

Eva Szepesi ist heute Frankfurterin: „Mein Mann wurde 1954 vom ungarischen Außenhandelsministerium nach Frankfurt am Main zur Arbeit in die ungarische Handelsvertretung geschickt. Meine zweijährige Tochter und ich zogen mit ihm um. Als wir 1956 zu Besuch in Budapest waren, brach gerade die ungarische Revolution aus. Als wir dann zurück nach Deutschland zur Arbeit fuhren, blieben wir in Frankfurt am Main und kehrten nicht mehr nach Ungarn zurück. Mein Mann war gelernter Kürschner, und so begannen wir unser Leben neu, mit einer kleinen Kürschnerwerkstatt im Westend.“

Quelle: F.A.Z.
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