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Jugendfreizeit

Fairer Umgang ist das Grundgerüst des Freizi

Von Ramona Fried, KGS Waldschule, Schwanewede
 - 11:47
Im Bremer Jugendfreizeitheim gibt es ständig neue Kurse Bild: Moni Port, F.A.Z.

Als ich 2007 angekommen bin, war dieses Freizi eine rattendurchflutete Müllruine, die zu der Zeit von staatlicher Hand an den freien Träger der Caritas gegeben wurde und bereits einige Jahre leer stand.“ Wenn Thea Fabri, die in Jeans gekleidete Leiterin des von der Caritas getragenen Jugendfreizeitheims in Bremen-Farge, durch das sonnendurchflutete Gebäude läuft und ihr großer Schlüsselbund klimpert, ahnt man sofort, dass sie die Hausherrin ist. Sie hat das freundlich gestaltete, weitläufige Freizeitheim, das schon in den achtziger Jahren als solches diente, kernsaniert, gestrichen und das Equipment aufgestellt. Trotz Hürden gelang der Neustart.

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Die 600 Quadratmeter sind gemütlich gestaltet. In der Küche stehen Obstkörbe, es gibt passend zur Sommerhitze kostenlos Wasser. Auch die vielen Aufenthaltsräume, wie etwa der Kreativraum, in dem an einem Dinocar geschraubt wird, der Fitnessraum oder der Musikraum, für den gerade neue Instrumente angekommen sind, wirken einladend. Das Freizi charakterisiert sich zudem durch knatschende Treppen, den Geruch des alten Gemäuers sowie bunte Wände. „Jeder Raum stinkt anders“, sagt Thea Fabri lächelnd.

Von acht bis 27 Jahren

Trotz einer Vielzahl an sportlichen und musischen Aktivitäten ist das in dieser Form seit zehn Jahren bestehende Haus nicht nur zur abwechslungsreichen Freizeitgestaltung gedacht. Der pädagogische Aspekt steht im Vordergrund. Es kommen Kinder und junge Menschen im Alter von acht bis 27 Jahren. Manche stammen aus sozial schwächeren Familien mit Migrationshintergrund und ohne viele Perspektiven aufgrund von Sprachdefiziten. Sie lernen bei lockerem Billardspiel soziales Miteinander. Rund 20 Jugendliche haben bei einem Treffen nach Vorbild eines japanischen Sammelkartenspiels und Mangas „ihren Yu-Gi-Oh!-Wahn ausgelebt“, wie die Caritas-Mitarbeiterin Thea Fabri liebevoll sagt.

Des Weiteren spielen die von der Sozialpädagogin organisierten kostenlosen Projekte eine bedeutende Rolle hinsichtlich der persönlichen Weiterentwicklung der Jugendlichen. Über die ständig wechselnden Angebote informieren die monatlich neu gestalteten bunten Flyer, die im Flur ausgelegt sind. Das Picasso-Projekt, das Musik- und Videoprojekt, die wöchentliche Kochgruppe sowie Baby-Bedenkzeit-Projekte oder Selbstbehauptungskurse zeichnen die Einrichtung aus. Um möglichst viele verschiedene Jugendliche anzulocken, werden immer wieder neue Workshops angeboten.

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Bremer Jugendpreis

Mit Erfolg: Die Teilnehmer des Medienprojektes gewannen bereits vor zwei Jahren den Bremer Jugendpreis. Sie entwickelten zusammen mit einer der insgesamt sechs Stammhonorarkräfte und zwei hauptamtlichen Mitarbeitern ein Video, in dem sie die Einrichtung in allen hier gesprochenen Sprachen vorstellten. Projekte wie diese sind nur möglich, da alle Mitarbeiter, die sowohl im Tanzen wie in der Hausaufgabenbetreuung geschult sind, aus dem vom Land Bremen gestellten Jahresbudget bezahlt werden. Besonders das Sprachenprojekt liegt Fabri am Herzen. „Mir geht es darum, für Sprache zu sensibilisieren“, erklärt sie und verweist auf häufige Konfliktsituationen zwischen den deutschen und Kindern kurdischer oder anderer südländischer Herkunft aufgrund von Missverständnissen durch Sprichwörter. „Wenn man vom Teufel spricht“ – und schon fühle sich jemand „auf den Schlips getreten“. Wenn ich einen Streit schlichten möchte, macht es Sinn, das in sozialen Netzwerken zu machen oder kläre ich das lieber persönlich? Auch auf diese Fragen sollen die Kinder des Freizi eine Antwort finden.

Steckenpferd Bewerbungstraining

Zukunftsrelevante Themen werden aufgegriffen, beispielsweise beim Bewerbungstraining, das so beliebt ist, dass es nur noch nach Terminabsprachen geht. „Das ist ein absolutes Steckenpferd“, berichtet Fabri in ihrem kleinen Büro, das jederzeit für die jungen Besucher offen steht. Kinder, die begeistert von den Erlebnissen des Tages sprechen, oder Jugendliche, die neue Ideen für den nächsten Workshop haben, gehen bei ihr ein und aus. Das Gebäude erscheint wie ein zweites Zuhause, in dem man, so sagen schon die Kinder, „dem Alltagsstress entfliehen“ könne. Das durch Sponsoren finanzierte Konzept einer „Kleinigkeit für knurrende Mägen“ kommt bei den täglich 30 bis 80 Jugendlichen gut an. „Hier in Bremen-Nord hast du mit dem Freizi die beste Wahl getroffen“, sagt ein 25-jähriger Familienvater, der hier seinen persönlichen Rückzugsort gefunden hat.

Diesen Ärger hat sie sich abgewöhnt

Thea Fabrik investiert viel Herzblut und wirbt persönlich immer wieder neue Sponsoren für Projekte an. Im Vordergrund steht das soziale Lernen. Ihre Hauptaufgabe formuliert sie wie folgt: „Ich muss die Regeln, meine Energie und die Leistungskraft der Mitarbeiter dahin schleusen, dass wir unser Hauptziel, ein gutes Miteinander, erreichen.“ Sich über enormen Papierverbrauch und kleine Kratzer an der Tischtennisplatte aufzuregen, hat sie sich schon lange abgewöhnt, um ebendieses Hauptziel nicht aus den Augen zu verlieren. Auch mutiger und standhafter sei sie durch die allmähliche Verankerung in der Umgebung geworden, so dass sie sich heute traue, konsequent die Einhaltung bestimmter Werte zu fordern.

Ohne sich zu beleidigen

Passend zur Orientierung des Trägers seien christliche Werte wie Respekt und Toleranz die Voraussetzungen für ein gutes Miteinander, so dass Meinungsunterschiede bezüglich der Umgestaltung des Musikraums nicht problematisch sind. Fabri versucht, kleinere Streitigkeiten durch Aussprachen während einer kleinen Mahlzeit zu lösen. So sollen die Kinder lernen, faire Diskussionen auszutragen und sich an einen Tisch zu setzen. Auch der bewusste Verzicht auf ein Pfandsystem zeigt, dass Vertrauen an erster Stelle steht. Bei den vielen Ausflügen sollen alle lernen, wie sie miteinander umgehen dürfen, ohne sich zu beleidigen oder gar zu verletzen. Eine Hierarchie unter den Besuchern gebe es nicht. Das hat sich die engagierte Frau als Ziel genommen: „Ich möchte nicht, dass es hier so zwei Seiten gibt.“ Regeln und Umgangsformen bieten Schutz und bilden „das Grundgerüst des Freizi“.

Quelle: F.A.Z.
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